Uganda: Vom Kindersoldaten zum Priester

"Meine Familie wollte schon eine Totenmesse für mich lesen lassen"

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Von Eva-Maria Kolmann

ROM, 19. Juli 2010 (ZENIT.org).-Stephen war 16, als die Rebellen der berüchtigten Lord's Resistance Army am 11. Mai 2003 das kleine Seminar der Erzdiözese Gulu in Norduganda überfielen und ihn und 40 weitere Seminaristen entführten. Sie verschleppten die Jugendlichen in den Busch, um sie zu Soldaten auszubilden. Zwölf der Jungen werden bis heute vermisst. Stephen hatte Glück: Er konnte nach einigen Wochen der Hölle entfliehen. Heute bereitet er sich am Priesterseminar in Alokolum auf die Priesterweihe vor. Vertretern des internationalen katholischen Hilfswerks "Kirche in Not", die kürzlich Uganda bereisten, hat er seine Geschichte erzählt. Vor uns sitzt ein junger Mann, der schon als Jugendlicher mehr gesehen hat, als man sich vorstellen kann.

Morde, Vergewaltigungen, Folter - alles war für ihn zwei Monate lang Alltag, und die Rebellen wollten ihn ebenfalls zum Töten erziehen - gerade deshalb, weil er Seminarist war. Einige seiner Leidensgenossen wurden vor seinen Augen mit Knüppeln und Gewehren erschlagen. Andere wurden mit Macheten in Stücke gehackt, weil ihre Füße nach unendlichen Fußmärschen zu wund waren, als dass sie noch hätten weiterlaufen können. Er hatte jedoch Glück im Unglück.

 

In seinen Augen spiegelt sich noch heute tiefes Leid, ein Grauen, das sich mit Worten nicht ausdrücken lässt. Mit ruhiger Stimme, wie selbstverständlich, erzählt er, wie alles passiert ist, aber das entsetzte Schweigen seiner Augen sagt mehr als seine Worte. Um zwanzig Minuten nach Mitternacht kamen die Rebellen. Es waren ungefähr zwanzig. Einige umstellten das kleine Seminar, andere gingen direkt zum Schlafsaal, in dem die sechzehnjährigen Schüler schliefen. Sie versuchten, die schwere Tür aufzubrechen. Als es ihnen nicht gelang, stieg ein Rebell durch das Fenster ein und öffnete die Tür von innen.

Ein Seminarist hatte schnell die Sicherung herausgeschraubt, damit die Angreifer durch die Dunkelheit an ihrem Tun gehindert würden, aber die Rebellen hatten Fackeln. Die beiden Soldaten, die die Regierung dem Seminar als Wache zur Verfügung gestellt hatte, waren sofort geflohen, als die Rebellen auftauchten.

"Wir waren verlassen, niemand war da, um uns zu beschützen", sagt Stephen. Außer den Seminaristen hielten sich auf dem Gelände des Seminars auch noch 1000 bis 2000 Menschen aus der Bevölkerung auf – vor allem Frauen und Kinder -, die dort über Nacht Schutz gesucht hatten. Ein kleiner Junge von etwa sieben Jahren wurde von einem Rebellen vor den Augen seiner Mutter erschossen, erzählt uns der junge Mann mit starrer Miene. Die Rebellen fesselten die jungen Seminaristen mit Stricken und banden jeweils vier von ihnen zusammen. Dann brachen sie Schränke und Koffer auf, plünderten alles und zwangen die Jungen, so viele Decken, Schuhe, Kleidungsstücke etc. mitzunehmen, wie sie nur tragen konnten.

Es folgte ein stundenlanger Fußmarsch durch die Nacht. Morgens wurden die Jugendlichen in kleine Gruppen aufgeteilt und an verschiedene Orte verschleppt. Ein Mann mit einem Maschinengewehr schaute jedem von ihnen ins Gesicht und griff willkürlich einige heraus. Die Seminaristen sollten nicht zusammen bleiben. Wieder endlose Fußmärsche, wieder willkürliche Verteilungen auf verschiedene Kommandos. Ein Kommandeur befahl den Knaben: "Ihr müsst euch jetzt als Armee ansehen!" Ihnen wurde eingeschärft, dass jeder, der versuchen würde zu fliehen, sofort getötet werden würde. Es wurde von ihnen bedingungsloser Gehorsam gefordert. Dass dies keine leeren Drohungen waren, musste Stephen selbst mit ansehen.

