Ungarn: Bischöfe entschuldigen sich für Kollaborateure des kommunistischen Regimes

Kritik an schuldig gewordenen Politikern, die nach wie vor öffentliche Ämter bekleiden

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BUDAPEST, 8. März 2005 (ZENIT.org).- Katholische Priester, die in der Zeit des Kommunismus mit dem Regime zusammenarbeiteten, seien Opfer eines "unmenschlichen Systems" gewesen, "dessen Erschaffer und Erhalter vielleicht noch heute an der Macht sind", erklärte die ungarische Bischofskonferenz in einer vor kurzem veröffentlichen Stellungnahme.



Mit ihrer Erklärung reagierten die Bischöfe auf die Veröffentlichung einer Liste in Osteuropa, in der die Namen von Spionen und Kollaborateuren der damaligen kommunistischen Regierungen aufgelistet werden. Auch Priester und Bischöfe werden namentlich genannt.

Die Bischöfe von Ungarn geben zunächst einmal zu bedenken, dass die Liste "fünfzehn Jahre nach dem Regierungswechsel" veröffentlicht worden sei. "Es ist auch allgemein bekannt, dass im Jahr 1989 ein riesiger Teil jener Dokumente zerstört wurde, die mit den Aktivitäten der politischen Polizei und ihren Anführern zu tun hatten", schreiben sie. "In den Jahrzehnten des Sozialismus wurde jeder Teil der Gesellschaft überwacht. Sogar die Führerpersönlichkeiten der Unterklasse waren dazu verpflichtet, 'Berichte über das Klima' zu erstellen, 'zur Gewährleistung der Sicherheit der Republik des Volkes'", heißt es in der Erklärung.

"Die kommunistische Partei führte dieses Beobachtungssystem auch unter Priestern und Ordensleuten ein, denn diese wurden zu den größten ideologischen Feinden gezählt. Zur Errichtung eines solchen Systems wurden alle denkbaren Formen von mentaler und physischer Gewalt angewendet", erklären die Bischöfe.

"Es hat viele Menschen gegeben, die sich heroisch gegen diese Bedrängnis behaupten konnten und dabei manchmal ihr Leben opfern mussten. Unter ihnen befanden sich Laien, Ordensleute und Priester. Ihnen zollt die katholische Kirche Anerkennung für ihren großen Mut", betonen sie.

"Andere verließen das Land oder zogen sich in ländliche Pfarreien zurück, um die Arbeit der Seelsorge fortzuführen. Aber es gab auch jene, die unter der Last der Schwierigkeiten zusammenbrachen und einer Kooperation zustimmten. Sie wurden Opfer eines unmenschlichen Systems, dessen Erschaffer und Erhalter vielleicht noch heute an der Macht sind. Solche Politiker besitzen nicht die moralische Grundlage, die es ihnen erlauben würde, jene zu verurteilen, die die Berichte erstellt haben", kritisieren die Bischöfe.

"Unter den Kollaborateuren hat es sicherlich Priester, Ordensleute und Laien gegeben, die – bedauernswerterweise mit schändlichen Absichten – gegen ihren Nächsten gesündigt haben. Wir bitten um Entschuldigung für das, was sie ihren Opfern und Gott angetan haben", heißt es in der Erklärung.

"Viele damalige Spione gaben ihren Mitbrüdern im Priesteramt ihre Aktivitäten zu erkennen und erleichterten so ihre Gewissen. Andere baten nach der politischen Wende jene um Verzeihung, über die sie berichtet hatten. Auch wenn es noch immer einige gibt, die diese Entschuldigung schuldig bleiben, können wir sie gemäß dem Geist der Liebe Christi nicht dazu verpflichten, Rechenschaft abzulegen: 'Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden' (Lk 6,37)."

Abschließend schreiben die ungarischen Bischöfe: "Es gibt Menschen, die zwischen Klerikern und Politikern, die sich für die Folgen ihrer Taten in der Vergangenheit nicht verantworten möchten, eine Parallele ziehen. Jene, die eine solche Auffassung vertreten, vergessen möglicherweise dabei, dass die Angehörigen des Klerus Opfer von Politikern waren und dass sie auch heute zu Opfern werden können, wenn ihre Namen öffentlich bekannt würden. Anders als Politiker bekleiden solche Kleriker auch kein öffentliches Amt."