Unbekannte Künstlerin ins Rampenlicht gerückt

Ausstellung über Leben und Werk von Marie Hildreth Meière

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Von Elizabeth Lev*

ROM, 30. März 2012 (Zenit.org). - Man pflegt in New York immer nach dem am sorgfältigsten gehüteten Geheimnis zu suchen, handele es sich um ein Restaurant, eine Boutique oder einen Tageskurort. Nun gibt es in New York auch ein Museum, das am sorgfältigsten versteckt ist, das MoBia, oder „Museum für Biblische Kunst“ („Museum of Biblical Art“). Untergebracht im ersten Stock des auf dem Broadway und nahe dem „Lincoln Center“ bei der 61. Straße gelegenen Gebäudes der „American Bible Society“, rühmt es sich einer faszinierenden Sammlung seltener Bibelbestände in verschiedenen Sprachen; wahrhaft genial jedoch sind seine Ausstellungen.

Das MoBia-Museum hat Ausstellungen über biblische Kunst von Chagall und Roualt organisiert wie auch eine spektakuläre Ausstellung über die Passion in Venedig. Die derzeitige Exposition über die Künstlerin Marie Hildreth Meière hat mich jedoch ganz und gar fasziniert. Diese überaus begabte, bemerkenswert erfolgreiche Frau und Künstlerin aus dem 20. Jahrhundert hat einen großen Teil ihres Talents der Verschönerung heiliger Orte gewidmet.

Als Kunsthistorikerin muss ich zu meiner Beschämung gestehen, dass ich von dieser Künstlerin nie gehört hatte, ehe das MoBia-Museum meine Aufmerksamkeit auf sie lenkte. Jetzt aber, da ich ihr Leben und Werk kennen gelernt habe, hoffe ich, dass irgendwo eine Doktorthese in Kunsthistorik und ein Film in Vorbereitung sind, die sie einem breiten Publikum der Welt vorstellen.

1892 wurde sie in der Stadt New York innerhalb einer vornehmen Familie französischen Ursprungs geboren. Hildreth trat in die Fußstapfen ihrer Mutter und studierte Kunst. Ihre Schulausbildung erhielt sie im „Manhattanville College“ vom Heiligsten Herzen Jesu und träumte davon, Portraits zu malen, aber ihre Mutter regte sie dazu an, statt im modischeren Paris, in Italien zu studieren. Nach einem ersten, unter Fresken-Zyklen verbrachten Jahr meinte Hildreth zu wissen, „nie damit zufrieden sein zu können, weniger als eine große Wand zu bemalen“. Eine Wandkünstlerin war geboren.

Und so begann ihre künstlerische Odyssee. Sie ging nach Kalifornien, wo sie mit Theater- und Ballettunternehmen zusammenarbeitete, und kehrte dann für eine Zeit lang in die „Metropolitan Opera“ nach New York zurück. Bezeichnenderweise entwarf Picasso in denselben Jahren die Kulisse und die Kostüme für Sergei Djagilews Ballet „Parade“.

1917 brachte sich Frau Meière in die Kriegsbemühungen ein, indem sie als architektonische Zeichnerin für die Kriegsflotte („Navy“) arbeitete. Nachdem sie 1919 entlassen worden war, wurde sie von Architekt Bertram Goodhue „entdeckt“ und bekam ihren ersten bahnbrechenden Auftrag. Sie wurde damit betraut, die Altarwand der Episkopalkirche vom Hl. Markus in Mount Kisko, New York, zu gestalten.

Wie Raffael brachte sie dieses erstaunliche Debut mit einem Mal durch zum Erfolg. Man gewann sie für das Gebäude der Nationalen Akademie der Wissenschaften („National Academy of the Sciences building“). Dann wurde sie zur Verantwortlichen für die Dekoration des Kapitols des Staates Nebraska („Nebraska State Capitol“) ernannt. Wie der aus Urbino stammende Maler fürchtete sie sich nicht davor, neue Techniken und Hilfsmittel zu benutzen. Raffael erfand zusammen mit seinem Werkstattgefolge von neuem den römischen Stil Groteske; Hildreth erfand mit ihrer eigenen Technik, unter Verwendung von Gips auf Kacheln, von neuem das Mosaik.

