Unbefleckte Empfängnis 2011

Wendet euch oft und vertrauensvoll an Maria (Benedikt XVI.)

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 7. Dezember 2011 (ZENIT.org). –

Wendet euch an Maria – verehren ist nicht anbeten

Den meisten von uns ist es von Kindheit an geläufig, dass wir uns im Gebet an Maria, die Mutter Gottes wenden. Und es regt uns auch nicht weiter auf, wenn wir von Andersgläubigen die irrtümliche Ansicht hören, wir würden Maria anbeten, denn wir kennen ja genau den Unterschied zwischen Anbetung und Verehrung. Man betet nur den Dreifaltigen Gott an, aber nie ein Geschöpf. Und Jesus, den Menschensohn? Eben auch nur, weil er der Gottmensch ist, also wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich.

Von Anfang an war dieses Prinzip den Christen deutlich bewusst. Im alten Rom ging es ja  sehr oft um die Frage: kann ich als Christ dem Standbild eines Gottes oder gar des als Gott verehrten Kaisers die Geste der Anbetung erweisen? Den Märtyrern war der Unterschied nicht nur klar, sie wussten, dass es dabei ums Ganze ging, denn man riskierte Kopf und Kragen, wenn man diese Anbetung verweigerte. Dennoch haben sie sich geweigert es zu tun, denn das wäre gleichbedeutend gewesen mit der Verleugnung ihres Glaubens. Ein Götzenbild und auch der Kaiser selbst sind lediglich Geschöpfe, mehr nicht. Die Blutzeugen haben aber auch immer in eben diesem Glauben gewusst, dass die Standhaftigkeit ihren Lohn haben würde.

So schreibt der hl. Pantaleon kurz vor seinem Martyrium an die ihm Anvertrauten: „Es ist, als wollten sich die alten Götter, Jupiter, Apollo, Artemis gegen Christus zur Wehr setzen. Aber das ist nur ein scheinbarer Kampf, denn sie existieren nicht wirklich. Wohl aber existiert Christus, der selber am Kreuz scheinbar besiegt wurde, in Wirklichkeit aber siegte, und der nun in seinen Gläubigen das gleiche vollzieht: scheinbar gehen wir unter, in Wirklichkeit werden wir die Sieger sein“ (aus ‚Pantaleon der Arzt’).

Genau so wie die Märtyrer nicht ein Geschöpf angebetet hatten, so wurden auch sie selbst nach ihrem „Sieg“ nicht angebetet, wohl aber verehrt. Die Verehrung der Gottesmutter hat sich zwar erst seit 431, nach dem Konzil von Ephesus, wo Maria zur Gottesgebärerin erklärt wurde, voll entfaltet, aber sie, und die Märtyrer selbst, wurden immer nur mit Blick auf Gott verehrt, denn, wie es in der Präfation von den Heiligen heißt: „In der Krönung ihrer Verdienste krönst du das Werk deiner Gnade“.

Maria und die Heiligen verehren heißt aber auch, um ihre Hilfe bitten. Der Herr selber hat es so gewollt, als er am Kreuz, in höchster Todesnot, seine geliebte Mutter dem Jünger, und damit allen Menschen, zur Mutter gab. Das früheste bekannte Bittgebet an Maria, das „Sub tuum praesidium....“ („Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir....“)  stammt schon aus dem vierten Jahrhundert.

Wie kommt es aber, dass dieses Missverständnis um Anbeten und Verehren sich so hartnäckig hält? Könnte denn jemand, außer vielleicht einige Sekten, allen Ernstes Maria für eine Göttin halten? Gibt sie in irgendeiner Weise Anlass dazu?

Betrachten wir nur das von ihr selbst stammende Gebet, das Magnificat! Da spricht sie vom Allerhöchsten, und von sich selbst nur im Ton der geschöpflichen Demut: „Er hat herabgeschaut auf die Niedrigkeit seiner Magd“. Gehen Sie alle Gebete der Kirche durch: Nirgendwo werden Sie, auch nicht im Ansatz, eine Wendung finden wie “Maria, wir beten dich an“, wohl aber „Maria, wir beten zu dir“.

In ihrem sicher vom Hl. Geist inspirierten Lobgesang, eben dem Magnificat, macht Maria auch eine prophetische Aussage, die sich millionenfach verwirklich hat: „Siehe von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter“. Sie ist sich ihrer außerordentlichen Größe bewusst, aber sie sieht ganz von sich ab und bezieht sie ausschließlich auf Gott.

