"Unser lebendiger Glaube an Christus ist das, was unsere eigentliche Identität darstellt"

Papstansprache an die Bischöfe Asiens

Seoul, (ZENIT.org) Redaktion | 568 klicks

Am vorletzten Tag seiner apostolischen Reise in Korea traf Papst Franziskus heute Morgen im Heiligtum von Daemi die Bischöfe Asiens. Er hielt dabei eine Rede, die wir hier in einer offiziellen Übersetzung dokumentieren.

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Liebe Mitbrüder im Bischofsamt,

ein herzlicher und brüderlicher Gruß im Herrn euch allen, da wir uns an diesem heiligen Ort versammeln, wo so viele Christen ihr Leben in Treue zu Christus hingegeben haben. Ihr Zeugnis der Liebe hat nicht nur für die Kirche in Korea, sondern auch über sie hinaus Segen und Gnade gebracht; möge ihre Fürsprache uns helfen, treue Hirten der Seelen zu sein, die unserer Sorge anvertraut sind. Ich danke Kardinal Gracias für seine freundlichen Worte der Begrüßung und für die Arbeit der Föderation der asiatischen Bischofskonferenzen zur Unterstützung der Solidarität und zur Förderung eines wirkungsvollen pastoralen Aufbruchs in euren Ortskirchen.

In diesem weiten Kontinent, in dem eine große Vielfalt an Kulturen beheimatet ist, ist die Kirche gerufen, in ihrem Zeugnis für das Evangelium beweglich und kreativ zu sein durch Dialog und Offenheit allen gegenüber. Der Dialog ist tatsächlich „ein wesentlicher Bestandteil der kirchlichen Sendung“ in Asien (Ecclesia in Asia, 29). Doch wenn wir den Weg des Dialogs mit Einzelnen und mit Kulturen einschlagen, was sollte dann unser Ausgangspunkt und der grundlegende Bezugspunkt sein, der uns zum Ziel führt? Sicherlich unsere eigene Identität, unsere Identität als Christen. Wir können uns nicht an einem wirklichen Dialog beteiligen, wenn wir uns unserer eigenen Identität nicht bewusst sind. Noch kann es einen echten Dialog geben, wenn wir nicht fähig sind, Geist und Herz mit Einfühlungsvermögen und echter Empfänglichkeit denen zu öffnen, mit denen wir sprechen. Ein klares Gefühl der eigenen Identität und die Fähigkeit zur Einfühlung sind also der Ausgangspunkt für jeden Dialog. Wenn wir frei, offen und fruchtbringend mit anderen zu reden haben, müssen wir uns klar sein, wer wir sind, was Gott für uns getan hat und was er von uns verlangt. Und wenn unsere Kommunikation kein Monolog sein soll, müssen Geist und Herz sich öffnen, um Einzelne und Kulturen anzunehmen.

Die Aufgabe, unsere Identität zu bestimmen und auszudrücken, erweist sich jedoch nicht immer als leicht, da wir als Sünder, die wir sind, immer vom Geist der Welt versucht sein werden, der sich auf vielerlei Weise zeigt. Drei davon möchte ich aufzeigen. Eines ist das trügerische Licht des Relativismus, der den Glanz der Wahrheit verdunkelt und, indem er den Boden unter unseren Füßen zum Wanken bringt, uns in den Treibsand der Verwirrung und Verzweiflung zieht. Es ist eine Versuchung, die heutzutage auch christliche Gemeinschaften befällt und die Menschen vergessen lässt, dass es in einer Welt schneller und desorientierender Veränderungen „viel Unwandelbares“ gibt, das „seinen letzten Grund in Christus hat, der derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit" (Gaudium et spes, 10; vgl. Hebr 13,8). Ich spreche hier nicht bloß vom Relativismus als einer Denkweise, sondern von jenem alltäglichen praktischen Relativismus, der fast unmerklich unser Identitätsgefühl untergräbt.

Eine zweite Weise, wie die Welt die Festigkeit unserer christlichen Identität bedroht, ist die Oberflächlichkeit, eine Neigung, mit der Mode zu gehen, sich mit Schnickschnack und Ablenkungen zu beschäftigen, anstatt auf das zu achten, worauf es wirklich ankommt (vgl. Phil 1,10). In einer Kultur, die das Kurzlebige verherrlicht und so viele Ausweichmöglichkeiten und Fluchtwege bietet, kann dies ein ernstes pastorales Problem darstellen. Für die Diener der Kirche kann sich das auch bemerkbar machen in einem Entzücken über Pastoralprogramme und -theorien auf Kosten einer direkten, fruchtbaren Begegnung mit unseren Gläubigen, besonders mit den Jugendlichen, die eine solide Katechese und eine gesunde geistliche Führung brauchen. Ohne eine Verankerung in Christus können die Wahrheiten, aufgrund derer wir unser Leben gestalten, allmählich dahinschwinden, die Übung der Tugenden in der Form erstarren, und der Dialog kann zu einer Art Verhandlung herabgesetzt oder auf eine Einigung über die Uneinigkeit reduziert werden.