Dennoch nahm sein Glaube an Gott keinen Schaden, im Gegenteil. Stephen lächelt, wenn er über seine Berufung spricht, die durch die leidvollen Erfahrungen sogar noch gestärkt wurde. Sein Glaube sei gewachsen, gesteht er mit einem Blick, in dem Freude und Hoffnung liegen – und das Wissen um die Gnade, die ihm geschenkt wurde. "Ich habe Dinge gesehen, von denen ich gedacht hätte, sie niemals mit ansehen zu können. Aus menschlicher Kraft wäre es unmöglich gewesen, all dem zu entrinnen.

Aber Gott tut Wunder. Es blieb mir buchstäblich nichts anderes als das Gebet. Dies war die einzige Hoffnung. Wir konnten aber nicht gemeinsam beten, also betete ich allein. Auf jedem der langen Fußmärsche betete ich den Rosenkranz, indem ich ihn an den Fingern abzählte, weil ich keine Rosenkranzkette hatte. Das Gebet war alles, was ich hatte. Es mag Menschen geben, die Gott nicht erfahren haben, aber ich habe ihn erfahren." Fast zwei Monate nach seiner Entführung griffen Regierungstruppen die Rebellen an. Im Bombenhagel und Maschinengewehrfeuer gelang Stephen die Flucht. Er hätte dabei leicht ums Leben kommen können, aber er schaffte es, zu entkommen. Zunächst versteckte er sich im Gestrüpp. Ein Rebell bemerkte, dass er fehlte, und schrie, drohte und fuchtelte mit der Waffe herum, um ihn einzuschüchtern. Zunächst dachte Stephen, der Mann habe ihn entdeckt, aber als er sich drohend in die falsche Richtung wandte, wusste der Junge, dass der LRA-Mann nur so getan hatte, um ihm Angst einzujagen.

Stephen hörte aber, wie der Rebell zu einem anderen sagte: "Der kehrt sowieso nicht in sein Dorf zurück, der war schon zu lange bei uns!" Dies war die Methode der Rebellen: Sich die Kinder gefügig zu machen, indem sie ihren Willen vollkommen brachen.

Aber bei Stephen war ihnen dies nicht gelungen. Als niemand mehr da war, der ihn hätte entdecken können, machte sich der Junge auf die Flucht. Tagelang sah er keine Menschenseele, er schleppte sich durch den Busch, ohne zu wissen, wo er war. Immer wieder kletterte er auf Bäume, um Ausschau zu halten nach einem Menschen oder einem belebten Ort. Als er völlig erschöpft war und nicht mehr weiterlaufen konnte, gelangte er zu einer verlassenen Schule. Dort schlief er in einem Klassenzimmer. Als er am nächsten Morgen erwachte, stand ein Mann vor ihm: Ein Soldat der Regierungstruppe. Als Stephen ihm erklärte, dass er ein entführter Seminarist sei, sagte der Soldat: "Du hast Glück, du bist jetzt in Sicherheit". Er trug ihn auf seinem Rücken in das Militärlager, und von dort aus wurde er auf einer selbstgebauten Tragbahre und einem Fahrrad in die Stadt transportiert, wo er ins Krankenhaus gebracht wurde. Dort besuchte ihn der Rektor des Seminars und brachte ihn nach Hause. Stephens Familie hatte ihn für tot gehalten.

"Sie wollten schon einen Priester bitten, die Totenmesse für mich zu lesen", lächelt Stephen. Seine überglücklichen Eltern und seine sechs Geschwister wollten ihn gar nicht mehr zurück ins Seminar lassen. Aber als Stephen dem Kleinseminar einen Abschiedsbesuch abstatten wollte, spürte er, dass dies sein Platz ist, und so packte er heimlich seine Sachen, ohne den Eltern Bescheid zu sagen, und ging zurück ins Seminar. Zwölf seiner ehemaligen Kameraden werden jedoch noch immer vermisst. Am Jahrestag ihrer Entführung schrieben der Rektor des Seminars, Monsignore Matthew Odong, und die anderen Seminaristen ihnen einen Brief, den sie vielleicht nie lesen werden. Darin steht: "Wir vertrauen Euch dem Schutz und der Fürsorge Jesu Christi an, der Euch dazu berufen hatte, Priester zu werden und die Liebe und Barmherzigkeit Gottes in der Welt zu verkünden. Wir lieben Euch, liebe Seminaristen, möge Gott Euch behüten und Euch heil nach Hause bringen. Unsere Gebete sind immer mit Euch."

