Umbruch – Abbruch – Aufbruch: Die Kirche in Deutschland vor den aktuellen Herausforderungen

Vortrag von Pater Dr. Manfred Entrich OP bei der Fachtagung „Brückenschlag in die Zukunft“ (15./16. Juni 2007) in Mülheim/Ruhr

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MÜLHEIM, 16. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Vortrag, den der Pater Dr. Manfred Entrich OP, Leiter des Bereichs Pastoral im Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz, am Freitag in Mülheim/Ruhr gehalten hat.



„Reformen sind zunächst nicht Anpassung an die Zeit, sondern binden an den Anfang der christlichen Geschichte und die Einsicht zur eigenen Umkehr“, bekräftigte der Benediktiner. Was unter „Aufbruch“ zu verstehen sei, werde in der Apostelgeschichte unmissverständlich dargelegt: „Hier geht es um das Ganze, um eine grundlegende Lebensentscheidung: Kehrt um! Nicht geschmeichelt, nicht kaschiert, nicht geschminkt und nicht zurückgehalten, wird die Rede eindeutig und einsehbar auf das hin, für das man steht, für den man steht, in dem, was man sagt… Worum es im Aufbruch geht, wird eindeutig gesagt und den Zuhörern unmittelbar zugemutet. Deshalb gilt für die Pastoral mit dem Wort behutsam umzugehen, um ihm nicht die Kraft zu nehmen durch ungeprüftes Urteil und selbstgefällige Geschwätzigkeit.“

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Umbruch – Abbruch – Aufbruch
Die Kirche in Deutschland vor den aktuellen Herausforderungen
Vortrag von Pater Dr. Manfred Entrich OP
Leiter des Bereichs Pastoral im Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz

Vorspann

Der Blick in die „pastorale Landschaft Deutschlands“ zeigt die Vielfalt der Abbrüche, Umbrüche und Aufbrüche. Allein die kulturell unterschiedlich geprägten Regionen zeigen Traditionen und kirchliche Ausprägungen, die gesellschaftlich und kirchlich ein eigenes, oft unverwechselbares Gesicht haben. Dabei werden wir in einer sehr widersprüchlichen Öffentlichkeit einen gemeinsamen Grundton vernehmen, dass es offensichtlich für viele Menschen eine Kraft, eine Macht, etwas gibt, das über allem steht und ein, wenn auch nicht für uns einblickbares letztes Sinnpotential vorhält. Es gibt wohl ein Bedürfnis der Menschen, in einem spirituellen Raum Orientierung, Beheimatung oder Heilung zu erlangen. Ebenso müssen wir aber auch die Daten und Fakten zur Kenntnis nehmen, dass die Mitgliederzahl in den christlichen Kirchen schrumpft und zwar deutlich und die Prognosen für die Zukunft ein wesentlich engeres „Kirchen - Kleid“ vorsehen, als wir es uns bisher haben vorstellen können. Eine Reihe von Analysen, Prognosen und Ursachenforschungen versuchen, ein Bild von der Situation zu machen. Dabei ist es schwer, in ruhiger Zuversicht das Richtige zu tun und sich nicht in statistischer Hektik und bedrängender Tiefenanalyse aufzureiben. Die Versuchung ist durchaus da, noch einmal alles wie früher machen zu wollen und dabei auf das bessere Morgen zu hoffen, oder sich vom Bestehenden zu verabschieden und völlig neue Alternativen auszukundschaften. Die Erfahrung zeigt: So ist kein sicheres Land zu erreichen. Der Sprung zurück wie der große Sprung nach vorne sind wohl nur Fluchtlinien ohne Gestaltungskraft. Was wir gestalten können, ist das Heute. Die Kraft aufbringen, dem Heute ins Angesicht zu schauen, der Wirklichkeit nicht auszuweichen, ist die Aufgabe, weil auch in den nachmodernen Gesellschaften die Religion eine zentrale Rolle spielen wird: „weil die großen Menschheitsfragen nach dem Sinn von Leben und Tod, Freiheit und Schicksal, Gut und Böse, Ordnung und Chaos, Heiligkeit und Profanität immer wieder von neuem gestellt werden“ (Rheinische Post 19.01.2000, Die Zukunft der Religion). Auf die Kernfragen des Lebens die Antworten versuchen, ist eine mitreißende Vision in der Tradition der Kirche für ihr pastorales Handeln. Sich den Kernfragen stellen verlangt eine eigene, besondere Hinwendung zu den Quelltexten der Apostelgeschichte, deren Inspirationskraft zeitlos in jeder Zeit zur Verfügung steht (Vgl. M. Entrich. J. Wanke (Hrsg.) , In fremder Welt zu Hause. Anstöße für eine neue Pastoral, Stuttgart 201.).