Ihr Wort ist in Erfüllung gegangen. Von wem, außer von Jesus selbst, gibt es in der ganzen Welt so viele Bilder, Statuen, Lieder, Theaterstücke, Kompositionen großer und kleiner Künstler wie von Maria?

Das Fest, das wir heute feiern, ist ebenfalls dazu angetan, die außerordentliche Größe Mariens deutlich zu machen. Gemäß dem im Jahre 1854 von dem sel. Pius IX. verkündeten Dogma hat Maria als einziger Mensch ohne jede Sünde in dieser Welt gelebt, ja sie wurde sogar im Schoß ihrer Mutter Anna ohne die sonst allen Menschen anhaftende Erbsünde empfangen. Aber diese einzigartige Erwählung hat nicht so sehr mit ihr als mit ihrem göttlichen Sohn zu tun, denn der Himmlische Vater wollte, dass sein Sohn, wenn er schon als Mensch auf Erden erscheint, bei einer so intimen Verbindung, wie es die Entstehung seines Menschseins in seiner Mutter Maria war, mit keiner Sünde in Berührung kam, nicht einmal mit der Erbsünde. Danach allerdings würde er mit der Sünde reichlich Bekanntschaft machen, ohne sich selbst aber in sie verstricken zu lassen. Das war ja seine eigentliche Bestimmung, die Sünde als ein Element der Unterdrückung durch Satan, zu besiegen und den Menschen dabei zu helfen, es ebenfalls zu tun.

„Wendet euch an Maria!“  Sie selber ist Geschöpf, aber, wie sich schon bei der Hochzeit zu Kana herausstellt: ihre Fürbitte ist sehr mächtig. Sie ist es, weil der Allmächtige es so wollte. Er will ja sein Heilswerk nicht allein tun, er bezieht möglichst viele Geschöpfe dabei mit ein, in erster Linie die, die ihm besonders nahe stehen. Uns an Maria wenden, zu ihr beten, auch mit ihr beten, ist nach Gottes Sinn. Daher sagt der hl. Bernhard von Clairvaux: „Es ist noch nie gehört worden, dass jemand, der sich an Maria gewandt hätte, von ihr nicht erhört worden wäre“

Wendet euch oft an Maria

Der Heilige Vater rät uns, dass wir uns nicht nur gelegentlich an Maria wenden sollen, sondern oft. Aber selbst der, der es nur einmal tut, kann damit rechnen, dass er gehört wird. So jedenfalls schildert es Franz Werfel in seinem großen Roman „Stern der Ungeborenen“.  Ein Zeitreisender wird in eine ferne Zukunft katapultiert und gerät dort, zusammen mit einigen der dann lebenden Menschen, in eine höchst gefährliche Situation, die ausgelöst wird durch das dort beliebte so genannte „Kometenturnen“. Mit Hilfe neuer uns unbekannter Techniken können Menschen – so der fantastische Roman – sich im Weltraum frei bewegen. Aber der Mensch aus unserer Zeit, der dort unerfahren dieses kosmische Spiel mitspielt, gerät plötzlich in tödliche Gefahr: sein auf mehrere Lichtjahre ausgedehnter Körper findet nicht mehr zu seiner eigentlich Form zurück, er ist rettungslos verloren. Da entringt sich seinem Inneren ein ungewohntes Wort – er ruft „Ave Maria!“ und ..... wird gerettet.

Vielleicht war diese Wendung bei dem jüdischen Romancier Werfel eine Reminiszenz an die kurz vorher selbst erlebte Rettung seines Lebens bei der Flucht durch Frankreich und dann nach Amerika. Als Franz Werfel im Jahre 1944 vor den Nazis nach Frankreich floh, musste er erleben, dass er in Paris plötzlich auch nicht mehr sicher war. Er floh weiter nach Südfrankreich. Dort hörte er von dem Wallfahrtsort Lourdes, erkundigte sich nach der Geschichte der Erscheinungen – und machte ein Gelübde: wenn ich heil hier herauskomme, schreibe ich ein Buch über die Muttergottes von Lourdes. Er kam heil in die Vereinigten Staaten und schrieb das bekannte großartige Buch „Das Lied von Bernadette“. Obwohl selber nicht Katholik, gelang es ihm darin, das wunderbare Geschehen so plausibel zu beschreiben, als wäre er selbst dabei gewesen, wie die „Schöne Dame“ dem Mädchen Bernadette erschien. Und auch die Antwort der „Dame“ auf die Frage des Mädchens nach ihrem Namen, erscheint uns als etwas ganz Natürliches: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“. Bernadette aber kann in ihrer Unwissenheit mit diesem Wort nichts anfangen. Während sie zum Pfarrer geht, um ihm zu berichten, wiederholt sie immer wieder diese Worte „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“, um sie ja nicht zu vergessen. Denn sie selber wusste natürlich nicht, dass vier Jahre zuvor, im  Jahre 1854, dieses Dogma verkündet worden war.

