„Unser Kreuzweg scheint kein Ende zu nehmen“: Österreichische Bischofskonferenz auf Pilgerfahrt in Jerusalem

Von Stephan Baier

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JERUSALEM, 12. November 2007 (ZENIT.org).- In einer feierlichen Prozession ist die Österreichische Bischofskonferenz am Mittwochabend in Jerusalem eingezogen. Am Jaffa-Tor wurden Kardinal Christoph Schönborn, der Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser und alle Bischöfe Österreichs von hochrangigen Delegationen aller im Heiligen Land vertretenen christlichen Konfessionen empfangen. Bereits eine Stunde vor der Ankunft der Gäste mischten sich hier Franziskaner, Dominikaner und Schwestern der „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ unter Melkiten, orthodoxe und altorientalische Würdenträger. Erzbischof-Koadjutor Fouad Twal, der künftige Lateinische Patriarch von Jerusalem, begrüßte die Österreicher unweit des einstigen Kaiserlich-Königlichen Postamtes. In einer Prozession zog die konfessionell bunte Schar durch den Jerusalemer Basar zur Grabeskirche, in der sechs christliche Kirchen Heimatrecht genießen.



Vor dem leeren Grab Jesu Christi im Herzen der Grabeskirche erinnerte Erzbischof Twal an die Aufforderung Jesu, „unser Kreuz zu tragen und ihm nachzufolgen, wenn wir seine Jünger sein wollen“. Wörtlich sagte der aus Jordanien stammende Erzbischof: „Es scheint, dass unser Kreuzweg hier im Heiligen Land kein Ende nehmen will. Wir leben noch immer unser Golgotha und warten auf die Auferstehung, auf Gerechtigkeit und Frieden.“ Für viele Menschen in diesem Land sei das Leben mit erheblichen Härten belastet, „besonders wegen der so genannten Sicherheitsmauer und vielen Sicherheitsmaßnahmen, welche die Bewegungsfreiheit von Abertausenden verhindern oder einschränken, Familien voneinander trennen, Landbesitz vereinnahmen und auch die Pastoralarbeit schwer behindern.“ Die Zahl der einheimischen Christen sei stark zurückgegangen, denn viele hätten die Heimat verlassen in der Hoffnung, Arbeit und Zukunft für ihre Familien im Ausland zu finden.

In seiner Begrüßungsansprache an die österreichischen Bischöfe meinte Twal: „Das Grab, vor dem wir stehen, ist leer. Das bedeutet, dass der Herr auferstanden ist. Auch wir werden eines Tages unsere Auferstehung erleben, und wir hoffen, dass dies auch für unsere Kirche von Jerusalem gelten wird.“ Die Anwesenheit der Bischöfe aus Österreich gebe Hoffnung und Zuversicht. „Ohne ihre Solidarität und die der Weltkirche würden wir uns allein und verlassen fühlen.“ Twal bat um das Gebet für die Christen im Heiligen Land. „Helfen Sie uns bitte, für alle anderen Einwohner des Landes zu beten, besonders für die Führenden in der Politik, die eine entscheidende Rolle spielen im Versuch, diesem Land Frieden zu bringen.“

Der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, Kardinal Schönborn, bekräftigte, die österreichischen Bischöfe hätten diese Pilgerfahrt unternommen, um an den Quellen ihren Glauben zu bekennen, „an den Wurzeln, wo unser Glauben geboren wurde, da wo die Christen im Heiligen Land leben“. Die Österreichische Bischofskonferenz halte ihre ordentliche Herbstvollversammlung im Heiligen Land ab, um Zeugnis zu geben von der Gemeinschaft mit den Christen im Heiligen Land, weil „hier der Ort ist, an dem wir alle geboren wurden. Also sind wir hier zu Hause.“ Die Pilgerfahrt und Vollversammlung der Bischöfe wolle Zeugnis geben von der Notwendigkeit, „dass der Leib Christi einer sei, und wenn ein Mitglied dieses Leibes leidet, so leiden alle; wenn einer sich freut, dann freuen sich alle“. „Wir sind noch in der Zeit des Kreuzes. Noch ist das Kreuz der Auftrag des Herrn an jeden von uns“, unterstrich Kardinal Schönborn auch am frühen Donnerstagmorgen, als die österreichischen Bischöfe eine Messe direkt am Grab Jesu feierten. Im Heiligen Land sei die „Spannung zwischen Schon und Noch-nicht“ besonders zu spüren. In der Stadt, die den drei monotheistischen Religionen heilig ist, erinnerte Schönborn auch an die missionarische Sendung der Kirche zu allen Völkern, wissend „wie spannend, wie problematisch das ist, in einer pluralen Welt wie der unseren“. Der Auftrag der Jünger Jesu führe sie aber „zu allen Menschen und Völkern“.