Umbruch

Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sie verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören (Apg 2,1-8).

Die Apostelgeschichte berichtet von einem tief greifenden Umbruch. Die gleiche Gruppe Menschen, die mit Jesus das Leben geteilt hatte und deren massive Enttäuschung durch den Tod Jesu unüberlesbar im Neuen Testament bezeugt ist, machte eine tief greifende, das Leben umwandelnde Erfahrung. Der tot geglaubte Herr zeigt sich ihnen lebendig. Nach der Katastrophe und den aufwühlenden Begegnungen fanden sie durch das pfingstliche Ereignis die Kraft, den Menschen verschiedener Sprache und unterschiedlichen kulturellen Prägungen die Botschaft von der Auferstehung Jesu des Retters aller zuzusprechen. Zunächst allerdings mit begrenztem Erfolg Sie erfahren Ratlosigkeit und Ablehnung, was die Reaktionen der Hörer deutlich macht. Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander. Was hat das zu bedeuten? Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken (Apg. 2,12-13). Ratlosigkeit und Spott bildeten also den Rahmen, in dem Petrus seine erste Predigt hält, die er sehr erfrischend einleitet indem er erklärend darauf hinweist, es liege hier kein Alkoholproblem vor (Apg. 2,14-16). Eine – zugegebener Maßen – ungemein direkte Art, der Botschaft Gehör zu verschaffen.

Was nicht wenige in den Kirchen unruhig macht, sind nicht Predigten nach Art des Petrus, sondern Statistiken, soziologische und psychologische Beobachtungen, gesellschaftlicher Veränderungen. Umbruch, Abbruch und Aufbruch sind Teile schmerzlicher und gegenläufiger Prozesse und bringen Gewohnheiten, Denken und Handeln durcheinander. Das kann tiefe Ratlosigkeit sowie hämischen Spott oder schmerzliches Desinteresse provozieren.

Die Kirchen gehören mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zu den bevorzugten Adressaten wissenschaftlicher Untersuchungen. Die prägenden Grundüberzeugungen ihrer Mitglieder sind Gegenstand vielfältiger und methodisch unterschiedlicher Untersuchungen. So hat die Unternehmensberatung McKinsey in Zusammenarbeit mit dem Magazin Stern, dem ZDF und WEB.DE eine online-gestützte Umfrage gestartet, die erstmals unter dem Stichwort „Perspektive Deutschland“ 2001 stattfand und jährlich erfolgt. Neben interessanten Einzelergebnissen lässt in der Zusammenfassung ein Satz aufhorchen: „Die Chancen für eine Erneuerung der katholischen Kirche von innen heraus, stehen nicht schlecht.“ Darauf deuten wenigstens einige Befunde von „Perspektive Deutschland“ hin: Die Caritas ist als Institution der katholischen Kirche im Ansehen besonders hoch bewertet. Aktive Kirchenmitglieder weisen dann eine hohe Zufriedenheit aus, wenn ihr konkretes alltägliches Leben berührt wird Im Ergebnis formuliert die Studie: „Die Strahlkraft der katholischen Kirche ist auch im 21. Jahrhundert ungebrochen. Das haben Papstwahl und Weltjugendtag gezeigt. Gleichzeitig bilden das Engagement der aktiven Katholiken, gepaart mit ausgeprägtem Verantwortungsgefühl und Optimismus, ein Fundament, auf das sich bauen lässt“ (Perspektive Deutschland. Eine Initiative von McKinsey, stern, ZDF und WEB.de. Zwischen Papstbegeisterung und Reformdruck, Sonderauswertung zur katholischen Kirche [Hrsg. Dr. Thomas von Mitschke-Collande], Juli 2006, S. 6-7). Das aber ist nicht einfach mit einer Konservierung der Erlebnisse machbar. Die Einmaligkeit solcher Veranstaltungen und ihre spirituelle Dichte sind Anstoß, die pastoralen Perspektiven zu überdenken und der kirchlichen Präsenz in der Gesellschaft ein durch das Evangelium geprägtes Gesicht zu verleihen.

