"Unentgeltlichkeit und Kohärenz"

Die Soziallehre von Joseph Höffner und Benedikt XVI. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Dr. h.c. Lothar Roos, Vorsitzender der Joseph-Höffner-Gesellschaft

Rom, (ZENIT.org) Giovanni Patriarca | 382 klicks

Schon vor der Publikation hatte die Enzyklika “Caritas in Veritate”, mit verschiedenen Spekulationen, das allgemeine Interesse geweckt. Welches sind die wichtigsten Punkte in der Soziallehre Benedikts XVI.?

In „Caritas in Veritate“ knüpft Benedikt XVI. ausdrücklich an die Enzykliken „Populorum Progressio“ Pauls VI. und „Sollicitudo Rei Socialis“ Johannes Pauls II. an, in denen es um die Grundlage einer ganzheitlichen Entwicklung des Menschen und der Menschheit geht.

Zu den markantesten Aussagen Benedikt XVI. gehört seine Feststellung: „Ein Humanismus, der Gott ausschließt, ist ein unmenschlicher Humanismus“ (CiV 78).

Was bedeutet diese Feststellung? Die zu einem verantwortlichen Leben notwendigen ethischen Einsichten lassen sich mit dem Licht der natürlichen Vernunft erkennen und werden in der katholischen Tradition „natürliches Sittengesetz“ und, soweit daraus Rechtsprinzipien ableitbar sind, „Naturrecht“ genannt. Dieses den Menschen „ins Herz geschriebene Gesetz“ (Vgl. Röm. 2,14) findet Thomas von Aquin in den „inclinationes naturales“ des Menschen. Damit ist grundgelegt, dass die Kirche nicht nur den christlich Glaubenden, sondern allen Menschen helfen soll, wie es Paul VI. in „Populorum Progressio“ (20) formuliert hat, den „Weg von weniger menschlichen zu menschlicheren Lebensbedingungen“ zu suchen und zu finden. 

Diese Aufgabe kann aber nicht einfach mit Hilfe der „Offenbarung“ bewältigt werden. Insofern hat „die Soziallehre der Kirche“, wie es Benedikt XVI. formuliert, „eine wichtige interdisziplinäre Dimension“. 

Der Papst stellt als Grundlage die Begriffe von „Spes“, „Caritas“ und „Veritas“ fest. Was für eine Bedeutung hat diese „Orientierung an der Wahrheit und Liebe“ in der zeitgenössischen theologischen und philosophischen Debatte

Die Kraft seines theologischen und philosophischen Denkens, die Genauigkeit seiner Argumente, sein im tiefsten Sinn des Wortes „herzlichen“ Werben um die Menschen im Namen Gottes, die herausragende Kunst seiner Sprache, all dies hat dazu geführt, dass seine Enzykliken ein intensives und anhaltendes Echo finden. 

Seine Gedanken und Appelle bringen viele Menschen zum Nachdenken und bewegen manche auch neu zur „Nachfolge“. Sein Verständnis und seine Erhellung der Soziallehre der Kirche als die Frucht eines „trinitarischen Humanismus“ verleiht ihr eine wohl begründete und zugleich sympathische Identität. 

Um die Lehre von Paul VI. zu vertiefen, zeigt Benedikt XVI. die Risiken eines unmenschlichen Humanismus und einer übertriebenen Soziotechnokratie. Welche Antwort können wir an dieser Herausforderung finden?

Der Mensch könne „sein Glück“ nur in der Weise finden, dass er „in den Plan einwilligt, den Gott für ihn hat, um ihn vollkommen zu verwirklichen: In diesem Plan findet er nämlich seine Wahrheit, und indem er dieser Wahrheit zustimmt, wird er frei (vgl. Joh. 8,22)“. (CiV 1). Aus Schöpfung und Erlösung fließen also die „beiden Quellen“ der Soziallehre der Kirche zu einem einzigen Strom zusammen.

Dabei darf nicht verschwiegen werden, und das gehört wesentlich zur biblischen Anthropologie (vgl. Gen. 1-11), dass der Mensch durch eigene Schuld die Mitgift des Schöpfers verschmähen kann und dies auch getan hat. Seine „Ursünde“ bestehen darin, dass er „sein will wie Gott“, um autonom über „Gut und Böse“ entscheiden zu können (vgl. Gen 3,5). In dieser Geisteshaltung versucht er, den „Turm von Babel“ zu bauen, der bis „zum Himmel reicht“, also eine Gesellschaft zu errichten, die Gott nicht braucht.

