Unternehmer auf der Grundlage von Centesimus Annus

Geschäftsführer von SØR im Interview: Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft [1/3]

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Von Britta Dörre

ROM, 25. Oktober 2011 (ZENIT.org). - Die Stiftung „Centesimus Annus“ verdankt ihren Ursprung und Namen der gleichnamigen Enzyklika von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1991. „Eine besondere Verbundenheit mit den sozialen Grundsätzen der päpstlichen Lehre und eine überzeugte Unterstützung für die zahlreichen karitativen Initiativen des Heiligen Vaters“ sind Motiv und Ziel der 1993 gegründeten Stiftung. Internationale Persönlichkeiten der Unternehmens- und Finanzwelt möchten durch ihre Mitgliedschaft ihrer Verbundenheit mit der katholischen Gemeinde und dem Nachfolger Petri Ausdruck verleihen und sich in das „Studium und die Verbreitung der christlichen Soziallehre“ einbringen.

Im Rahmen der internationalen Tagung von „Centesimus Annus” in Rom („Famiglia, Impresa: superare la crisi con nuove forme di solidarietà. A venti anni dalla Centesimus Annus“) [„Familie, Unternehmen: Die Krise mit neuen Formen der Solidarität überwinden. Zwanzig Jahre Centesimus Annus“) vom 13.-14. Oktober 2011), die sich mit dem Thema „Arbeit und Familie“befasste, hatte ZENIT Gelegenheit, mit Dr. Dr. Thomas Rusche, dem Beiratsmitglied der päpstlichen Stiftung "Centesimus Annus" und geschäftsführenden Gesellschafter des deutschen Textilunternehmens SØR, zu sprechen.

ZENIT: Wie lassen sich die im Statut von „Centesimus Annus“ formulierten Grundsätze und Ziele mit der Arbeitsrealität vereinbaren? Einem Alltag, wo Menschen häufig zur reinen Ressource degradiert und Eigenschaften wie Gewinnorientierung, Leistungsfähigkeit, Belastbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit den alleinigen Maßstab bilden, nach dem sich Wert und Qualität einer  Führungskraft oder eines Mitarbeiters bemessen?

Rusche: Diese Frage befasst sich mit den Spielregeln der Marktwirtschaft. Wie zum Beispiel beim Fußball gibt es ein Regelwerk, die Gestaltung der einzelnen Spielzüge aber bleibt jedem Spieler persönlich überlassen. Dieses Prinzip ist auch auf die soziale Marktwirtschaft, die Makroebene, übertragbar. Jeder kann auf der individualethischen Ebene, das heißt der Mikroebene, die Spielregeln mitgestalten. Die Unternehmen stellen in diesem System die mittlere Ebene dar, und genau diese Ebene spricht „Centesimus Annus“ an.  Betrachtet man die Historie der Soziallehre, stellt man zwischen der Auseinandersetzung mit dem  individualethischen Komplex und der Makro-Ebene eine Leerstelle fest. In der Enzyklika  „Centesimus Annus“ wird erstmalig dieses Problem behandelt. Es geht dabei um die Frage, wie der Unternehmer mit dem Konflikt zwischen der Erfolgserwartung einerseits und der ethischen Verantwortung andererseits umgehen soll.

Papst Johannes Paul II. verfasste „Centesimus Annus“ an einem Wendepunkt der Geschichte: Das sozialistische System war gescheitert. In der Enzyklika bekennt sich die Katholische Kirche eindeutig zum Kapitalismus, genauer zur sozialen Marktwirtschaft. Das bis heute in der Bundesrepublik Deutschland praktizierte System der sozialen Marktwirtschaft geht in erster Linie auf Ludwig Erhard als „geistigem Vater“ zurück und fand durch Konrad Adenauer grundlegende Unterstützung.

Das in „Centesimus Annus“ bestätigte System der sozialen Marktwirtschaft basiert auf dem grundlegendsten Gedanken der Soziallehre, dass der Mensch als Person Träger, Schöpfer und Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen sein muss.  Der Mensch ist so sehr Selbstzweck, dass er niemals als reines Mittel dienen darf, um ein Ziel zu erreichen. Dieser Grundsatz ist das Personalitätsprinzip. Es besagt, dass der Mensch das einmalig und individuell geschaffene Ebenbild Gottes ist und vom Schöpfer verliehene Grundrechte besitzt. Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Joseph Kardinal Höffner stellte fest, dass es in den 70er Jahren eine kopernikanischen Wende stattgefunden hat. War der Mensch bis dato häufig rein zweckorientiert, als bloßes Rädchen in der Maschinerie betrachtet worden, erkannte man nun seinen Wert als kreatives Wesen. Der ethische Aspekt des „bonum arduum“ gewinnt an Bedeutung. Arbeit muss demnach dem Wohl und der Würde des Menschen dienen. In diesem Punkt sind die Managementtheorie und die Soziallehre kongruent.

Das Selbstzweckprinzip des Menschen liegt nach der katholischen Soziallehre darin begründet, dass der Mensch ein Geschöpf Gottes ist. Das Resultat der im letzten Jahrhundert zu diesem Thema geführten Diskussionen ist die Erkenntnis, dass die Menschenrechte auf dem Glauben basieren (Grundsatz von Bockenförde).

Doch auch ohne den Glauben an die göttliche Ordnung stellt die Soziallehre die Bauprinzipien der Gesellschaft dar und richtet sich deshalb an alle Menschen. Das liegt daran, dass diese Bauprinzipien der Urerfahrung des Menschen entsprechen. Der Mensch sucht und braucht das Miteinander. Eine Entwicklung und Entfaltung sind für ihn nur durch die Begegnung und Beziehung zum Nächsten möglich. Dieses als Sozialitätsprinzip bezeichnete Verhaltensmuster ist folglich entscheidendes Motiv für den Aufbau jeglicher Art von Beziehung.