Die positiven Grundaussagen bedürfen aber der realistischen Rahmung. „Perspektive Deutschland“ formuliert dies eindeutig: „Die katholische Kirche steckt in einer Vertrauenskrise“ (ebd. S.19). Dort heißt es weiter: „Jeder zweite Deutsche hat weiterhin kein Vertrauen in die katholische Kirche als Institution (45 %) und jeder zweite Nicht-Katholik bringt der katholischen Kirche kein Vertrauen entgegen (52 %)“ (ebd. S.19). Eine solche Untersuchung wie diese, die von Oktober 2005 bis Oktober 2006 mehr als 620.000 Deutsche, darunter 149.000 Katholiken online erfasst hat, will ernst genommen sein. Nacharbeit auf allen Ebenen kirchlicher Verantwortung ist angesagt. Hat die Kirche ein Marketingproblem? Nicht wenige sehen es so und geben hinreichend Rat mit der Empfehlung, die stark positionierten katholischen Beiträge gesamtgesellschaftlich etwas zurückzunehmen, um eine breitere Akzeptanz zu finden. Andere verweisen hingegen auf das „Kontrastierend Katholische“ als Werbefaktor. Haben wir also die Wahl zwischen sanfter Präsenz oder harter Positionierung? Man kann von Marketingstrategien lernen, aber dabei ist zu beachten, dass die Verkündigung des Evangeliums nicht Produktwerbung ist, sondern von einer Person spricht – es ist die Botschaft vom leidenden, gekreuzigten und auferstandenen Herrn.

Ein Zweifaches ist von der Pastoral zu leisten: Den „Markt“ des Lebens und die Botschaft des Evangeliums gleichermaßen kennen und dabei achtsam bleiben, denn die Kirche verkauft nicht Produkte, sondern weiß sich auf Christus bezogen. Ihn stellt sie den Menschen vor und an Ihm misst sich ihre Authentik und wird so davor bewahrt sich nur in pastoralen Reparaturmaßnahmen zu erschöpfen. Die Herausforderungen an die Pastoral vertragen keine Schminke, sondern die ungeschönte Ausleuchtung der Wirklichkeit.

Verfolgt man die Diskussionen um das, was Kirche ist oder sein soll, glaubt man sich allerdings im Wartezimmer eines Arztes. Die Diagnose ist noch nicht gestellt. Offensichtlich geht es dem Patienten schlecht und die mit im Wartezimmer Anwesenden lassen sich nicht aufhalten, ihre Krankengeschichte einander vorzutragen. Dies geschieht so eindrucksvoll, dass die Mitpatienten mit guten Ratschlägen zur Wahl des richtigen Medikamentes jeden Spezialisten übertreffen. Alle sitzen im gleichen Wartezimmer des Arztes doch die Diagnose ist noch nicht gestellt - die Wahrheit, die am Ende einer medizinischen Untersuchung steht, muss erst noch ausgesprochen werden. So sind Untersuchungen über den inneren Zustand der Kirche und Beobachtungen, welche Milieus erreicht werden und welche nicht, Voraussetzungen für einen gründlichen Medizin – Check. Gültige Diagnose und Therapie müssen erst noch erfolgen. Anders ausgedrückt: Wir stehen vor der Wahl, uns mit allgemeinen medizinischen Ratschlägen zu begnügen oder den Schritt ins Arztzimmer zu wagen- also face-to-face mit dem Arzt unseres Vertrauens ins Gespräch zu kommen, auf welche Krankheiten denn die Symptome unserer Leiden hindeuten. Der gute Rat zur Gesundheit ist eben nicht im Kreis der Mitpatienten zu finden, die in immer neuen Gesprächs- und Predigt – Varianten ihr Ungemach bejammern. Manchmal ist der Schritt „heraus“ der Beginn überraschend neuer Begegnungen und Lebensperspektiven. Anders gesagt: Mission verändert nicht nur oder sogar zuerst die anderen sondern uns selbst. Den Arzt, der uns die Wahrheit sagt und der helfen kann, ist auf der Agora des Lebens zu finden (Apg. 17, 16 – 21).

Es braucht Orte, an denen Fragen gestellt, Antworten gesucht, der eigene Zweifel in Frage gestellt und die Botschaft des Evangeliums gehört werden kann

In der Apostelgeschichte endet die Predigt des Petrus eindeutig: „Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt“ (Apg. 2,36). Für die Pastoral auf der Agora unseres Landes wird das verlangen, eindeutig präsent zu sein. Politische Sensibilität, gesellschaftliche Wirksamkeit und diplomatisches Geschick sind im realen Leben der Kirche hilfreich. Dies alles soll der Verkündigung des Evangeliums dienen. Die Erfahrungen der Kirche in der Missionsgeschichte und in den Staaten der Verfolgung haben hier tiefe und oft auch leidvolle Spuren hinterlassen und gezeigt, was Unachtsamkeit im politischen Verhalten an Missbrauch möglich macht.

Weniger dramatisch in den Umständen, aber ebenso dringlich im Blick auf die nähere Zukunft ist dies eine der Herausforderungen an das seelsorgliche Personal bei uns. Die Kirche hat eine Stimme in der Gesellschaft, und sie braucht eine Stimme in der Gesellschaft. Dazu bedarf es Menschen, die diese Stimme in der Gesellschaft hörbar machen. Christliche Gemeinden, Verbände, Orden und Bewegungen können diese Stimmen sein, die Gottes Sprache in einem gesellschaftlichen Umfeld formulieren, das mit einer religiösen und christlich geprägten Lebenssprache kaum in Beziehung zu treten vermag.

