UNHCR-Studie: Christen im Irak in großer Bedrängnis

Die Zahl der im Irak lebenden Christen ist von etwa 1,4 Millionen im Jahre 1987 auf inzwischen deutlich weniger als 1 Million gesunken

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BERLIN, 13. Juli 2006 (ZENIT.org).- Seit dem Einmarsch der Koalitionstruppen und dem Sturz des Saddam-Regimes im März 2003 hat sich die Situation von Angehörigen nicht-muslimischer Religionsgemeinschaften und vor allem der Christen im Irak "insgesamt spürbar verschlechtert", heißt es in einer neuen Studie des UN-Flüchtlingshochkommissariats.



Die ausführliche Hintergrundinformation zur Situation der christlichen Bevölkerung der Irak (pdf-Format) ), die am Dienstag vorgestellt wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass angesichts der jüngst zu beobachtenden weiteren Destabilisierung der Verhältnisse im Irak "Verfolgungen oder die Furcht vor Verfolgungen für alle Christen landesweit eine realistische Bedrohung" darstellen.

"Das sich insgesamt verschlechternde politische und soziale Klima, andauernde Beeinträchtigungen der individuellen Sicherheit und der wirtschaftlichen Existenz sowie zielgerichtete Anschläge und Übergriffe bei gleichzeitigem Fehlen effektiver nationaler Sicherheitskonzepte und einer zunehmend ambivalenten Position der Bevölkerung und der Regierung bezüglich der Religionsfreiheit weisen nicht auf die Wiederherstellung, sondern klar auf eine Verschlechterung der Verfügbarkeit effektiven Schutzes vor religiös bedingter Verfolgung hin."

Die UN-Teilorganisation, die sich um Flüchtlinge und Vertriebene kümmert, deckt in dem 12 Seiten starken Bericht zunächst die Defizite der irakischen Rechtslage in Bezug auf die Religionsfreiheit auf, um anschließend die Lage der Christen im Irak unter die Lupe zu nehmen, die bei der Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben diskriminiert und mancherorts tätlich angegriffen würden. Auch die Motive für diese Übergriffe und Feindseligkeiten werden beleuchten.

"Nach UNHCR vorliegenden Berichten sind Christen von der dramatischen Verschlechterung der Situation nicht-muslimischer Religionsgemeinschaften besonders stark betroffen", heißt es in der Untersuchung. "So sehen sich Christen in zunehmendem Maße Diskriminierungen beim Zugang zum Arbeitsmarkt oder zu Diensten der sozialen Grundversorgung ausgesetzt. Viele irakische Christen fürchten jedoch vor allem Verfolgung durch aufständische Gruppierungen wie Ansar Al-Sunna und islamistische Milizen, beispielsweise die Badr-Organisation oder die Mahdi-Armee, die in verschiedenen Städten und Orten im Irak die faktische Kontrolle über ganze Straßenzüge übernommen haben. Infolge der Veröffentlichung satirischer Darstellungen des islamischen Propheten Mohammed in verschiedenen europäischen und US-amerikanischen Tageszeitungen haben sich die Sicherheitslage und die politischen Rahmenbedingungen für Christen im Irak seit Januar 2006 weiter verschärft." Die Vertreter der christlichen Religionsgemeinschaften im Irak haben derzeit politisch kaum Gewicht, da sie lediglich 6 von 275 Sitzen (2 Prozent) im irakischen Parlament innehaben.

Das UN-Flüchtlingshochkommissariat bestätigt die Befürchtungen hochrangiger irakischer Kirchenvertreter in Bezug auf die Verfassung, die am 15. Oktober 2005 angenommen wurde: Verglichen mit der Übergangsverfassung, die im März 2004 vom US-Sonderverwalter im Irak, Paul Bremer, unterzeichnet wurde, enthielten die neuen Regelungen "spürbare Beeinträchtigungen der Rechtsstellung von Angehörigen religiöser Minderheiten" und böten "keine absoluten Garantien zum Schutz der Glaubens-, Gewissens- und Religionsfreiheit". Der Schutz nichtislamischer Religionen sei nicht ausreichend garantiert; Artikel 2 (1) des Verfassungsentwurfes könne von der Gerichtsbarkeit dazu missbraucht werden, "anerkannte Menschenrechte politischer und sozialer Reformer, religiöser Minderheiten oder Frauen zu verkürzen".

Artikel 2 (2) des Verfassungsentwurfes garantiere zwar einerseits allen Individuen Freiheit bei der Wahrnehmung ihrer religiösen Rechte, verpflichte aber andererseits die staatliche Gewalt im Irak zugleich, "die islamische Identität der Mehrheit der irakischen Bevölkerung" zu gewährleisten. UNHCR stellt diesbezüglich fest, dass die effektive Umsetzung dieses Zieles jedoch geradezu "ein – mit Strafe bewehrtes – Verbot jeglicher Formen der Werbung oder Mission für andere, nichtislamische Religionsgemeinschaften" erfordere. "Die Gewährleistung der islamischen Identität des Staates und seiner Bevölkerung scheint darüber hinaus auch eine Pönalisierung der Apostasie, islamkritischer Äußerungen sowie der Ausübung von Tätigkeiten zu rechtfertigen, die nach islamischen Vorstellungen nicht tolerierbar sind." Die Verfassung lasse darüber hinaus völlig offen, "ob die Abkehr vom Islam beziehungsweise der Übertritt zu einer nichtislamischen religiösen Gruppierung effektiv geschützt, gewohnheitsrechtlich verboten, aber straffrei oder aber nach den Prinzipien der Scharia weiterhin mit Strafe bewehrt ist".

Nach offiziellen Angaben ist die Zahl der im Irak lebenden Christen von etwa 1,4 Millionen im Jahre 1987 auf inzwischen deutlich weniger als 1 Million gesunken. Christliche Würdenträger gehen davon aus, dass derzeit vermutlich mehr als 700.000 irakische Christen im Ausland leben. Das unabhängige "Brookings Institute" schätzt darüber hinaus die Zahl der innerhalb des Irak vertriebenen Christen auf mindestens 150.000 Personen. Die Assyrian Academic Society macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass der überwiegende Teil der Chaldo-Assyrischen Bevölkerung in den zentral- und südirakischen Provinzen aus Langzeitvertriebenen besteht, deren ursprüngliche Siedlungsgebiete im Nordirak im Zusammenhang mit Säuberungsaktionen der ehemaligen irakischen Regierung in den achtziger Jahren sowie infolge von Auseinandersetzungen rivalisierender kurdischer Gruppen zerstört oder konfisziert worden sind.

Etwa ein Drittel der irakischen Christen (vor allem Chaldäer und Assyrer) lebt gegenwärtig in den unter kurdischer Autonomieverwaltung stehenden Provinzen Dohuk, Erbil und Sulaimaniya im Norden des Landes, während die verbleibenden Christen hauptsächlich in und um die Städte Bagdad und Basra leben. Eine weitere Gruppe von etwa 15.000 Christen lebt in der Stadt Kirkuk, über deren noch ungewisse Zugehörigkeit zu den unter kurdischer Verwaltung stehenden Autonomiegebieten oder zum Zentralirak erst im Juli 2007 per Referendum entschieden werden soll.