Unsere Sorge muss den Familien gelten!

Kölns Weihbischof Koch berichtet von einer Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz

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KÖLN, 18. Juli 2009 (ZENIT.org/PEK).- Weihbischof Dr. Heiner Koch berichtet in diesem Interview der Pressestelle des Erzbistums Köln über die Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz „Ehe - Familie - Seelsorge. Impulse für eine zukunftsorientierte Ehe- und Familienpastoral", die vom 25. bis zum 26. Juni in Freising stattfand.

PEK: Sehr geehrter Herr Weihbischof, im Juni traf sich die Kommission für Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz in Freising zum Thema „Ehe-Familie-Seelsorge". Was war der genaue Anlass, sich zu treffen?

Weihbischof Dr. Heiner Koch: Die Sorge um Ehe und Familie ist kein neues Anliegen. Die Kirche muss sich, wenn sie ihren pastoralen und seelsorgerischen Auftrag gerecht werden möchte, über die konkreten Bedürfnisse und alltäglichen Anforderungen und Gegebenheiten informieren. Der Impuls war der Studientag „Ehe und Familie" bei der Frühjahrs-Vollversammlung 2008 der DBK. Danach wurde die Kommission für Ehe und Familie beauftragt, sich auf einer Fachkonferenz mit den Anforderungen an eine lebensnahe und zukunftsgerichtete Seelsorge  zu befassen. Mit dabei waren Verantwortliche aus allen Diözesen Deutschlands. In den letzten Jahren konzentrierte sich unsere Arbeit auf die Ehe- und Familienberatung; im Vordergrund  stand konkrete Familienhilfe. Parallel dazu machte die Kirche auf die gesellschaftliche Bedeutung von Ehe und Familie aufmerksam: Werte wie Treue, Verlässlichkeit und Verantwortung gedeihen in Familien am besten. Jetzt war es an der Zeit, Impulse für eine zukunftsorientierte christliche Ehe- und Familienpastoral zu geben. Wir müssen unser Engagement richtig austarieren, wenn wir wirksam werden wollen.  Die überraschend hohe Zahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen an dieser Konferenz, zu denen auch Gäste anderer Bischofskonferenzen kamen, zeigte, wie herausfordernd und bedrängend dieses pastorale Feld wahrgenommen wird.

PEK: Kardinal Sterzinsky spricht in seinem einführenden Vortrag davon, dass Ehe und Familie keine selbstverständlichen Lebenswirklichkeiten mehr sind. Was bedeutet das für die Menschen; was bedeutet das für die konkrete Seelsorge in den Bistümern?

Koch: In unserer Gesellschaft halten viele die Ehe inzwischen für eine rein private und unverbindliche Angelegenheit, manche reduzieren sie auf eine gewisse wirtschaftliche und juristische Sicherung - vor allem für die aus der Ehe hervorgehenden Kinder. Andere betonen einseitig die romantische Seite der Ehe. Nicht wenige halten sie emotional für überflüssig. Im Gegensatz dazu drängen viele gleichgeschlechtliche Paare mit aller Vehemenz darauf, ihre Beziehung durch den Status Ehe gesellschaftlich anerkennen zu lassen. Auch Elternschaft ist für manche Ehepaare nicht mehr selbstverständlich. Oft wird sie an bestimmte Voraussetzungen geknüpft, etwa, dass die Familiengründung nicht zu einem wirtschaftlichen Abstieg führen darf. Die Befunde zu Ehe und Familie sind also widersprüchlich. Aber eines klar ersichtlich: Ehe und Familie haben die Selbstverständlichkeit verloren und werden immer häufiger zu einer Möglichkeit unter anderen. Immer noch gehören für große Teile der Bevölkerung Ehe und Familie zu einem selbstverständlichen und erstrebten Teil ihres Lebens, auch wenn sie diese erst viel später anstreben als etwa frühere Generationen. Der Anteil derer aber steigt, die sich dieser Form des Zusammenlebens verweigern. Diese Entwicklung verunsichert viele Menschen in ihrer Lebensgestaltung und -konzeption und bewirkt auf Dauer eine größere gesellschaftliche Instabilität. Für die Seelsorge bedeutet das konkret, dass ihre Ausgangslange uneinheitlich wird. Das zeigt sich etwa bei der Kommunionkatechese. Da gibt es Kinder aus sogenannten traditionellen Familien, aber auch aus Familien, in denen einer der Erwachsenen nicht der leibliche Vater oder die leibliche Mutter des Kindes ist. Sie erleben Familien, deren Eltern nicht verheiratet sind oder wo Mutter oder Vater alleinerziehend sind. Manchmal leben Kinder aus verschiedenen Generationen zusammen; manche Eltern gehören unterschiedlichen Konfessionen oder Religionen an; sie sind vielleicht religionslos oder stehen religiösen Fragen gleichgültig gegenüber. Wenn Kommunionkinder erleben, dass ihre Eltern nicht zur Kommunion gehen wollen oder dürfen, dann wirkt sich das auf ihr religiöses Leben und Empfinden aus.