Die intellektuelle und spirituelle Formation aller in der Seelsorge und Pastoral Tätigen wird zukunftsfähig auf diese Herausforderungen hin geschehen müssen. „Agora – fähig – sein“ wird eine der Voraussetzungen sein, auch die zu treffen, denen haupt- oder ehrenamtlich ein besonderer Dienst in der Kirche übertragen werden kann, weil sie berufen und bereit sind. Die Berufungspastoral steht hier vor neuen Horizonten (Vgl. M. Entrich, Graffiti der Hoffnung. Pastorale Impulse aus dem Geist des Evangeliums, Stuttgart 2004, bes. 100 – 117).


Abbruch

Ein Mann namens Hananias aber und seine Frau Saphira verkauften zusammen ein Grundstück, und mit Einverständnis seiner Frau behielt er etwas von dem Erlös für sich. Er brachte nur einen Teil und legte ihn den Aposteln zu Füßen. Da sagte Petrus: Hananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belügst und von dem Erlös das Grundstücks etwas für dich behältst? Hätte es nicht dein Eigentum bleiben können, und konntest du nicht auch nach dem Verkauf frei über den Erlös verfügen? Warum hast du in deinem Herzen beschlossen, so etwas zu tun? Du hast nicht Menschen belogen, sondern Gott. Als Hananias diese Worte hörte, stürzte er zu Boden und starb. Und über alle, die es hörten, kam große Furcht. Die jungen Männer standen auf, hüllten ihn ein, trugen ihn hinaus und begruben ihn. Nach etwas drei Stunden kam seine Frau herein, ohne zu wissen, was geschehen war. Petrus fragte sie: Sag mir, habt ihr das Grundstück für soviel verkauft? Sie antwortete: Ja, für soviel. Da sagte Petrus zu ihr: Warum seid ihr übereingekommen, den Geist des Herrn auf die Probe zu stellen? Siehe, die Füße derer, die deinen Mann begraben haben, stehen vor der Tür, auch dich wird man hinaustragen. Im selben Augenblick brach sie vor seinen Füßen zusammen und starb. Die jungen Männer kamen herein, fanden sie tot, trugen sie hinaus und begruben sie neben ihrem Mann. Da kam große Furcht über die ganze Gemeinde und über alle, die davon hörten (Apg 5,1-11).

Eine Betrugsgeschichte und das am Anfang der Kirchengeschichte. Die Feigheit des Petrus, der Verrat des Judas und die Eitelkeit der Jünger, die darum stritten, wer der größte sei, das alles findet seine Fortsetzung in der Zeit nach der Auferstehung durch den Betrugsversuch des Hananias und der Saphira. Eine traurige und doch so verständliche Geschichte. Die beiden sind nicht soweit von uns entfernt. Der Umgang mit der Ökonomie hat sein eigenes Verführungspotential. Die beiden hatten sicher gut angefangen indem sie sich der Gemeinde Jesu zuwandten. Wir können annehmen, dass sie zunächst mit einer großen Erwartung in diesen Lebenskreis eingetreten sind und dann verheddern sie sich in ihrer eigenen Ökonomie.

Was gehört mir? Was gehört dir? Was gehört uns? Das ist in etwa der Beginn des ökonomischen Alphabetes, das zu kennen Voraussetzung zum Leben miteinander ist, soll es gerecht und friedlich zugehen. Aber in der Geschichte vom Betrug der beiden spielt noch etwas eine Rolle: sie haben schlicht gelogen. Petrus sagt es gerade heraus, dass sie doch das Geld hätten behalten können. Sie haben sich selbst und andere getäuscht in dem sie taten, als gäben sie ihr Vermögen her, um es dann doch für sich zu behalten. Die Gespaltenheit des Herzens, die doppelte Botschaft, das raffinierte Verdecken der wirklichen Interessen und Bedürfnisse, das führt zu diesem harten Urteil, dass sie nicht die Menschen, sondern Gott belogen haben (Apg. 5,4). Der Tod ist die Folge von Lüge und Betrug.

Bleiben wir bei unserem Warte - Zimmer - Beispiel: Eine Untersuchung beim Arzt wird in der Regel durch ein ausführliches Gespräch eingeleitet, in dem die Symptome erfragt und genau beschrieben werden. Hier muss der Patient alles offen legen, was er an sich selbst bemerkt hat; er deckt seine Ängste und Hoffnungen auf. Ein guter Arzt wird zuhören und macht sich Notizen von Auffälligkeiten, denen er in seiner genaueren Untersuchung anschließend nachgehen will. Schnelle Erklärungen, voreilige Rezepte und unkontrolliertes Einnehmen von Rezepturen machen den Zustand des Patienten nur schlechter. Wer gesund werden will, braucht Geduld und vor allem Vertrauen in die Diagnostik des Arztes und muss den Lebensstil kritisch überprüfen. Wer zu dick ist, muss abnehmen, wer zu wenig Sport macht, muss sich bewegen und wer rund um die Uhr arbeitet, muss lernen, kreative Unterbrechungen in sein Leben einzubringen.