Das einmalige Sich-Wenden an Maria ist also nicht aussichtslos, wie der utopische Werfel-Roman „Stern der Ungeborenen“ schildert, in dem ansonsten das Christentum nur am Rande vorkommt, aber das gilt wohl eher für außerordentliche Situationen. Unser Gebet soll aber den gewöhnlichen Alltag tragen, und da ist es sogar logisch, wenn man Gebete – und eben auch die an Maria – häufig wiederholt. Schließlich isst man oder atmet man ja auch nicht nur einmal in der Woche. Ohne jetzt länger auf dieses schöne Thema einzugehen, sei hier nur das Rosenkranzgebet erwähnt, bei dem wir uns immer und immer wieder an Maria wenden. Johannes Paul II. nannte den Rosenkranz sein Lieblingsgebet.

Wendet euch vertrauensvoll an Maria

Johannes Paul II. hat in seinem Leben, aber auch in seinem Sterben der Menschheit Wesentliches gesagt. Er starb bekanntlich am Vorabend des von ihm selbst eingesetzten Barmherzigkeitssonntags (früher Weißer Sonntag) und setzte damit einen gerade für unsere unbarmherzige Zeit wichtigen Akzent. Wenige Jahre davor hatte er auch die polnische Ordensschwester Helena Kowalska (Schwester Faustyna) heilig gesprochen, deren Gedanken über die Göttliche Barmherzigkeit er schon in seiner frühen Enzyklika „Dives in misericordia“ anklingen ließ. Dabei brachte er auch zum Ausdruck, dass das vom Menschen geforderte Gegenstück zur göttlichen Allmacht und Barmherzigkeit das Vertrauen ist. Die Voraussetzungen, um die für jeden Menschen unerlässliche Barmherzigkeit Gottes zu erlangen, sind nicht Leistung oder  besondere Fähigkeiten, sondern einzig und allein ein ungebrochenes, ja kindliches Vertrauen, besonders deutlich ausgedrückt in dem sehr einfachen Stoßgebet: „Jesus, ich vertraue auf dich“.

Diese menschliche Grundhaltung dem Himmel gegenüber gilt auch in der Hinwendung zu Maria. Prüfen wir uns selbst, ob wir in puncto Vertrauen nicht doch noch zulegen könnten. Es ist ein sicheres Wort des hl. Bernhard, dass Maria die „omnipotentia supplex“ ist, die fürbittende Allmacht, und außerdem ist sie die „Mutter der Barmherzigkeit“.

Aus dem Leben des hl. Josefmaria Escrivá, der ein großer Marienverehrer war, gibt es viele Beispiele für erhaltene Gaben aufgrund einer vertrauensvollen Bitte an Maria. Am schlagendsten erscheint mir die Erhörung einer Bitte in einem auch für unsere Zeit besonders wichtigen Zusammenhang: was die Kirche mit am dringendsten braucht, und was beim Weltjugendtag ein besonders wichtiges Anliegen war, sind Berufungen – Berufungen zum Priester- und Ordensstand und solche zum apostolischen Laiendienst. Der hl. Josefmaria hat in den letzten fünf Jahren seines Lebens, von 1970 bis 1975, auffallend viele Wallfahrten zur Muttergottes gemacht, eine nach der anderen (nach Loreto, Lourdes, Einsiedeln, Fatima, Guadalupe, Aparecida, und viele andere), und es war gerade in diesen Jahren, dass das Opus Dei eine außergewöhnlich große Zahl von Berufungen bekam, wie es sie weder vorher noch nachher gegeben hat.

Hier liegt vielleicht der Schlüssel für unseren heutigen Mangel an Berufungen.

In diesem wie in allen sonstigen Anliegen sollen und wollen wir das Wort des Hl. Vaters beherzigen:

Wendet euch oft und vertrauensvoll an Maria!

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.