So wie diese 41 Seminaristen, von denen ein knappes Drittel vielleicht nie wieder zurückkehren wird, wurden seit 1988 in den mehr als 20 Jahren des blutigen Konfliktes zwischen der Lord’s Resistance Army unter der Führung von Joseph Kony und der ugandischen Regierung im Norden des Landes mehr als 30.000 Kinder und Jugendliche von den LRA-Rebellen verschleppt. Die Jungen wurden als Soldaten, die Mädchen als Sexsklavinnen missbraucht. Sie wurden grausam vergewaltigt, mit Drogen gefügig gemacht, zum Töten gezwungen, für kleine Vergehen drakonisch bestraft, gefoltert und teilweise selbst bestialisch ermordet.

Noch heute fehlt von vielen jede Spur. Diejenigen, die überlebt haben, sind für das ganze Leben schwer traumatisiert. Manche von ihnen trauen sich nicht, zu ihren Familien zurückzukehren, weil sie sich für die Taten, zu denen sie gezwungen wurden, schämen. Oft zwangen die Rebellen die entführten Kinder und Jugendlichen absichtlich dazu, Menschen in ihren Heimatdörfern und sogar ihre eigenen Eltern und Geschwister zu ermorden, um ihnen die Rückkehr unmöglich zu machen. Solchen Kindern hilft die katholische Kirche.

So hat beispielsweise das katholische Radio der Diözese Lira ein spezielles Programm ins Leben gerufen, in dem Angehörige Botschaften an die Kinder senden können, in denen sie ihnen sagen, dass sie sie lieben und auf ihre Rückkehr warten. Auch zurückgekehrte Kindersoldaten ermutigen ihre ehemaligen Kameraden zur Rückkehr und sagen ihnen, dass sie sich nicht zu fürchten brauchen. Den Rebellen passte dies gar nicht, so dass sie den Radiosender kurzerhand in Brand steckten. Aber der Sendemast blieb erhalten, und "Radio Wa" (der Name bedeutet „Unser Radio“) sendet mit der Unterstützung von „Kirche in Not“ bis heute seine Programme, die zu Frieden und Versöhnung in Uganda beitragen.

Viel Versöhnungsarbeit, Heilung und Wiederaufbau ist nötig in dem ostafrikanischen Land. Denn der lange Konflikt in Uganda zählt zu den schlimmsten Bürgerkriegen Afrikas. Zeitweise lebte aus Angst vor Entführungen und Massakern mehr als die Hälfte der Bevölkerung Nordugandas in Flüchtlingscamps – Schätzungen gehen von 2 Millionen Vertriebenen aus. Seit 2008 ist die Situation stabil, aber ein offizielles Friedensabkommen scheiterte, da Joseph Kony zur Vertragsunterzeichnung nicht erschien.

Bis heute leben die Menschen in Angst, dass der Rebellenführer, der sich zur Zeit im Osten der Demokratischen Republik Kongo aufhalten soll, und seine Soldateska, die noch immer im Ostkongo und im Südsudan ihr Unwesen treibt, wieder nach Uganda zurückkehren könnten. Jedes der Kinder, die von der LRA entführt und missbraucht wurden, hat ein Gesicht und einen Namen. Stephen, der das Leid dieser Kinder teilen musste, möchte als Priester in Zukunft dazu beitragen, ihre Wunden zu heilen und Frieden in ein Land zu bringen, in dem Kinder als Waffen missbraucht wurden. Er will die Botschaft der Liebe Gottes zu denen bringen, die schon als Kinder vergessen haben, dass sie ein Gesicht und einen Namen haben. Und er kann ihnen zeigen, dass Gott Wunder tut. Denn er hat diese Wunder selbst miterlebt.