Unheilbar Kranke haben ein Recht auf Wahrheit und liebevolle Begleitung

Bericht über die Fachtagung „Krebs und Depression“ mit dem Präsidenten der Päpstlichen Akademie für das Leben

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ROM, 25. Januar 2008 (ZENIT.org).- Die seelischen und psychosozialen Dimensionen von Krebserkrankungen standen im Mittelpunkt der Tagung „Krebs und Depression“ der italienischen Psycho-Onkologen in Rom.



Die moderne Medizin verbucht zwar enorme Fortschritte, aber noch immer verursachen Krankheiten wie Krebs bei vielen Patienten Angst, Verunsicherung und Depression. Krebs bedeutet somit nicht nur physische Belastung, sondern auch seelisches Leid.

Der Arzt sollte den unheilbar Kranken immer auch auf den Tod vorbereiten, hob der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Msgr. Elio Sgreccia, im römischen Kongresszentrum des IFO (Istituti Fisioterapici Ospitalieri) hervor. Eine „Verschwörung der Verschwiegenheit“ sei unbedingt zu vermeiden; das Gespräch über das Leben, das niemals vergeht, sollte aktiv gesucht werden.

Bei der großen Fachtagung im Dezember vergangenen Jahres wurden auch die positiven Ergebnisse der psychologischen Behandlung von Krebspatienten vorgestellt.

Die italienische Professorin Paola Muti, wissenschaftliche Leiterin des „Regina Elena Cancer Institute“ in Rom, bestätigte, das Krebspatienten häufig unter Depressionen leiden. Zahlreiche Studien belegten allerdings, dass dies oft unterschätzt und weder richtig diagnostiziert noch behandelt werde. Dies läge vor allem daran, dass einige Symptome bei Krebs als Folge einer Pathologie und medizinischen Behandlung gedeutet würden.

Etwa 40 Prozent aller Krebs-Patienten sind durch ihre Krankheit psychisch so stark belastet, dass sie besondere Hilfe benötigen, aber nur zwei Prozent nehmen sie auch tatsächlich in Anspruch. Alarmierende Werte, wenn man bedenkt, das die von Dr. Joseph Petrella präsentierten Mittelwerte allein in Italien für 2007 auf jeweils 10.000 Einwohner 650 neue Krebserkrankungen diagnostiziert werden, während insgesamt 1.700 000 Menschen unter dieser Krankheit leiden.

In seiner Ansprache betonte Msgr. Elio Sgreccia insbesondere, wie wichtig es sei, den unheilbar Kranken mit der Wahrheit über seine Krankheit zu konfrontieren. Das gelte nicht nur für den klinischen Befund, sondern auch für die dabei zu berücksichtigende existentielle Dimension. Diese Aufgabe werde heute dadurch erschwert, dass die Wahrheit über Tod und unheilbare Krankheiten „in einer Gesellschaft, die von Produktivität und materiellen Wohlergehen geprägt“ sei, auf große Ablehnung stoße.

Bischof Sgreccia wies darauf hin, dass der eigene Lebensweg im Ganzen auch entscheidenden Einfluss auf die Art und Weise nehme, wie man sich mit Tod auseinandersetze; eine gesunde Person, die nicht in der Lage ist, sich mit dem Gedanken an den Tod anzufreunden, könne nämlich „Persönlichkeitsstörungen“ entwickeln.

„Ein Arzt oder Psychologe, der diesen inneren Schritt nicht getan hat“, sei nicht in der Lage, „mit dem Sterbenden umzugehen, weil es instinktive Selbstverteidigungsmechanismen gibt, die meistens zu Ausflüchten, Aggressivität oder die Suche nach Erfolg um jeden Preis führen, also zur therapeutischen Belastung werden“.

Es bestehe unbedingte Notwendigkeit für einen ordnungsgemäßen kommunikativen Ansatz auf Seiten der Ärzte, bekräftigte Sgreccia, der das Modell der „individuellen Offenheit“ lobte. Es soll im Rahmen einer Freundschaftserklärung zum einen das Recht des Patienten auf Information achten, wobei aber drastische Eröffnungen vermieden werden. Die Pflicht des Arztes sei es in dieser Hinsicht, jede Lüge zu vermeiden und stets „Hoffnung und Unterstützung“ zuzusprechen.

Vorsicht sei nur bei psychisch oder suizidgefährdeten Patienten geboten, so der Bischof. Deshalb seien für diese Fälle Strategien nötig, die auf bestimmte emotionale und psychische Phasen des Kranken Rücksicht nehmen, die sich in Formen von Verleugnung, Wut, Ablehnung, Verhandlung, Depression und schließlich Akzeptanz ausdrückten.