Das zu lernen ist bei Katholischen Verbände unterschiedlicher Art und Aufgabe möglich. Mit ihrer starken Geschichte haben sie gezeigt, dass sie in einzelnen Milieus und Bildungsschichten Kirche als Ort darstellten, an dem die entscheidenden Fragen des Lebens offen gestellt und ehrlich beantwortet wurden. Warum sollte auch in einer Zeit des zahlenmäßigen Abbruchs nicht ein Aufbruch angezeigt sein, sich noch einmal neu umzuschauen, um den eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden. Verbände als Lebensorte gestalten, wo halt machen im täglichen Lebenstempo nicht Stillstand bedeutet und die gewollte Unterbrechung im Lebensablauf nicht den Ausschluss vom Fortschritt.

Reformen sind zunächst nicht Anpassung an die Zeit, sondern binden an den Anfang der christlichen Geschichte und die Einsicht zur eigenen Umkehr

Vielleicht ein wenig gewagt ist der etwas direkte Vergleich zur pastoralen Neubesinnung. Dort, wo sich Strukturen und Gewohnheiten auf allen Ebenen unseres pastoralen Handelns im Übermaß angelagert haben, werden Gruppen, Pfarreien, Vereine und Diözesen unbeweglich, geraten gewissermaßen in Atemnot und kommen im schnellen Lauf der Zeit nicht mit. Das Abtrainieren von zu viel verlangtem entschiedenen Einsatz und Ausdauer wird oft erst dann eingeleitet, wenn der Zustand selbst als bedrohlich erfahren wird. Ein Trainingsprogramm zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit des Körpers bedarf klarer Ziele, nämlich gesünder zu sein als vorher und das gilt auch für pastorale Neuordnungen. Zu wenig Geld und zu wenig Personal sind Symptome und nicht Ursachen von Veränderungen. So gesehen sind Statistiken, Untersuchungen, Erhebungen, Analysen gewissermaßen Laborwerte, die der Deutung bedürfen. Soziologische Erhebungen stellen noch keine pastoralen Programme zur Verfügung. Die Denkleistung der Interpretation und die praktische Umsetzung sind angesagt.

Grundsätzlich nun gilt, wer sein Leben nicht in Ordnung bringt, kann anderen nicht helfen. Menschen gehen auf Distanz zu den Sinn-Institutionen, wenn die Antworten nicht dem Ernst der Fragen entsprechen. Die Fragen nach Tod und Leben, nach Recht und Unrecht, nach Gesundheit und Krankheit, nach Scheitern und Gelingen warten auf Antwort. Flachgeistigkeit und Banalität in diesem Zusammenhang beschädigen ernsthaft jede Kommunikation. Es geht um nichts Geringeres als die Wahrheit. Pastoral ist eben nun mal nicht auf Methode und Strukturbearbeitung zu verkürzen.

Reformen sind zunächst nicht Anpassung an die Zeit, sondern binden an den Anfang der christlichen Geschichte, an dem die Einsicht zur eigenen Umkehr ansteht. Das betrifft Einzelne, Gruppen, Verbände, Pfarreien. Jeder und jede ist für sein Leben verantwortlich. Zu warten bis andere sich auf neue Weg machen, entschuldigt nicht die eigene Trägheit. Halten wir noch einmal fest: Es braucht sehr viel Kraft zur Wahrhaftigkeit, sich die Symptome der eigenen Krankheit einzugestehen und es bedarf der Redlichkeit, die Symptome nicht schon für die Krankheit zu halten. Ernsthaftigkeit und Eindeutigkeit geben den Blick auf die Ursachen frei. Alles andere wäre Selbstbetrug.

Gehen wir noch einmal zurück zu der traurigen Betrugsgeschichte des Hananias und der Saphira. Was ist dein und was ist mein, was will ich behalten und was gebe ich? In dieser einfachen Rechenaufgabe hatten sich die beiden hoffnungslos verfangen und ihre Lüge strangulierte sie. Persönliche Lauterkeit und Eindeutigkeit im Handeln sind die Haltungen, die einen Aufbruch möglich machen. Kirchliche Bewegungen sind hier Lernorten vergleichbar, wo nicht allein positives Wissen vermittelt, sondern Lebenshaltungen kennen gelernt und erprobt werden können. Der eigenen Gründungsgeschichte noch sehr nah, wirken sie manchmal verwirrend unmittelbar. Für die Pastoral kann das aber gerade jene Prise Salz sein, die allem Bemühen Haltbarkeit und Geschmack verleiht. Pastorales und seelsorgliches Handeln bedarf der ständigen Überprüfung auf die zugrunde liegenden Haltungen (Vgl. H. Schlögel, Profi & Profil. Zum Ethos pastoraler Berufe, Regensburg 2000).