PEK: Die Gesellschaft verändert sich augenscheinlich. Christen sind zunehmend in ein Umfeld gestellt, in dem sie mit ihren Überzeugungen von Ehe und Familie eine „Minderheitenposition" besetzen; das verunsichert viele. Wie können sie sich verhalten?

Koch: Zum einen gehört das Thema „Ehe und Familie" stärker in unsere Verkündigung. Nur selten habe ich bisher eine Predigt zum Thema christliche Ehe gehört. Zum anderen halte ich es für wichtig, dass junge Paare, die vor der Ehe stehen, in einer Ehekatechese gründlich auf dieses Sakrament vorbereitet werden. Ein Trauungsgespräch ist für das junge Paar wichtig, es darf nicht einfach abgehakt werden zwischen Einladungskarten und Farbwahl für den Blumenschmuck. Aus Gesprächen mit jungen Paaren weiß ich, wie wichtig für sie Ehe- und Familienkreise sind. Dort können sie einander treffen als Erfahrende, sich austauschen und gegenseitig unterstützen. Vielleicht ergibt sich auch einmal ein befreiendes Lachen über die Zwickmühlen des Alltags.Ich halte es zudem für unerlässlich, dass wir verstärkt Wege finden, um das geistliche Leben von Familien und Eheleuten zu stärken. Ich denke hier an Familienexerzitien oder an den Austausch der Generationen bei Glaubenserfahrungen. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Bei den Segnungsfeiern von Ehejubilaren treffen unterschiedliche Generationen aufeinander. Ich könnte mir gut vorstellen, dazu in Zukunft auch junge Menschen einzuladen, die vor der Eheschließung stehen. Sicher kommt es dabei zu bewegenden Erfahrungen.

PEK: Gibt es erste Aufbrüche in der Familienpastoral?

Koch: Gottlob gibt es bereits eine ganze Reihe von pastoralen Anregungen für Seelsorger und Hilfen für Paare auf ihrem Weg, etwa die Ehebriefe, die seit 2008 erscheinen. Ich bin dankbar für die Hinweise mancher Soziologen und Psychologen, die auf die große Bedeutung der Großeltern für unsere Familien hinweisen, selbst wenn sie heute von den Kindern und Enkeln getrennt leben. Sie haben oftmals einen guten Einfluss auf die Glaubenserziehung ihrer Enkel. Nachweislich sprechen Kinder mit ihren Großeltern über Fragen von Ehe und Familie in einer Dichte, die im Gespräch mit den Eltern oft ausbleibt. Dass Generationen voneinander lernen können, zeigt das Projekt des Familienreferates unseres Erzbistums „Generationen miteinander im Gespräch". Ich bin davon überzeugt, dass sich die Zukunft der Kirche in unserem Land an der Ehe- und Familienpastoral entscheidet. Hier erfahren Kinder in tief prägender Weise die Bedeutung des christlichen Glaubens, hier werden ihnen die ersten Eindrücke der Kirche vermittelt, die oftmals ein Leben lang wirken; hier gehen sie die ersten Schritte als Christen. Wenn all dies nicht oder nur sehr unzulänglich in den ersten Lebensjahren geschieht, so sind dies Weichenstellungen, die wie in den übrigen Lebensbereichen oftmals nur sehr schwer in späteren Jahren ausgeglichen werden können.

PEK: Viele Christen sind überzeugt, dass Ehe und Familie gute Formen des Zusammenlebens sind, dass sie Vertrauen, Zuverlässigkeit, Halt und Zuversicht im Leben fördern und Geborgenheit vermitteln. Dabei leugnen sie nicht die „Hürden des Alltags". Jedoch hat man den Eindruck, dass Christen öffentlich nur zögerlich für Ihre Überzeugungen eintreten - woran kann das liegen?