Der „Turm“ bleibt eine Ruine, weil die gottlos gewordenen Menschen einander nicht mehr verstehen (vgl. Gen. 11). Ohne die Rückbindung an Gott zerbricht der Grundwertekonsens. Deshalb besteht die erste und grundlegende Aufgabe der kirchlichen Sozialverkündigung darin, jene sittlichen Grundeinsichten zu finden und zu verkünden, mit denen „die schöpferische Liebe“ Gottes die menschliche „Natur“ ausgestattet hat. 

Mit dem Lob der Transparenz, der Ehrlichkeit und der persönlichen Verantwortung konzentriert der Papst auch lange auf dem Prinzip der Unentgeltlichkeit. Auf welche Weise kann dieses wichtige Thema erklärt werden? 

Die Gerechtigkeit ist „der erste Weg der Liebe“. Liebe geht aber über die Gerechtigkeit hinaus und vervollständigt sie in der „Logik des Gebens und Vergebens“. Die menschliche Gesellschaft wird „nicht nur durch Beziehungen auf der Grundlage von Rechten und Pflichten gefördert, sondern noch mehr und zuerst  durch Verbindungen, die durch Unentgeltlichkeit, Barmherzigkeit und Gemeinsamkeit gekennzeichnet sind“ (CiV 6).

Insofern ist die Liebe auch das innere Prinzip des Gemeinwohls, das „aus Einzelnen, Familien und kleineren Gruppen gebildet wird, die sich in einer sozialen Gemeinschaft zusammenschließen.“ Sich für das Gemeinwohl einzusetzen, bedeutet demnach, „die Gesamtheit der Institutionen, die das soziale Leben rechtlich, zivil, politisch und kulturell strukturieren, einerseits zu schützen und andererseits sich ihrer zu bedienen.“

In dem Maße, wie dieser Dienst für das Gemeinwohl „von der Liebe beseelt ist“, trägt er „zum Aufbau jener universellen Stadt Gottes bei, auf die sich die Geschichte der Menschheitsfamilie zubewegt.“ So könne eine „vorausdeutende Antizipation der grenzenlosen Stadt Gottes“ (CiV 7) entstehen. 

Sie sind Vorsitzender der Joseph-Höffner-Gesellschaft. Während seines Wirkens als Professor in Trier und Münster (1945-1962), aber auch als Bischof von Münster (1962-1968) und Erzbischof von Köln (1969-1987) hat Joseph Höffner die Katholische Soziallehre in Deutschland wesentlich geprägt. Welche Aspekte seines Denkens sind heute noch aktuell in einer Welt, die sich sehr schnell verändert?

Die Soziallehre der Kirche sieht nicht heute so und morgen anders aus. Sie ist vielmehr ein auf sicherem Fundament stehendes „Lehrgebäude“, wie es Johannes Paul II. einmal formuliert hat (Sollicitudo rei socialis 1 u. 2). Ganz in diesem Sinn stellt Benedikt XVI. lapidar fest: „Es gibt nicht zwei Typologien von Soziallehre, eine vorkonziliare und eine nachkonziliare, die sich voneinander unterscheiden, sondern eine einzige kohärente und zugleich stets neue Lehre.“ Von dieser Überzeugung getragen, hat Joseph Höffner sein Lehrbuch „Christliche Gesellschaftslehre“ geschrieben. Zehn Jahre nach seinem Heimgang, 1997, habe ich eine Neuausgabe besorgt, die inzwischen in zehn Fremdsprachen (zuletzt ins Chinesische) übersetzt wurde (1). Höffners Aktualität möchte ich an einem gerade veröffentlichten Beispiel erläutern: In der Diskussion um die gegenwärtige Euro(pa)-Krise, wurden in einer soeben erschienenen Schrift die „Zehn Leitsätze“ wiederveröffentlicht, mit denen der Kardinal bereits 1980 vor einer „gefährlich hohen Staatsverschuldung“ gewarnt hatte (Alfred Schüller, Elmar Nass und Joseph Kardinal Höffner, Wirtschaft, Währung, Werte. Die Euro(pa)krise im Lichte der Katholischen Soziallehre, Veröffentlichungen der Joseph-Höffner-Gesellschaft Bd. 2, Paderborn 2014.). Nicht nur in dieser Frage erweist sich Höffners „Christliche Gesellschaftslehre“ als Klassiker von ungebrochener Aktualität. 

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FUSSNOTE

1) Joseph Höffner, Christliche Gesellschaftslehre, hrsg. bearb. u. hrsg. v. Lothar Roos, Erkelenz ³2011 – Die fremdsprachlichen Übersetzungen können z.T. über www.ordosocialis.de abgerufen werden.