Unternehmer auf der Grundlage von Centesimus Annus

Geschäftsführer von SØR im Interview: Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft [2/3]

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Von Britta Dörre

ROM, 26. Oktober 2011 (ZENIT.org). - Die Stiftung „Centesimus Annus“ verdankt ihren Ursprung und Namen der gleichnamigen Enzyklika von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1991. „Eine besondere Verbundenheit mit den sozialen Grundsätzen der päpstlichen Lehre und eine überzeugte Unterstützung für die zahlreichen karitativen Initiativen des Heiligen Vaters“ sind Motiv und Ziel der 1993 gegründeten Stiftung. Internationale Persönlichkeiten der Unternehmens- und Finanzwelt möchten durch ihre Mitgliedschaft ihrer Verbundenheit mit der katholischen Gemeinde und dem Nachfolger Petri Ausdruck verleihen und sich in das „Studium und die Verbreitung der christlichen Soziallehre“ einbringen.

Im Rahmen der internationalen Tagung von „Centesimus Annus” in Rom („Famiglia, Impresa: superare la crisi con nuove forme di solidarietà. A venti anni dalla Centesimus Annus“) [„Familie, Unternehmen: Die Krise mit neuen Formen der Solidarität überwinden. Zwanzig Jahre Centesimus Annus“) vom 13.-14. Oktober 2011), die sich mit dem Thema „Arbeit und Familie“befasste, hatte ZENIT Gelegenheit, mit Dr. Dr. Thomas Rusche, dem Präsidenten von „Centesimus Annus” und geschäftsführenden Gesellschafter des deutschen Textilunternehmens SØR, zu sprechen.

(Teil 1 des Interviews finden sie hier)

ZENIT: In der Enzyklika „Centesimus Annus“ wird bereits 1991 auf den möglichen Konflikt zwischen Wirtschaft und Ethik ausführlich eingegangen. Die Diskussion über wirtschaftsethische Fragen ist von der Wirtschaft und Politik erst nach dem Banken- und Börsencrash, dem Einsetzen der gravierenden Wirtschaftskrise mit weltweit deutlich spürbaren Folgen begonnen bzw. wieder aufgegriffen worden. Kann man „Centesimus Annus“ als Vorreiter, als zukunftsweisend bezeichnen?

Rusche: Johannes Paul II. verfasste 1991 die Enzyklika „Centesimus Annus“ und gründete 1993 die gleichnamige Stiftung. Man kann die katholische Soziallehre durchaus als Vorreiter bezeichnen. Es gibt in ihrer Historie zahlreiche Beispiele. Bereits 1967 wies Paul VI. in der Enzyklika „Populorum progressio“ - und damit erstmalig in der Weltliteratur - auf die ökologischen Probleme hin.

Im 19. Jahrhundert war es die katholische Kirche, die sich ausgehend von der Enzyklika Leos XIII. „Rerum Novarum“ (1891) für die Arbeiterrechte einsetzte. Lange vor dem Marxismus setzte sie sich mit dem sozialen Unrecht in der Gesellschaft auseinander. In diesem Kontext entstand die Katholische Arbeiterbewegung. Persönlichkeiten wie von Ketteler oder Kolping hielten der bürgerlichen Gesellschaft das soziale Unrecht vor Augen. Die Kirche war immer Vorreiter bei der Verteidigung der Rechte aller Geschöpfe Gottes.

Wirtschaft muss immer das „benessere“ (Wohl) der Menschen zum Ziel haben. Wirtschaft – Ökonomie leitet sich von dem griechischen Wort „oikos“ – das Haus ab. Wirtschaft bedeutet deshalb, das Lebenshaus des Menschen zu bestellen.

ZENIT: Sie sind Unternehmer in vierter Generation und leiten den auf dem Textilsektor tätigen Familienbetrieb SØR. Welche Rolle spielen die christlichen Werte in Ihrem Unternehmensalltag?

Rusche: Jeder Unternehmer muss sich an die wirtschaftlichen Spielregeln halten, Konflikte erkennen und eine der wirtschaftlichen Realität gerecht werdende Lösung finden. Selbstverständlich müssen die Mitarbeiter im Unternehmen nicht gläubig sein. Neben der Sprache des Glaubens gibt es immer die der Vernunft. Die Sprache der Vernunft ist ein Mittel, das alle erreichen kann. Grundlegend ist eine funktionierende Kommunikation. Zu den Präsuppositionen der Kommunikation zählen das Wahrheitsgebot, die Antidiskriminierungsgesetze - wie zum Beispiel die Gleichberechtigung - und offene Kommunikationsverhältnisse. Letzteres bedeutet, stets den Dialog zu suchen und auch aufrechtzuerhalten.   

ZENIT: Peter Unterberg, der Geschäftsführer des Bundes katholischer Unternehmer, hat auf eine Untersuchung verwiesen, aus der hervorgeht, dass wertorientiert arbeitende Betriebe oft erfolgreicher seien, die Mitarbeiter effektiver und motivierter und das Kundenimage positiver. Können Sie das für Ihren Unternehmensalltag bestätigen?

