UNHCR-Weltflüchtlingsstatistik 2007: Mehr Flüchtlinge, Tendenz streigend

Reiche Nationen sollten Entwicklungsländer stärker unterstützen

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GENF/LONDON/WIEN, 17. Juni 2008 (ZENIT.org).- „Viele Entwicklungsländer haben enorme Großzügigkeit bei der Aufnahme von Flüchtlingen bewiesen und verdienen deshalb noch viel mehr Unterstützung und Solidarität“, betonte heute, drei Tage vor dem Weltflüchtlingstag am 20. Juni, UN-Flüchtlingshochkommissar António Guterres.

„Nach einem Rückgang in den Jahren 2001 bis 2005 beobachten wir seit zwei Jahren wieder einen Anstieg“ bei den Flüchtlingszahlen, was Anlass zur Sorge gebe, erklärte Guterres bei der Vorstellung der heute veröffentlichten Weltflüchtlingsstatistik 2007 des UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR.

Die Daten, die aus 150 Ländern zusammengetragen wurden, ergeben, dass im Jahr 2007 42 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen waren. Die Zahlen belegen einen Anstieg bei Flüchtlingen auf 16 Millionen (davon 4,6 Millionen Palästinenser) und Binnenvertriebenen auf 26 Millionen (2006: 24,4 Millionen).

Die globalen Herausforderungen, mit denen man es heute zu tun habe, könnten künftig „sogar zu noch mehr Vertreibungen führen“ , warnte Guterres mit Blick auf Konflikt bedingte, komplexe Krisen, knappe Ressourcen und extreme Preissprünge, die die Ärmsten am schlimmsten getroffen und zu Instabilität geführt hätten.

Für den Anstieg macht der UNHCR-Bericht unter anderem die Lage im Irak verantwortlich. Ende 2007 gab es dort allein 2,4 Millionen Binnenvertriebene (Anfang 2007: 1,8 Mio.). Einen starken Zuwachs von 400.000 Binnenvertriebenen auf eine Million verzeichnete auch Somalia. Bei den grenzüberschreitenden Flüchtlingen stehen Afghanen an der Spitze (drei Mio.), gefolgt von Irakern (zwei Mio.).

Ein Flucht-Muster zeigt sich nach dem Bericht auf allen Kontinenten: Flüchtlinge finden vor allem auf dem eigenen Kontinent Zuflucht, also etwa Darfur-Flüchtlinge im Tschad. 86 Prozent der Flüchtlinge bleiben demnach in ihrer Herkunftsregion.

„Menschen in wohlhabenden Ländern sollten sich bewusst sein, dass die meisten Flüchtlinge weltweit in Entwicklungsländern leben“, mahnte deshalb der UN-Flüchtlingshochkommissar. An der Spitze der Aufnahmeländer liegt Pakistan mit zwei Millionen Flüchtlingen. Es folgen Syrien (1,5 Mio.), Iran (964.000), Deutschland (579.000) sowie Jordanien (500.000). Österreich liegt mit 30.800 Flüchtlingen auf Rang 40.

Die gute Nachricht im Bericht: 2007 erlebte die Neuansiedlung von Flüchtlingen in Drittstaaten einen Aufschwung. UNHCR konnte 99.000 Flüchtlinge, die am Erstzufluchtsort nicht bleiben konnten, an Regierungen weitervermitteln; die höchste Zahl in 15 Jahren. 2007 bekamen so 75.300 Flüchtlinge – viele aus Myanmar – in 14 Staaten eine neue Heimat, ein Plus von fünf Prozent. Neuansiedlung ist neben freiwilliger Rückkehr und Integration im Asylland die dritte dauerhafte Lösung für Flüchtlinge.

„Die Kirche schaut mit außergewöhnlicher Aufmerksamkeit auf die Welt der Migranten und fordert von jenen, die in ihrem Heimatland eine christliche Bildung empfangen haben, diesen Schatz ihres Glaubens und die evangelischen Werte Frucht tragen zu lassen, damit sie in den verschiedenen Lebensbereichen ein kohärentes Zeugnis ablegen“, schreibt Papst Benedikt XVI. in seiner Botschaft zum bevorstehenden Weltflüchtlingstag. Und in diesem lädt er die kirchlichen Gemeinden am jeweiligen Zielort ein, „die jungen und sehr jungen Menschen mit ihren Eltern wohlwollend aufzunehmen und zu versuchen, die Wechselfälle ihres Lebens zu verstehen und ihre Eingliederung zu fördern“.

Der Heilige Vater stellt mit großem Bedauern fest, dass man im Bereich der Zwangsauswanderer, Vertriebenen und Flüchtlinge sowie der Opfer des Menschenhandels zahlreiche Kinder und Heranwachsende finde. „Was das betrifft, so ist es unmöglich, angesichts der dramatischen Bilder der großen Lager der Flüchtlinge und Vertriebenen zu schweigen, die in verschiedenen Teilen der Welt vorhanden sind. Wie sollte man nicht an die kleinen Lebewesen denken, die mit der gleichen legitimen Erwartung von Glück auf die Welt gekommen sind wie alle anderen? Und wie sollte man nicht gleichzeitig daran denken, dass die Kindheit und die Jugend Phasen von grundlegender Bedeutung für die Entwicklung des Mannes und der Frau darstellen, Phasen, die Stabilität, Ruhe und Sicherheit voraussetzen? Für diese Kinder und Jugendlichen ist die einzige Lebenserfahrung das Lager, in dem sie sich gezwungenermaßen aufhalten müssen, wo sie abgesondert sind, fern von bewohnten Gebieten und ohne die Möglichkeit, eine normale Schule besuchen zu können. Wie können sie mit Vertrauen in die Zukunft blicken? Wenn es auch wahr ist, dass viel für sie getan wird, so muss man sich doch noch stärker dafür einsetzen, dass ihnen durch die Schaffung geeigneter Strukturen für ihre Aufnahme und ihre Ausbildung geholfen wird.“

Von Dominik Hartig