Und dann gibt es noch eine dritte Versuchung: die der scheinbaren Sicherheit, die man darin findet, sich hinter leichten Antworten, vorgebildeten Formeln, Regeln und Vorschriften zu verstecken. Der Glaube ist von Natur aus nicht mit sich selbst beschäftigt; er „geht hinaus“. Er sucht Verständnis, löst Zeugnis aus, bringt Mission hervor. In diesem Sinn befähigt uns der Glaube, sowohl furchtlos als auch bescheiden zu sein in unserem Zeugnis der Hoffnung und der Liebe. Der heilige Petrus sagt uns, dass wir stets bereit sein sollen, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach dem Grund der Hoffnung fragt, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15). Unsere Identität ist letztlich an unseren stillen Bemühungen zu sehen, Gott allein anzubeten, einander zu lieben, einander zu dienen und durch unser Beispiel nicht nur zu zeigen, was wir glauben, sondern auch, worauf wir hoffen, und Denjenigen sichtbar zu machen, dem wir vertrauen (vgl. 2 Tim 1,12).

Noch einmal: Unser lebendiger Glaube an Christus ist das, was unsere eigentliche Identität darstellt; das ist der Ausgangspunkt für unseren Dialog, und das ist es, was wir zu teilen berufen sind, aufrichtig, ehrlich und ohne Anspruch, im Dialog des Alltags, im Dialog der Liebe und in jenen formelleren Gelegenheiten, die sich von selbst ergeben können. Da Christus unser Leben ist (vgl. Phil 1,21), lasst uns „von ihm her und über ihn“ sprechen, bereitwillig und ohne Zögern oder Furcht. Die Einfachheit seines Wortes wird deutlich in der Einfachheit unseres Lebens, in der Einfachheit unserer Verständigung, in der Einfachheit unserer Taten liebevollen Dienstes an unseren Brüdern und Schwestern.

Und nun möchte ich noch einen weiteren Aspekt unserer christlichen Identität ansprechen. Sie bringt reiche Frucht. Da sie aus der Gnade unseres Gesprächs mit dem Herrn und den Eingebungen seines Geistes hervorgeht und ständig davon genährt wird, bringt sie eine Ernte an Gerechtigkeit, Güte und Frieden hervor. Lasst mich euch nun fragen nach den Früchten, die sie in eurem eigenen Leben und im Leben der Gemeinden hervorbringt, die eurer Sorge anvertraut sind. Leuchtet die christliche Identität eurer Teilkirchen in euren Programmen für Katechese und Jugendpastoral auf, in eurem Dienst an den Armen und an denen, die am Rande unserer Wohlstandsgesellschaften dahinvegetieren, wie auch in euren Bemühungen, Berufungen zum Priestertum und zum Ordensleben zu wecken?

Schließlich verlangt ein echter Dialog neben einem klaren Gefühl für unsere eigene christliche Identität auch die Fähigkeit zur Einfühlung. Wir sind aufgefordert, nicht nur auf die Worte zu hören, die andere sprechen, sondern auf die unausgesprochene Mitteilung ihrer Erfahrungen, ihrer Hoffnungen und Bestrebungen, auf ihr Ringen und ihre innersten Anliegen. Dieses Einfühlungsvermögen muss die Frucht unserer geistlichen Einsicht und persönlichen Erfahrung sein, die uns dazu führt, andere als Brüder und Schwestern zu sehen und in und hinter ihren Worten und Taten das zu „hören“, was ihr Herz mitteilen möchte. In diesem Sinn verlangt der Dialog von uns einen wirklich kontemplativen Geist der Offenheit und Empfänglichkeit gegenüber den anderen. Diese Fähigkeit zur Einfühlung ermöglicht einen wahren menschlichen Dialog, in dem Worte, Ideen und Fragen aus einer Erfahrung von Brüderlichkeit und gemeinsam erlebter Menschlichkeit hervorgehen. Sie führt zu einer echten Begegnung, in der man von Herz zu Herz spricht. Wir werden durch die Weisheit der anderen bereichert und öffnen uns, um gemeinsam den Weg zu größerem Verständnis, mehr Freundschaft und Solidarität zu gehen. Wie der heilige Johannes Paul II. zu Recht erkannte, gründet unsere Verpflichtung zum Dialog schon in der Logik der Inkarnation: In Jesus ist Gott selbst einer von uns geworden, hat das Leben mit uns geteilt und in unserer Sprache zu uns gesprochen (vgl. Ecclesia in Asia, 29). In diesem Geist der Offenheit anderen gegenüber hoffe ich ernstlich, dass jene Länder eures Kontinents, mit denen der Heilige Stuhl noch keine vollständigen Beziehungen unterhält, nicht zögern, einen Dialog zum Wohl aller voranzutreiben.

Liebe Mitbrüder im Bischofsamt, ich danke euch für euren herzlichen und brüderlichen Empfang. Wenn wir den großen asiatischen Kontinent betrachten mit seinen ausgedehnten Territorien, seinen alten Traditionen und Kulturen, wird uns bewusst, dass eure christlichen Gemeinden in Gottes Plan wirklich ein pusillus grex, eine kleine Herde sind, die gleichwohl beauftragt ist, das Licht des Evangeliums bis an die Enden der Erde zu bringen. Möge der Gute Hirte, der jedes seiner Schafe kennt und liebt, eure Bemühungen, ihre Einheit mit ihm und mit allen Gliedern seiner Herde auf der ganzen Welt aufzubauen, leiten und stärken. Ich empfehle euch alle der Fürsprache Marias, der Mutter der Kirche, und erteile als Unterpfand der Gnade und des Friedens im Herrn von Herzen meinen Segen.

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