Erzbischof Twal, ein gebürtiger Jordanier, wirkte nach Jahren im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls als Erzbischof von Tunis, bis er 2005 zum Koadjutor mit Nachfolgerecht für den Lateinischen Patriarchen berufen wurde. Es wird davon ausgegangen, dass Twal in der ersten Hälfte des kommenden Jahres die Nachfolge von Patriarch Michael Sabbah antritt, der seit 1987 amtiert und als erster Palästinenser zum Lateinischen Patriarchen berufen wurde. Im Patriarchat, das in der Altstadt von Jerusalem liegt, sprach Erzbischof Twal in einem Mediengespräch von seiner Hoffnung auf einen eigenständigen Staat Palästina und von den Schikanen durch die israelischen Sicherheitsmaßnahmen. Da Jordanien, Israel-Palästina und Zypern zur Jurisdiktion des Patriarchates gehören, gebe es große Probleme mit den zahlreichen Grenzen solange sich Israel weigere, Mehrfach-Visa für die Seelsorger auszustellen.

Twal bestritt israelische Darstellungen, wonach der Sicherheitswall – teils Zaun, teils Mauer – Israel Frieden bringe. So lebe Israel immer in Angst. Der Erzbischof verurteilte jede Form der Gewalt, meinte aber: „Wenn arabische Kinder nicht ins Krankenhaus oder in die Schule kommen können, dann ist das auch Gewalt.“ Gerechtigkeit und gegenseitiger Respekt seien die Voraussetzungen für den Frieden. Auf die Frage nach einer möglichen Pilgerfahrt von Papst Benedikt XVI. ins Heilige Land meinte der Erzbischof-Koadjutor: „Solange die Situation so ist, wie sie ist, ist der rechte Moment dafür nicht gekommen.“ Dies habe er auch dem Heiligen Stuhl auf Anfrage mitgeteilt. Solange die Christen des gesamten Gebietes keine Reisefreiheit hätten, sei die Zeit für einen Pastoralbesuch nicht reif.

Da ist der israelische Minister für Tourismus, Yitzhak Aharonovitch, verständlicherweise ganz anderer Meinung: „Jetzt ist die Zeit, dass der Papst nach Israel kommen sollte“, meinte er im Gespräch mit Kardinal Schönborn im Jerusalemer Regierungsviertel. Schönborn antwortete lächelnd: „Er trifft seine Entscheidung, ohne mich zu fragen. Aber es sieht so aus, als sei es in seiner Intention, nach Israel zu kommen.“ Im Tourismus-Ministerium zeigt man stolz einen Film vom Besuch Papst Johannes Pauls II. im Jahr 2000, lobt die Zusammenarbeit mit dem Vatikan und verspricht allerlei Erleichterungen für christliche Pilger. Immerhin sind 60 Prozent aller nach Israel kommenden Touristen – 2007 rund zwei Millionen – christliche Pilger.

Vor ihrem Besuch in Jerusalem traf die Österreichische Bischofskonferenz in Ibillin mit dem melkitischen (griechisch-katholischen) Erzbischof Elias Chacour zusammen sowie in Nazareth mit dem lateinischen Weihbischof Giacinto Boulos Marcuzzo. Von den Christen in Europa erhoffe er zweierlei, sagte der Generalvikar des Lateinischen Patriarchen für Israel: „Kommt als Pilger zu uns, und helft uns Schulen zu bauen.“ Die katholischen Schulen hätten im Heiligen Land eine große Bedeutung, auch für Muslime und Drusen.

[© Die Tagespost vom10. November 2007]