"Unser Leben von der göttlichen Liebe tragen und durchdringen lassen": Benedikt XVI. über das Geheimnis des dreifaltigen Gottes

Ansprache vor dem Angelus-Gebet

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ROM, 12. Juni 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die der Heilige Vater gestern, am Dreifaltigkeitssonntag, auf dem Petersplatz in Rom gehalten hat. Vor Zehntausenden von Gläubigen aus aller Welt verwies der Papst auf jene Wege, die das "unaussprechliche" Geheimnis der Dreifaltigkeit ein wenig begreifbar machen können.



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Liebe Brüder und Schwestern!

Am heutigen Sonntag nach Pfingsten feiern wir das Hochfest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Dank des Heiligen Geistes, der uns hilft, die Worte Jesu zu verstehen, und uns in die ganze Wahrheit einführt (vgl. Joh 14,26; 16,13), können die Gläubigen sozusagen das innerste Wesen Gottes erkennen. Dabei entdecken sie, dass er nicht unendliche Einsamkeit ist, sondern Gemeinschaft des Lichts und der Liebe – geschenktes und empfangenes Leben, in einem ewigen Dialog zwischen dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist: dem Liebenden, dem Geliebten und der Liebe selbst, um ein Wort des heiligen Augustinus aufzunehmen. Niemand kann Gott in dieser Weise schauen, aber er hat sich so zu erkennen gegeben, so dass wir zusammen mit dem Apostel Johannes sagen können: "Gott ist die Liebe" (1 Joh 4,8.16); "wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr geglaubt" (Deus caritas est, 1; vgl. 1 Joh 4,16). Wer Christus begegnet und eine Beziehung der Freundschaft mit ihm eingeht, nimmt die trinitarische Gemeinschaft in seiner Seele auf – entsprechend der Verheißung Jesu an die Jünger: "Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen" (Joh 14,23).

Für den, der glaubt, spricht das ganze Universum vom einen und dreifaltigen Gott. Vom interstellaren Raum bis hin zu den mikroskopischen Teilchen verweist alles Existierende auf ein Wesen, das sich in der Vielfalt und Verschiedenheit der Elemente wie in einer immensen Symphonie mitteilt. Alles Sein ist einer harmonischen Dynamik entsprechend geordnet, die wir in einer Analogie "Liebe" nennen können. Nur in der menschlichen Person, die frei und vernünftig ist, wird diese Dynamik jedoch zu etwas Geistigem, zur Antwort einer verantwortlichen Liebe zu Gott und dem Nächsten, in aufrichtiger Hingabe seiner selbst. In dieser Liebe findet der Mensch seine Wahrheit und sein Glück. Von den verschiedenen Analogien des unaussprechlichen Mysteriums des einen und dreifaltigen Gottes, die die Gläubigen zu sehen imstande sind, möchte ich die der Familie erwähnen. Die Familie ist dazu berufen, eine Gemeinschaft der Liebe und des Lebens zu sein, in der die Verschiedenheiten zusammenkommen müssen, um ein "Bild der Gemeinschaft" zu werden.

Das größte Werk unter allen Geschöpfen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit ist die Jungfrau Maria: In ihrem demütigen Herzen, das voller Glauben ist, hat sich Gott eine würdige Wohnung bereitet, um das Heilsgeheimnis zu vollenden. Die göttliche Liebe fand in Maria eine vollkommene Antwort, und in ihrem Schoß wurde der eingeborene Sohn Gottes Mensch. In kindlichem Vertrauen wenden wir uns an Maria, auf dass wir dank ihrer Hilfe in der Liebe fortschreiten und aus unserem Leben durch den Sohn im Heiligen Geist einen Lobgesang für den Vater machen.

[Auf Deutsch sagte der der Heilige Vater:]

Am heutigen Dreifaltigkeitssonntag grüße ich alle deutschsprachigen Pilger hier auf dem Petersplatz, darunter besonders die Gläubigen aus der Pfarrei St. Oswald in Traunstein. Wir Christen sind auf den Namen des dreifaltigen Gottes getauft. Er selbst schenke uns die Gnade, die Größe dieses Geheimnisses immer tiefer zu erkennen und unser Leben von der göttlichen Liebe tragen und durchdringen zu lassen. Euch allen wünsche ich einen gesegneten Sonntag.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2006 – Libreria Editrice Vaticana]