Statistiken, Untersuchungen, Erhebungen, Analysen sind gewissermaßen Laborwerte, die der Deutung bedürfen und soziologische Erhebungen sind noch keine pastoralen Programme. Die Denkleistung der Interpretation und praktische Umsetzung sind noch zu leisten


Aufbruch

Die Apostelgeschichte beschreibt den großen Aufbruch der Christen, indem sie aufdeckt wie die ersten Christen öffentlich Rechenschaft von ihrem Glauben gaben. Nachdenklich und offen, zustimmende und spottend wird ihr Wort aufgenommen. Nicht wenigen von Zeuginnen und Zeugen wird es später das Leben kosten.
Gleich am Beginn der Apostelgeschichte wird von der Kraft des Wortzeugnisses gesprochen. Inhalt und Kraft der Predigt werden als von Gottes Geist gewirkt dargestellt: „Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln, was sollen wir tun Brüder?“ Petrus antwortete ihnen: „Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung der Sünden. Dann werdet ihr die Gaben des Hl. Geistes empfangen (Apg. 2,37-39). Hier wird gesagt, worauf es ankommt. War die Predigt für die Zuhörer aufwühlend provokant, so ist die Antwort des Petrus auf die Frage der Zuhörer nicht minder provozierend. Da werden keine Umwege gemacht, hier geht es um das Ganze, um eine grundlegende Lebensentscheidung: Kehrt um! Nicht geschmeichelt, nicht kaschiert, nicht geschminkt und nicht zurückgehalten, wird die Rede eindeutig und einsehbar auf das hin, für das man steht, für den man steht, in dem, was man sagt. Was in der Apostelgeschichte beschrieben wird, ist „Aufbruch“. Worum es im Aufbruch geht, wird eindeutig gesagt und den Zuhörern unmittelbar zugemutet. Deshalb gilt für die Pastoral mit dem Wort behutsam umzugehen, um ihm nicht die Kraft zu nehmen durch ungeprüftes Urteil und selbstgefällige Geschwätzigkeit. Anders ausgedrückt: Es braucht eine erhebliche Nach-Denklichkeit, wann man sich äußert und wozu man sich äußert, damit die Kernbotschaft ungeschminkt hörbar bleibt.

„Selbstgenügsamkeit im Glauben ist ein Irrweg,...sie verfehlt nicht irgendetwas am Glauben. Sie verfehlt den Glauben selbst“ (F. Kamphaus)

Das zweite Merkmal ist die auch schmerzliche Erfahrung, dass derzeit in der pastoralen Systematik vieles umgebaut werden muss und mancher Abbruch notwendig ist. Manchmal kann das Abräumen den Blick weiten und Bruchsteine werden zu Bausteinen. Wenn das Evangelium der Plan Gottes ist für jede Zeit und damit auch für unsere Zeit, dann sind Um- und Abbrüche auch Freiräume, in denen Aufbau möglich wird. Eindrucksvoll ist eine der Gemeinde - Neugründungen im Stadtgebiet von Chicago. Dort sind in die neu erbaute Kirche erkennbar Steine der alten abgerissen Kirchen eingebracht. Deutlich im Zeichen ist dort erfahrbar, dass Umbruch, Abbruch und Aufbruch immer das gleiche Baumaterial zur Verfügung hat – es ist der lebendige Mensch, die Christen aus den alten Gemeinden, die in einer neuen Kirche eine andere größere Gemeinde erbauen. Ein anderes Beispiel aus einer traurigen Zeit sind die Trümmerfrauen nach dem Krieg, die aus den zusammengeschossenen und bombardierten Häusern noch verwertbare Steine sammelten und zu Grundsteinen des Aufbaues machten.

In den Umbrüchen und Aufbrüchen ist der Bericht über die ersten Christen (Apg. 2,42-47) eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Da wird davon gesprochen, wie alle zusammenblieben im Gebet, das Brot brachen, Hab und Gut verkauften und alles zusammenlegten, was sie besaßen. Eine christliche Idylle, offensichtlich, die sich in der weiteren Geschichte nicht mehr durchgehalten hat. Was hier idealtypisch skizziert wurde, darauf verpflichteten sich später immer wieder neu, Orden, Gruppen und Bewegungen, alle in der Hoffnung, sie würden dieses Beispiel durchhaltend verwirklichen können. Bei allem guten Willen blieb es aber nicht aus, dass man sich – wie so oft – in der Ökonomie verhedderte und den Bauplan des Evangeliums aus dem Blick verlor.

