UN-Bericht zum Kinderschutz in Diskussion

Leiter des Zentrums für Kinderschutz der Päpstlichen Universität Gregoriana äußert sich

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 687 klicks

Gestern äußerte sich der deutsche Jesuitenpater Hans Zollner, Vizerektor der Päpstlichen Universität Gregoriana, in einem Interview mit Radio Vatikan zu dem am Mittwoch veröffentlichten Bericht des UN-Kinderrechtskomitees (UNCRC), der mit dem Heiligen Stuhl hart ins Gericht gegangen war und den Vorwurf von Mängeln im Bereich des Kinderschutzes verbalisiert hatte. Der Vizerektor leitet das Zentrum für Kinderschutz der Päpstlichen Universität und ist seit Jahren in der Präventionsarbeit der katholischen Kirche aktiv.

Zollner sieht den Bericht als einen zusätzlichen „Ansporn“ für die Arbeit des Heiligen Stuhls im Kinderschutz und sagte, es sei höchste Zeit für einen solchen Bericht gewesen. Gegenüber Radio Vatikan sagte er:

„Ich habe den Eindruck, dass sich der Heilige Stuhl keinen Gefallen damit getan hat, dass er 14 Jahre lang nicht die entsprechenden Berichte, die eingefordert wurden, lieferte und sich erst jetzt entschlossen hat, nach Genf zu gehen, um sich dem zu erwartenden Fegefeuer auszusetzen. Das war für die Leute – ich habe mit jemandem gesprochen, der dort präsent war – höchst schwierig und unangenehm. Natürlich mussten da die Vertreter des Heiligen Stuhls alles auf sich nehmen, was sich an Wut, Enttäuschung und auch berechtigtem Ärger über sie ergoss.“

Obgleich der Bericht aus Genf hart ausgefallen sei, nahm Zollner Rom dennoch in Schutz, da man bezüglich des Kinderschutzes selbstverständlich nicht untätig geblieben sei. In den letzten über zehn Jahren habe der Vatikan im Kampf gegen sexuellen Missbrauch eine Politik der Null-Toleranz eingeleitet, die beispiellos sei, was der UN-Bericht jedoch wenig berücksichtige. Zollner sagte, er habe den Eindruck, es gebe ein Ungleichgewicht zwischen der Negativbeobachtung und der Nennung positiver Entwicklungen. So habe sich der Heilige Stuhl sehr wohl um mehr Transparenz bemüht und den Versuch gestartet, das Kirchenrecht neu zu definieren und neue Normen einzuführen.

Viele Kritikpunkte des UN-Berichts, wie die Vertuschung von Fällen sexuellen Missbrauchs, hätten durchaus ihre Berechtigung, so Zollner, jedoch werde nicht ausreichend auf die aktuelle Situation eingegangen. Der Heilige Stuhl habe eine klare Stellung bezogen. Zollner sagte:

„Das ist alles unumwunden auch mehrfach schon gesagt worden: Es ist ohne Umschweife gesagt worden, dass es da großes Unrecht und Verbrechen gegeben hat. Insofern sind die Punkte, die im UN-Bericht genannt werden, keine neuen Sachen.“

Besonderen Bedarf nach Verbesserung sieht Zollner bei der Bearbeitungszeit von Missbrauchsfällen und bei der Prozessordnung der Glaubenskongregation, die durch die Zahl der Fälle überfordert gewesen sei. Hier sei viel mehr Transparenz vonnöten. In diesem Zusammenhang appellierte Zollner an die Mitverantwortung der Bischöfe und Ordensoberen, um in Zukunft weitere Vertuschungen vermeiden zu können.

„Welche Mitverantwortung haben die Bischöfe oder die höheren Oberen der Orden, wenn sie von einem Missbrauch wussten, der durch einen Priester geschehen ist, und nicht entsprechend den kirchlichen und staatlichen Normen gehandelt haben? Das ist einer der wichtigsten Punkte, die unbedingt gelöst werden müssen, weil das ein ständiger Skandal ist und vor allem auch in den USA große straf- und zivilrechtliche Relevanz hat.“

Nach Zollner gehe das Gremium der UNO von einem Fehlschluss aus, wenn es annehme, die katholische Kirche könne weltweit in allen Bereichen ohne Schwierigkeiten durchgreifen. Die Ortskirchen seien dazu angehalten, mit den zivilen Behörden des jeweiligen Landes zusammenzuarbeiten und sich an das Strafrecht des jeweiligen Landes zu halten, das jedoch von Staat zu Staat variiere.  In einigen Ländern wie beispielsweise Deutschland und Italien gebe es keine Anzeigepflicht bei Kindesmissbrauch, in anderen schon. Er sagte:

„Wenn man also in Rom auf den Knopf drückt, dann soll das so auch im Kongo und in Brasilien funktionieren. So kann es aber nicht funktionieren, weil wir in der internationalen Perspektive sehen müssen, dass es ganz unterschiedliche Rechtskulturen gibt, dass es auch Rechtsvorschriften gibt, die unterschiedlich sind, und dass die katholische Kirche nur das tun kann, was der jeweilige Staat fordert.“

In vielen Ländern leiste die katholische Kirche in diesem Bereich Pionierarbeit, so Zollner.

„Die katholische Kirche bemüht sich und ist in vielen Ländern dieser Welt vielleicht die einzige Großorganisation, die überhaupt etwas zum Schutz von Kindern tut. Denken wir nur an viele Teile Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas, wo vielleicht Kinderrechtskonventionen bestehen oder wo in der Verfassung steht, dass meinetwegen Eheschließung erst mit 18 möglich ist, de facto aber Kinder mit zwölf, dreizehn, vierzehn schon verheiratet werden. … 
Wenn man sich die horrenden Zahlen über Kindermissbrauch in manchen asiatischen Ländern anschaut, dann wundere ich mich, dass in den offiziellen Statistiken der UNO Zahlen genannt werden, die weit unter dem liegen, was offizielle Staatsstatistiken zum Beispiel aus Indien schon vor Jahren haben erkennen lassen.“

Im weltweiten Blick auf sexuellen Missbrauch bleibe der UN-Bericht hinter der Realität zurück.

„Es werden Einzelfälle genannt, die meines Erachtens sehr zufällig gewählt wurden. Denn wenn man die weltweite Situation ansieht, könnte man noch sehr viele andere Fälle nennen. Es werden einzelne Länder herausgegriffen, etwa Irland, wo es einen Riesenskandal gegeben hat. Andere Länder hingegen, etwa in Afrika oder Asien, kommen überhaupt nicht vor. Da sieht man, wie auch so eine UN-Kommission ihre Grenzen hat.“

Abschließend sieht Hans Zollner den Bericht des Kinderschutzkomitees als konstruktive Kritik und betrachtet die Konfrontation mit dem Urteil, das als Empfehlung zu nehmen sei, als einen notwendigen Schritt auf dem Weg. Um glaubwürdig sein zu können, müsse man mit dem Thema offensiver umgehen. Niemand könne sich mehr verstecken. Er sagte gegenüber Radio Vatikan:

„Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir uns nicht weiter verstecken können. Wir müssen das, was wir wollen, auch sagen und müssen das, was wir tun, auch kommunizieren! Ich glaube, dann kann man ein Vertrauen wiedergewinnen, das schwer erschüttert wurde oder verloren gegangen ist.“