Ein weiteres grundlegendes Element der menschlichen Gesellschaft ist die Solidarität. Darunter versteht man gegenseitige Hilfe, die sich auf alle Lebensbereiche erstrecken kann. Eine Hilfestellung  kann aber nur dann erfolgreich sein, wenn die Autonomie des Einzelnen respektiert wird. Eine echte Hilfestellung kann deshalb allein die Hilfe zur Selbsthilfe bedeuten. Dieses Prinzip ist garantiert, wenn die Hilfsmaßnahme auf ein Minimum beschränkt wird und dadurch gleichzeitig die Selbstverantwortung und Entfaltungsmöglichkeit des anderen dauerhaft gesichert sind. Im Gegensatz zu diesem sog. Subsidiaritätsprinzip (formuliert in der Enzyklika „Quadragesimo Anno“) steht das Prinzip der Zentralisierung. Die zentralistischen Tendenzen in den 60er und 70er haben zum Beispiel in Deutschland zu einem der großen Probleme in unserer Gesellschaft geführt. Die Altenpflege, die aus dem familiären Umfeld herausgerissen und in den öffentlichen Bereich getragen wurde, befindet sich heute in einem desolaten Zustand.

Der Diskurs über die Prinzipien der Zentralisierung und der Subsidiarität führt zur Frage nach dem anzulegenden Maßstab. Grundlegendes Element ist das Gerechtigkeitsprinzip. Es muss Chancengleichheit herrschen. Jeder muss demnach die Möglichkeit haben, sich gemäß seinem Talent entwickeln und entfalten zu dürfen - „suum cuique“. Das bedeutet, jeder muss gemäß dem Personalitätsprinzip sein Potential entfalten und ausbauen können und dürfen. Die Chancengleichheit kann nur in einem solidarischen System gewährleistet sein. Die gegenseitige Unterstützung, um Differenzen zu überwinden - das Subsidiaritätsprinzip -, garantiert die für eine Weiterentwicklung erforderliche Bewegungsenergie. Aristoteles spricht in diesem Zusammenhang von der „kinesis“.

Diese Bewegungsenergie entsteht jedoch nicht, wenn man nicht in sich hineinhört. Nach der amerikanischen Glücksforschung sind die Menschen, die ihren Blick ständig auf den anderen richten, zum Unglücklichsein verdammt. Es gibt immer jemanden mit einem schöneren Haus, einem scheinbar glücklicheren Familienleben etc. Wer das eigene Potential erkennen und entfalten will, muss als Ausgangspunkt den Blick auf sein potentielles Ich richten. Erst dann ist der Mensch in der Lage, sich als Mitglied in der Gemeinschaft wahrzunehmen und dort seine Position zu finden.  Nur dieses sog. Reziprozitätsprinzip ist nach der Forschung der Weg zum Glück. Grundlage für die reziproke Betrachtungsweise sind die Würde des Menschen, Chancengleichheit, Solidarität und Autonomie.

ZENIT: Welche Initiativen oder Projekte verfolgt „Centesimus Annus“, um die von der Soziallehre aufgestellten Grundsätze in die Praxis umzusetzen?

Rusche: Jeder Christ soll Christ sein. Dazu muss er über ein entsprechendes Glaubens- und Wissensrüstzeug verfügen. Nicht von ungefähr heißt es: „Wir kennen unseren Glauben nicht mehr“. Aus diesem Grunde hat sich „Centesimus Annus“ erstens dem Auftrag verschrieben, Glaubenswissen zu vermitteln. Glaubenswissen bedeutet Alltagswissen und entspricht der Soziallehre.

Zweitens agiert „Centesimus Annus“ auf internationalem Niveau. Der Stiftung gehören Mitglieder aus dreizehn Nationen an. Jede Nation hat natürlich eine andere Struktur. Während in Deutschland das  Verbändewesen sehr ausgeprägt ist, sind in den Vereinigten Staaten die Organisationen eher auf Diözesenebene organisiert. Durch die internationale Zusammensetzung ist die weltkirchliche Anbindung garantiert.

„Centesimus Annus“ ist drittens eine vom Heiligen Vater gegründete Stiftung, die ihren Sitz in der Vatikanstadt hat. Mit der Bezeichnung „Pro Pontefice“ soll die prorömische, die papstfreundliche Haltung von „Centesimus Annus“ zum Ausdruck gebracht werden. Damit distanziert sich die Stiftung von der teilweise antirömischen Haltung in der katholischen Weltgemeinde. Die Mitglieder von „Centesimus Annus“ sehen im Papst einen weltweiten Brückenbauer. Ihren Beitrag zur Umsetzung der in der Soziallehre formulierten Prinzipien leisten sie durch das Studium und die Vermittlung des Glaubenswissens und finanzielle Unterstützung des Heiligen Vaters.

Häufig verfolgen die Mitglieder von „Centesimus Annus“ zusätzlich auf privater Ebene karitative Initiativen und versuchen so, auch außerhalb der Stiftung „die - wie es im Statut heißt -  menschlichen, religiösen, ethischen und sozialen Werte zu verteidigen und zu fördern“. Die Verteidigung dieser Werte „erweist sich für die Menschheit von unschätzbarem Wert und verdient die konkrete Unterstützung aller Menschen guten Willens“.

[Teil 2 am 26. 10. 2011]