Die Wahrheit müsse schrittweise eröffnet werden: „Der Zeitpunkt muss angemessen sein, die Sprache verständlich.“ Und außerdem müsse zugleich Solidarität gezeigt werden. Der klinische Befund sollte aber die ganze anthropologische Realität des Patienten berücksichtigen und Sinnpotentiale enthalten, wie es die Botschaft von einem unsterblichen Leben und das österliche Geheimnis von Christi Sterben und Auferstehen es für den Menschen sein könnten.

Professor Dr. Maria Rita Parsi, Psychotherapeutin und Schriftstellerin, erklärte, dass Menschen, die von ihrem Arzt wahrheitsgetreu und in vollem Ausmaß über ihren ernsten Gesundheitszustand informiert worden sind, mitunter das Gefühl hätten, dass ein Hauch von Verachtung mitschwinge. Werde jedoch wahrgenommen, dass der Arzt Information zurückhält, käme es zu einem „Meer von Fragen“.

In diesem Zusammenhang bekräftigte Bischof Sgreccia die Heilsbedeutung des Leidens und die Bedeutung der Begleitung von Kranken im Endstadium: „Der Sterbende schenkt auch denen, die ihn umgeben, Reife und Mut.“ Der Kranke werde gewissermaßen zum „Lehrer des Lebens“. Jeder erhaltene Liebeserweis begleite den Menschen bis an sein Lebensende, fügte der Bischof hinzu. Mit fortschreitendem Alter und gegebenenfalls auch mehr gesundheitlichen Beschwerden verwelke das geistliche Leben des Menschen nicht, „sondern es erblüht und wird in der Ewigkeit noch reicher“.

Unter Berufung auf einige Passagen der zweiten Enzyklika Benedikts XVI. Spe salvi führte Sgreccia weiter aus, dass „die Qualität der Menschheit in erster Linie vom Umgang mit dem Leid und den Leidenden abhängt“. Eine Gesellschaft, die das Leiden nicht akzeptiere, sei nicht in der Lage, Mitgefühl zu haben und den Leidenden zu helfen; vielmehr verkomme sie „in ihrem Kern zu einer grausamen und unmenschlichen Gesellschaft“.

In seiner zweiten Enzyklika gibt Benedikt XVI. diesbezüglich die Devise aus: „Mit anderen und für andere zu leiden; um der Wahrheit und des Rechts wegen zu leiden; zu leiden als Folge der Liebe und mit dem Ziel zu einer Person zu werden, die wirklich liebt, das sind grundlegende Bausteine der Menschheit; gingen sie verloren, würde dies die Zerstörung des Mensch selbst bedeuten“ (39).

Bischof Sgreccia wies darauf hin, dass die Agonie zur „Offenheit für die Ewigkeit“ führen sollte. Die Qual werde zum „Sieg über alle Immanenz“ – in dem Augenblick, in dem Gegenwart und Ewigkeit sich berühren. Das sei der Grund, warum der Mensch die „Verkündigung des Todes in seiner heilsbezogenen und eschatologischen Dimension“ benötige, ohne dabei „die Pflicht zur korrekten Information, die für christliche Pietät von wesentlicher Bedeutung ist, zu unterlassen“.

Dr. Patrizia Pugliese, die Verantwortliche für den psychologischen Dienst am IFO, ging auf die Vorteile der medizinischen Psychologe ein, die keinesfalls die Notwendigkeit der Beratung der Familie des Patienten außer Acht lasse. In der Tat sei die Anwesenheit eines Psychologen in einem Team von Ärzten für „das wachsende Bewusstsein der psychosozialen Auswirkungen, den Erwerb von relationalen-kommunikativen Fähigkeiten, die Verbesserung der Kommunikation und auch die Verhütung von Unbehagen“ förderlich.

Die Psychotherapeutin hob anschließend auch die Notwendigkeit hervor, „bei Patienten im Endstadium die eigene Geschichte zurückzuverfolgen und das zu versöhnen, was noch nicht abgeschlossen ist, um ihm zu helfen, den Sinn seines Lebens zu finden“.

Für Professorin Maria Rita Parsi jedoch ist „die Krankheit eine Wiedergeburt, der Beginn eines Wandlungsprozesses und der Veränderung“, in dem der Patient gewissermaßen neu geboren werde, während die „Depression auch ein Moment des Atemholens sein kann: um Kraft zu tanken, eine Form des Umgangs mit sich selbst zu finden“.

Der Glaube – diese „spirituelle Energie“ – bedeute ein überaus großes Geschenk, eine besondere Gnade. „Verbunden mit ärztlicher Begleitung und psychologischer Unterstützung“ könne er im unheilbar Kranken eine „wirklich außergewöhnliche menschliche Stärke“ heranreifen lassen.

[Von Mirko Testa; Übersetzung aus dem Italienischen von Angela Reddemann und Dominik Hartig]