Rusche: Das Ergebnis ist plausibel. Nur in einem Umfeld, wo der Respekt im Umgang miteinander garantiert ist und die Würde des Menschen als unantastbar gilt, können sich die Mitarbeiter entfalten und einbringen. Motivierte Mitarbeiter tragen erheblich zum Erfolg eines Unternehmens bei. Eine positive Haltung wirkt sich aber nicht nur auf den internen Bereich eines Betriebs aus, sondern strahlt auch nach außen und vermittelt ein freundliches, sympathisches Bild. Sympathie leitet sich von dem griechischen Verb „pathein“ - fühlen“ ab. Auf die Bedeutung des Einfühlungsvermögens und des Mitfühlens wies schon Adam Smith, der Verfasser von „Wealth of Nations“ (1776), in seiner „Theorie of Moral Sentiments“ (1759) hin. Wer über die Fähigkeit des unparteiischen Zuschauens, des Erfassens von Erwartungen und Bedürfnissen verfügt, kann seinen Kunden zufriedenstellen und damit den Profit steigern. Der Respekt vor den individuellen Bedürfnissen und Wünschen, d.h. die Distributionsfunktion, ist einer der Gründe, weshalb „Centesimus Annus“ der sozialen Marktwirtschaft eindeutig der Planwirtschaft vorzieht. Ein zweites Argument ist die Ressourceneffizienz. Die in den kommunistischen Systemen praktizierte Zentralisierung führt eben nicht zu einem gesteigerten Gemeinschaftsgefühl und einem entsprechend stärker ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein. Im Gegenteil, der einzelne ist seiner Autonomie beraubt. Wer keine Entfaltungsmöglichkeiten hat, zeigt in der Regel auch wenig Eigeninitiative. Das Bewusstsein um die Bedeutung des eigenen Handelns und das Verantwortungsgefühl für das Gemeinschaftseigentum sind dort entsprechend niedrig.

ZENIT: Die internationale Tagung von „Centesimus Annus” in Rom befasste sich mit dem Thema „Arbeit und Familie“. Wie handhaben Sie in Ihrem Unternehmen diesen Bereich?

Rusche: Flexibilität und Verständnis sind die Voraussetzungen, um gemeinsam eine akzeptable und zufriedenstellende Lösung für alle Beteiligten zu finden. Eine offene Kommunikation und das Verinnerlichen der in der Soziallehre formulierten Grundprinzipien helfen dabei, individuelle Lösungen zu finden und Hilfsstrukturen zu schaffen. Der Mensch ist immer wichtiger als die  Struktur. Die Struktur kann und muss an die individuellen Bedürfnisse des Menschen und die jeweilige Situation angepasst werden. Die positiven Erfahrungen der Vergangenheit in unserem Unternehmen haben das nur bestätigt.

ZENIT: Das Unternehmen SØR ist im Sektor der Herrenmode tätig. Mode ist ein kurzlebiges Geschäft, das Verfallsdatum einer Kollektion schon vor ihrem Erscheinen festgelegt. Welche Bedeutung hat der Glaube für Sie in diesem schnelllebigen Alltagsumfeld?

Rusche: In unserer heutigen Gesellschaft werden als Ideale des Menschen Geld, Sex und Konsum angepriesen. Die katholische Kirche fordert nicht die Abstinenz, sondern einen gesunden und verantwortungsbewussten Umgang mit Geld, Konsum und Sexualität. Dieses Prinzip lässt sich auch auf die Mode übertragen. Bekleidung kann den Körper schützen und schmücken. Problematisch wird es, wenn nicht mehr der Mensch im Vordergrund steht, sondern sich der Mensch zum Sklaven der Mode macht, zum „fashionvictim“ wird.

SØR versucht, einen Mittelweg zu finden. Die Produkte sind auf Dauerhaftigkeit angelegt und sollen aufgetragen werden. Im Pflegebrevier wird deshalb auf den Wert des geflickten Kleidungsstücks hingewiesen. Früher fasste man abgeschabte Kanten mit Leder ein, heute ist die Lederkante ein modisches Accessoire. Der Kunde will sich häufig keine Garderobe mehr anlegen, an der er zwanzig Jahre Freude haben kann.

ZENIT: Außer dem Studium der Betriebswirtschaftslehre haben Sie ein Studium der Philosophie abgeschlossen. Schon seit Kindheitstagen sind sie Kunstfreund. Das gleicht einem „studium universale“ der Renaissance. Ihre Ausbildung und Ihr kultureller Hintergrund lassen auf einen feinsinnigen, für Problemstellungen sensiblen und nachdenklichen Menschen schließen. Wie begegnen Sie Geschäftspartnern, die sich nicht an ethische, soziale, religiöse und menschliche Werte halten? Ausbeutung und Kinderarbeit in Billiglohnländern sind leider immer noch eine traurige Realität.

Rusche: Die Zulieferer von SØR werden darüber in Kenntnis gesetzt, dass die Produkte gemäß den ökologischen Richtlinien und unter Beachtung der sozialen Bestimmungen hergestellt werden müssen. In der Praxis ist es leider nicht immer möglich, die Einhaltung der Bestimmungen zu überprüfen. Doch allein die Frage, das Ausformulieren der Probleme haben eine Signalwirkung und helfen, Missständen entgegenzuwirken. Die moderne Handlungsfähigkeit setzt sich aus einem kommunikativen und einem strategischen Element zusammen, wobei beide Bausteine miteinander verwoben sind. Die große Gefahr stellt das Gewaltpotential des Menschen dar, und die große Herausforderung an uns ist der richtige Umgang damit. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch die „intentio obliqua oder reflexiva“. Auf die christliche Kultur übertragen könnte man das Morgengebet als Punkt des Innehaltens, des Ruhe und Kraft Findens für den kommenden Tag definieren. Gleiches gilt für das Abendgebet, wenn der Mensch sich beim Rückblick auf die Ereignisse des Tages der kritischen Selbstanalyse stellt. „Der Mensch muss bei der Gnade mithelfen“, indem er sich Gott anvertraut.

[Teil 3 am 27. 10. 2011]