Ungarn hat das Recht, Leben zu verteidigen

Carlo Casini verteidigt die Freiheit, sich der Abtreibung zu widersetzen

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Von Antonio Gaspari

 ROM, Donnerstag, 07. Juli 2011 (ZENIT.org).- Trotz des verheerenden Einbruchs der Geburtenzahlen, unter dem Europa leidet, fahren die Institutionen der Europäischen Gemeinschaft damit fort, eine Ideologie zu bekennen und zu praktizieren, die sich dem entstehenden Leben entgegenstellt, indem die Staaten der Europäischen Union die Gelder der Gemeinschaft nicht für Kampagnen zur Eingrenzung der Abtreibung nutzen dürfen.

Der Fall, der zur Diskussion steht, betrifft Ungarn, wo Plakate, auf denen ein ungeborenes Kind abgebildet ist mit der Überschrift: „Ich verstehe, dass du für mich nicht bereit bist, aber ich bitte dich: Gib mich zur Adoption frei. Lass mich leben“ angebracht wurden. Die Initiative wurde von „Projekt Progress“ mitfinanziert, die Teil der „Europäischen Sozialagenda“ ist.

Nun erklärte die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Viviane Reding, erklärte, dass „die Mitgliedsstaaten keine EU-Gelder für Kampagnen gegen die Abtreibung benutzen dürfen“ und fügtehinzu, dass die Initiative mit dem „Projekt Progress“ und dem Projektvorschlag, der den Diensten der Kommission von den ungarischen Behörden vorgelegt wurde, nicht in Einklang stehe.

Die Kommission verlangte, falls „Ungarn nicht finanziellen Sanktionen ausgesetzt werden will (...), dass dieser Teil der Kampagne unverzüglich gestoppt werden muss und alle aufgehängten Plakate entfernt werden müssen“.

Um zu verstehen, was in Brüssel vor sich geht, fragte ZENIT den Präsidenten der Kommission für konstitutionelle Angelegenheiten des europäischen Parlaments, Carlo Casini.

Laut Casini „war die Antwort von Reding enttäuschend und ausweichend“, weil „anstatt an den Wert der menschlichen Würde zu erinnern, die für jeden Menschen gleichermaßen gilt und das Fundament der Europäischen Union ist, zog sie es vor, ,interpretierbare‘ Ausdrucksweisen zu verwenden, beinahe so, als ob  Abtreibung einer der europäischen Werte sei“.

Im Hinblick auf eine mögliche Anordnung, die Plakate zu entfernen, erklärte Casini, dass „wenn wirklich Gelder für eine Kampagne benutzt wurden, die der EU nicht gefällt, es dann ausreichen würde zu verlangen, das Symbol von Progress zu löschen und die Gelder zu erstatten. Auf keinen Fall kann die Kommission anordnen, dass eine Botschaft nicht verbreitet werden darf,  die schon das Motto von Mutter Theresa von Kalkutta, der Friedensnobelpreisträgerin war, nämlich ,adoption, not abortion‘“.

Das wahre Problem sei, unterstrich der Präsident der Kommission für konstitutionelle Angelegenheiten des Europäischen Parlaments, warum die Kampagne Progress nicht Pro-Life-Initiativen enthalten dürfe. „Wo bleibt die,Gleichberechtigung‘ in einem Europa, das in der Vergangenheit nicht den Mut hatte, Organisationen, welche die Abtreibung in der ganzen Welt fördern, zu verbieten?“.

Unter anderem, so Casini, „benutzt das Logo der ,Sozialagenda‘, von der das Finanzierungsprogramm stammt, jenes der Union, ersetzt aber die zwölf Sterne auf blauem Grund mit zwölf Neugeborenen“.

Auf der Homepage der Sozialagenda stehe nämlich unter anderem, dass zu den verschiedenen Problemen, die angegangen werden müssten, die Überalterung der Bevölkerung stehe, dass die vorrangige Initiative die ,Kindheit und die Jugend‘ betreffe und dass das Ziel von Progress eine „soziale Solidarität“ sei“.

In diesem Kontext warf Casini weitere Fragen auf: „Ist die Abtreibung eine soziale Frage oder nicht? Ist es nützlich oder nicht, dass zur Eingrenzung der Alterung eine größere Anzahl von Kindern geboren wird? Ist nicht das Ablehnen ungeborener Kinder die schlimmste aller Diskriminierungen? Warum ihnen nicht irgendeine Chance geben?“.

„Erreicht man durch Verbesserung der Möglichkeiten zur Adoption“, fügte der Präsident der Kommission hinzu, „nicht auch eine Möglichkeit für jene Frauen, die keine Kinder bekommen können, und erlangt man so nicht in gewisser Weise eine Gleichheit mit den anderen Frauen, die hingegen in der Lage sind zu gebären?“.

Bezüglich der Adoption als Mittel, Frauen in Not zum Fortsetzen der Schwangerschaft zu bewegen, erklärte Casini, dass „dieses Prinzip durch das Gesetz, das die anonyme Geburt erlaubt, bereits in unseren Gesetzen verankert ist,“ und selbst wenn dies vielleicht nur wenig effizient oder sogar irritierend sei, so sei doch „die Adoption besser als das Aussetzen in einem Müllcontainer“.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Josef Stolz]