Wunder und Zeichen begleiten oft die Gründungsgeschichten von Orden und kirchlichen Bewegungen. Aber schon in der zweiten und dritten Generation erzählt man nur noch, was sich früher am Beginn der eigenen Geschichte ereignete. Einzig Erinnerungen sind geblieben. Feiern zu den Gründungsjubiläen sind wohl deshalb von einer bemerkenswerten Melancholie überzogen. Man erzählt die großen Geschichten - von früher. Wo aber ist die große Geschichte - von heute? (Zusammenfassend: A. Wollbold, Das Evangelium für Nichtchristen? Pastoral unter veränderten Bedingungen, in: Erfurter Theologische Studien (Bd.88), Christi Spuren im Umbruch der Zeiten. Festschrift Bischof Dr. Joachim Wanke zum 65. Geburtstag, Leipzig 2006, S. 1-374, hier: S. 243-258).

Die großen Geschichten – von Damals – erzählen und die großen Geschichten – von Heute – entdecken

Unzählige Bibelgruppen, Elternkreise, Solidaritäts- und Selbsthilfegruppen in und über die Pfarreien hinaus, in der Mitte und am Rand der Kirche, sind ein kraftvolles Zeugnis für die dringend notwendige Raumgestaltung in der Kirche. Diese elementaren Lebensäußerungen der Kirche verdienen mehr Beachtung. In ihnen wird das Leben besprochen, die Sorgen geteilt und die Hoffnung erbetet. Ohne diese Kraftzentren werden die Strategie – Überlegungen in den kirchlichen Entscheidungszentren lächerlich schwach und sträflich unernst wirken. War der Weltjugendtag in Köln nicht ein grandioses Beispiel für das Besondere der normalen Pastoral. Als teilweise die Versorgung der Pilgerinnen und Pilger nicht mehr funktionierte, waren es die orts-bezogenen katholischen Verbände, die ihre stützende Statik selbstverständlicher Gemeindepräsenz einsetzten und schlicht da – waren, wo man sie brauchte, das Normale in einer Pfarrei wurde zum Besonderen für den Weltjugendtag: Die unverhoffte Speisung der vielen!

Am Beginn des 3. Kapitels der Apostelgeschichte findet sich nun ein Text, der eine bemerkenswerte Aktualität in unserer kirchlichen Landschaft erhält:

Petrus und Johannes gingen um die neunte Stunde zum Gebet in den Tempel hinauf. Da wurde ein Mann herbeigetragen, der von Geburt an gelähmt war. Man setzte ihn täglich an das Tor des Tempels, das man die Schöne Pforte nennt; dort sollte er bei denen, die in den Tempel gingen, um Almosen betteln. Als er nun Petrus und Johannes in den Tempel gehen sah, bat er sie um ein Almosen. Petrus und Johannes blickten ihn an und Petrus sagte: Sieh uns an! Da wandte er sich ihnen zu und erwartete, etwas von ihnen zu bekommen. Petrus aber sagte: Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher! Und er fasste ihn an der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich kam Kraft in seine Füße und Gelenke; er sprang auf, konnte stehen und ging umher. Dann ging er mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Alle Leute sahen ihn umhergehen und Gott loben Sie erkannten ihn als den, der gewöhnlich an der Schönen Pforte des Tempels saß und bettelte. Und sie waren voll Verwunderung und Staunen über das, was mit ihm geschehen war.

Lassen wir der Geschichte ihr eigenes Farbspektrum und ihre besondere Tonalität. Es ist Gebetszeit und Petrus und Johannes gehen zum Gottesdienst. Auf dem Weg dorthin begegnen sie jemandem, der sie anbettelt um Geld. Das kennen wir. Vor nicht wenigen unserer Kirche stellen sich die auf, die eine Gabe von den Frommen erwarten und denen es nichts ausmacht, lästig zu werden, damit sie erhalten, worum sie bitten. Dann allerdings wird die Geschichte mehr als bemerkenswert. Petrus und Johannes lassen sich ansprechen und schauen den Bittsteller an. Petrus sagt: „Sieh uns an! Silber und Gold besitze ich nicht, doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher!“ (Apg. 3, 4-7) Wäre die Geschichte hier zu Ende, würden wir sie mit Recht als blanken Hohn verstehen. Jemand bittet um eine konkrete Hilfe und er bekommt nur ein Wort. Das wirkt unangemessen und abstoßend. Aber die Geschichte geht weiter. Petrus fasst den Bettler an der Hand, d. h. er berührt ihn und richtet ihn auf. Kraft kommt in seine Füße und Gelenke. Er kann wieder stehen und umhergehen.