Sie gestaltete viele Werke im weltlichen Bereich, doch die Ausgestaltung von heiligen Räumen war ihr beliebtestes Tätigkeitsfeld. Sie dekorierte Moscheen, Tempel und Dutzende von Kirchen, indem sie Mauerstein und Zement die übernatürlichen Kräfte des Glaubens zum Ausdruck bringen ließ.

Im katholischen Milieu sehr gefragt, kann ihr Werk an verschiedenen Stellen, von der „Assumption Church“ in Westport, Connecticut, über die Kathedrale von St. Louis, bis hin zur Kathedrale des Hl. Patrick in New York betrachtet werden. Eine Kapelle im Nationalwallfahrtsort in Washington DC hat sie auch dekoriert.

Die Ausstellung im MoBia-Museum, die unter dem Titel „Die Wände sprechen“ („The Walls Speak“) steht, konzentriert sich auf Frau Meières Kunst im Bereich der Liturgie. Hildreth selbst hat davon Notiz genommen, dass die Hälfte ihrer Aufträge die Ausgestaltung religiöser Räume betraf. Da großräumige Wände nicht von ihrem ursprünglichen Ort wegbewegt werden können, hat man bei der Ausstellung die nächstbeste Lösung gefunden, indem man mehrere zeichnerische Entwürfe und Modelle ihrer wichtigsten Werke zusammengetragen hat.

Die sorgfältige Ausgestaltung der Modelle unterstreicht das handwerkliche Können, das Frau Meière mit ihren Renaissance Counterparts teilte. Ein Modell eines Mosaiks für die Kirche vom Hl. Bartholomäus zeigt die Verklärung. Frau Meière hat in diesem Fall zum ersten Mal Glasmosaiksteine benutzt und dabei dessen reflektierende Eigenschaften benutzt, um den Bericht über den sich als Licht offenbarenden Christus nachzuempfinden. Das peinlich genaue Arrangement der Kacheln findet in der Byzantinischen Tradition ihren Vorgänger, wo dieses Motiv auf wunderbare Art dargestellt worden ist.

Das maßstabsgetreue Modell des Doms der Kathedrale von St. Louis ruft im Besucher das gleiche aufregende Staunen hervor, das die Auftraggeber erfüllt haben muss, als sie zum ersten Mal diesen großartigen Entwurf erblickten.

Man findet auch ein hübsches Triptychon vor, das eines der 500 Öl-auf-Holz angefertigten Werke darstellt, die sie für das Armeekorps hergestellt hat und die den US-Militärkaplanen als tragbare Altäre dienten. Siebzig dieser liturgischen Gegenstände waren von Hildreth selbst entworfen worden – ein Weg, um den tröstenden Balsam der Schönheit mitten in die Schrecken des Krieges zu tragen.

Das MoBia-Museum hat auch einen Parcours durch die Stadt New York entworfen, den man in Eigenregie abgehen kann. Auf diese Weise können neue Bewunderer von Hildreth Meière ihre Werke vor Ort betrachten, vor allem ihren Mosaikbogen in dem Hauptwallfahrtsort des Tempels Emanu-El, der größten Synagoge der Welt.

Vielleicht war Hildreth Meière das am sorgfältigsten gehütete Geheimnis der Kunstgeschichte gewesen, aber dank dem MoBia-Museum wird dies nicht mehr lange der Fall sein.

*Elizabeth Lev unterrichtet christliche Kunst und Architektur auf dem italienischen Campus der Duquesne University und am katholischen Studien Programm von St. Thomas. Ihr Buch „The Tigress of Forlì: Renaissance Italy's Most Courageous and Notorious Countess, Caterina Riario Sforza de' Medici“ wurde vergangenen Herbst von Harcourt, Mifflin Houghton Press veröffentlicht [Rezension bei ZENIT]. Sie kann unter lizlev@zenit.org erreicht werden.

[Übbersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]