 

Koch: Das erste Problem scheint mir zu sein, dass viele Ehepaare, die sich das Sakrament der Ehe spendeten, aber noch mehr junge Menschen, die noch nicht verheiratet sind, gar nicht wissen, was das Besondere einer kirchlich geschlossenen, sakramentalen Ehe ist. Den wenigsten ist heute noch klar, dass die monogame und unauflösliche Ehe von Mann und Frau Ausdruck der Würde des Menschen ist.

Ich habe bei einer Visitation Paare eingeladen, die in absehbarer Zeit heiraten wollten. An diesem Abend wurde mir deutlich, dass den meisten von ihnen „Gipfelbegriffe" des kirchlichen Eheverständnisses, wie etwa der Begriff „Sakrament", kaum etwas sagten, weil ihnen schon die „Fußbegriffe" des Glaubens völlig fehlen. Ihnen war also etwa unklar, was Gnade bedeutet. Die meisten von ihnen wussten nur um gewisse moralische Qualitäten wie etwa die Unauflöslichkeit als Besonderheit einer christlichen Ehe. Dass die Ehe für uns Christen eine frohe Botschaft enthält, dass sie Ort der Gegenwart Gottes ist und damit ein Stück Heilsgeschichte, ist vielen völlig unbekannt. Deshalb müsste schon viel früher, schon in der Schule und Jugendarbeit die Ehe als eine Berufung ins Gespräch gebracht werden, als ein Glaubensweg, zu dem sich Christen auch als Zeugen ihres Glaubens bewusst entscheiden.

PEK: Wie kann konkrete Hilfe für jungen Menschen in der Seelsorge aussehen - worauf kommt es an? Wie können sich Laien engagieren? Ist die organisierte Seelsorge auf das Engagement der Laien vorbereitet?

Koch: Immer wieder merke ich bei meinen Visitationen, dass viele Gemeinden sich stark um eine lebensnahe und lebendige Ehe- und Familienpastoral bemühen. Tauf-, Beicht- und Erstkommunionkatechese werden von manchen Gemeinden von vornherein als Familienkatechese betrachtet und ich bin erstaunt, wie sehr sich Eltern auf die Aufforderung zum Engagement einlassen. Viele tun das gern, wenn sie entsprechend begleitet und unterstützt werden. Nicht selten verfügen schon die Eltern kaum noch über religiöse Erfahrungen und verlässliches Wissen über das Glaubensleben, deshalb brauchen sie bei ihrem Engagement für ihre Kinder Unterstützung. Die Kirche wird auf diesem Feld aufmerksamer. So gibt es im Jahr 2012 einen Weltfamilientag, auf den sich die Ehe- und Familienpastoral der deutschen Bistümer, die Familienverbände und die geistlichen Gemeinschaften vorbereiten. Wir hoffen, dass die Vorbereitungen auf dieses Ereignis Impulse für die tägliche Arbeit der Ehe- und Familienpastoral geben.

PEK: Welche Eindrücke nehmen Sie von der Tagung in München mit? Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Koch: Damit die Tagung mit einem realistischen Eindruck beginnt, haben wir in der Vorbereitungsgruppe beschlossen, gleich zu Beginn Projekte und Modelle der Ehe- und Familienberatung vorzustellen. Die Ergebnisse waren für uns im besten Sinne überraschend, denn es gab eine Vielzahl großartiger Projekte und Vorhaben, die ganz konkret in Gemeinden, Gemeinschaften und Verbänden umgesetzt werden. Wir haben ein Impulsheft für die Ehe- und Familienpastoral gestaltet. Über das Internet werden wir eine Börse der guten oder auch schwer zu praktizierenden Modelle in der Ehe- und Familienpastoral einrichten. Dabei ist es das Kernziel, den Menschen zu vermitteln, dass viele ihrer Probleme nicht ihrer Partnerschaft entspringen oder persönlichen Fehlern anzulasten sind. Vielmehr sind es derzeitig häufig gesellschaftliche Schieflagen und allgemeine Spannungen, die sich auf die Partnerschaft niederschlagen. Wir dürfen nicht unterschätzen, wie stark öffentliche Meinungen, ideologisch verbreitete Lebensmuster und Medien unsere Vorstellungen prägen!

Einhellig war bei den Tagungsteilnehmern der Wunsch nach einer Fortsetzung dieser Tagung, da viele Fragen zunächst nur angeschnitten werden konnten. Für die unmittelbare Zukunft ist wichtig, dass die Verantwortlichen in Ehe- und Familienpastoral im Austausch bleiben.

PEK: Vielen Dank.

Das Gespräch führte Patricia Jungnickel.