Petrus berührt den Menschen und wird berührbar. Die Krankheit dieses Menschen wird hautnah von Petrus wahrgenommen und Anlass zur Hinwendung. Das bezeugen u. a. Frauen und Männer im seelsorglichen Dienst und in den heilenden Berufen. Nicht in der distanzierten Beschreibung dessen, was Krankheit und Heil ist oder sein kann, sondern durch die Berührung von Mensch zu Mensch im deutenden Wort, wird die Geschichte von damals Erfahrung von heute. Petrus bringt ins Wort, worum es geht: Im Namen Jesu Christi des Nazoräers, geh umher (Apg. 3,6). Auch hier macht er keine Umwege, verschleiert nicht sein Zeugnis, bleibt nicht in religiöser Deckung. Er spricht mit erstaunlicher Wirkung. Um Geld wurde gebeten und Gesundheit wird geschenkt. Das, worum wir bitten, muss nicht das sein, was wir wirklich brauchen (Vgl. H. Schlögel u. Andreas P. Alkofer (Hrsg.) , Was soll ich dir tun? Kleine Bioethik der Krankenseelsorge, Stuttgart 2003).

Es will scheinen, dass die mehr als erstaunliche Zahl von Pilgerinnen und Pilgern, die sich alljährlich zu großen und bedeutenden wie auch zu kleinen und wenig bekannten Wallfahrtsorten auf den Weg machen, etwas von dieser Erfahrung für heute bewahrt haben. Für eine bestimmte Zeit, zu einem bestimmten Ziel, mit anderen gemeinsam und Milieu überschreitend bildet sich aus einer Gruppe von Menschen ein Raum in dem Wunden aufgedeckt, heilende Worte gesprochen und die Neuausrichtung des Lebens ermöglicht wird. Wer unterwegs ist – körperlich – kann die erstaunliche Erfahrung einer inneren geistigen Reinigung machen. Gastfreundschaft und Weggemeinschaft sind während der Wallfahrt selbstverständlich und die Erinnerung daran wird in das dann folgende Jahr mitgenommen – bis zur nächsten Wallfahrt. Diese meist von Ehrenamtlichen gestaltete und durchgehaltene spirituelle Lebensäußerung der Kirche wird in ihrer temporären Struktur in den Umbrüchen wesentlich zu einem stabilen Aufbruch beitragen. Es ist die alte Pilger - Erfahrung, die zur Botschaft wird:

Das, worum wir bitten, muss nicht das sein, was wir brauchen

Die Geschichte endet, wie sie schon am Anfang hätte enden können - mit dem Gotteslob– wäre da nicht der Geheilte, der geschenkt bekommen hat, was er nicht erbeten hatte. Seine Heilung wird zum Zeugnis von Gottes Kraft und er selbst zum Zeugen für die Botschaft. Um Geld ging es, Heilung war die Gabe. Ist dies eine Geschichte von damals – oder auch von Heute. Vielleicht haben besonders die unauffälligen kontemplativen Kommunitäten eine für die Pastoral wichtige Antwort, die wir er erfragen können. Sie ermöglichen die Gegen - Erfahrung zu dem Bericht im Berliner Tagesspiegel von 1998: "Kein Gott nirgends. “Ein seit fünf Jahren in der Uckermark lebender Ex-West-Berliner unternimmt ein Experiment: ‘Es ist Sonntagvormittag , und ich will in die Kirche gehen.’ Wird es ihm gelingen? Sein Bericht hebt idyllisch an: ‘Selbst wer die Uckermark nur eilig mit dem Auto durchquert, begegnet Kirchentürmen. Alle sind unterschiedlich. Wer hier lebt, lernt bald, die Dörfer aus der Ferne an ihnen zu unterscheiden. Die Väter im Glauben haben uns mit den Kirchen und ihren Türmen ein Werbepotential vererbt, das niemand sonst aufarbeiten kann.’ Wird es genutzt? ‘In aller Regel kaum. Zahlreiche, nach meiner Erfahrung die meisten Kirchen haben keine Botschaft, keine Mission, von sieben Dorfkirchen sind sechs auch am Sonntagvormittag zur traditionellen Kirchenzeit verschlossen.’ Teils ist das Ungeschick, aber nicht selten liegt darin Absicht. Der Chronist - es ist Reinhard Henkys, früher Chef der Berliner Evangelischen Publizistik - ist dem Versteckspiel immer wieder begegnet: Keine Auskunft, kein Aushang kein Bild, kein Ton” (Wolfgang Büscher, in: Tagesspiegel vom 26.6.1998).

[Vom Hilfswerk „Adveniat“ zur Verfügung gestelltes Original]