Unternehmer auf der Grundlage von Centesimus Annus

Geschäftsführer von SØR im Interview: Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft (3/3)

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Von Britta Dörre

ROM, 25. Oktober 2011 (ZENIT.org). - Die Stiftung „Centesimus Annus“ verdankt ihren Ursprung und Namen der gleichnamigen Enzyklika von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1991. „Eine besondere Verbundenheit mit den sozialen Grundsätzen der päpstlichen Lehre und eine überzeugte Unterstützung für die zahlreichen karitativen Initiativen des Heiligen Vaters“ sind Motiv und Ziel der 1993 gegründeten Stiftung. Internationale Persönlichkeiten der Unternehmens- und Finanzwelt möchten durch ihre Mitgliedschaft ihrer Verbundenheit mit der katholischen Gemeinde und dem Nachfolger Petri Ausdruck verleihen und sich in das „Studium und die Verbreitung der christlichen Soziallehre“ einbringen.

Im Rahmen der internationalen Tagung von „Centesimus Annus” in Rom („Famiglia, Impresa: superare la crisi con nuove forme di solidarietà. A venti anni dalla Centesimus Annus“) [„Familie, Unternehmen: Die Krise mit neuen Formen der Solidarität überwinden. Zwanzig Jahre Centesimus Annus“) vom 13.-14. Oktober 2011), die sich mit dem Thema „Arbeit und Familie“befasste, hatte ZENIT Gelegenheit, mit Dr. Dr. Thomas Rusche, dem Präsidenten von „Centesimus Annus” und geschäftsführenden Gesellschafter des deutschen Textilunternehmens SØR, zu sprechen.

Teil 2 des Interviews finden Sie hier.

ZENIT: Sie sind leidenschaftlicher Kunstsammler. Kunst kann Luxusgut, Statusobjekt und Geldanlage sein. Im 18. Jahrhundert findet man teilweise das Bestreben, die Jugend an die Kunst heranzuführen, um sie zum Guten und Schönen zu erziehen. Die Bedeutung der Kunst für den Menschen legte Papst Benedikt XVI. mehrfach dar: Kunst als „via pulchritudinis“, die sichtbar mache, dass der Mensch über das Sichtbare hinausgehen müsse, die das Unendliche, die Schönheit und Wahrheit außerhalb des Alltäglichen sichtbar mache, die das Innerste berühre. Wie ist Ihr Standpunkt?

Rusche: Kunst ist ein hervorragendes Mittel, um aus dem Hamsterrad des Alltags, des Reproduktionsdrucks auszusteigen. Die Auseinandersetzung mit Kunst bedeutet immer ein reflexives Ausbrechen.

Die zeitgenössische Kunst scheint sich oberflächlich betrachtet gänzlich vom platonischen Ideal abgewandt zu haben. Gegenstand ist nicht, wie in Platons Höhlengleichnis beschrieben, die Suche und Abbildung der idealen, göttlichen Schönheit. Stattdessen treten häufig aktuelle  Problemstellungen und sozialkritische Aspekte in den Vordergrund. Die Künstler setzen sich kritisch mit der Realität auseinander und machen Probleme sichtbar.

Dass Künstler sich kritisch Themen wie der sozialen Gerechtigkeit zuwenden und auch offen Fragen der Sexualität ansprechen, ist nicht neu. Künstler waren in diesem Punkt immer weiter als die bürgerliche Gesellschaft und haben mit ihrer Arbeit häufig Tabus gebrochen. Die manchmal für die bürgerliche Gesellschaft unbequeme Konfrontation mit gesellschaftlichen Randfragen regt oft erst die offene Diskussion und damit den reflektierten Umgang mit wichtigen Themen an. Die Auseinandersetzung - zum Beispiel im Bereich der Sexualität – bildet die Grundlage, um Missbrauch und Gewalt zu verhindern. Wenn Kunst zu wichtigen gesellschaftlichen und sozialen Problemen Position bezieht, hat das einen aufklärerischen Effekt. Dem Betrachter wird vor Augen gehalten, dass es auch eine andere, eine bessere Realität geben kann.

Liest man die ersten Kapitel der Enzyklika „Deus Caritas est“ (2005), stellt man fest, dass Papst Benedikt  XVI. keineswegs die weltliche Liebe negiert und das Thema ausklammert, sondern das Thema „Eros“ offen und ausführlich thematisiert. Die bürgerliche Gesellschaft aber verdrängt gerne Eros und Thanatos, Liebe und Tod, und damit die beiden wichtigsten Kräfte des menschlichen Lebens aus dem Alltag. Der Kreislauf des Werdens und Vergehens bestimmt hingegen die katholische Ästhetik. Erst durch die Gnade Gottes wird dieser Ab- und Kreislauf durchbrochen. Gott errettet uns und trägt Gnade in die Welt.

Die zeitgenössische Kunst ist mit genau dieser Spannungsdialektik konfrontiert. Auf der einen Seite gibt es die schwierige, verdammte Realität und auf der anderen Seite das ewig Ideale. Wie wichtig und aktuell dieses Thema ist, zeigt die für 2013 geplante Teilnahme des Vatikan auf der Biennale in Venedig.

Die große Herausforderung an den zeitgenössischen Künstler ist der Umgang mit Freiheit. Die 68er Generation hat zur Befreiung von konventionellen Gewohnheiten und Autoritäten beigetragen. Der klassische Kanon wurde dekonstruiert. Es herrscht heute in der Gesellschaft, der Kunst und Philosophie der Zustand der „tabula rasa“. Wir müssen uns deshalb angesichts der quasi totalen Freiheit die Frage stellen, was Freiheit bedeutet. Der Begriff der Freiheit ist immer an den der Verantwortung gekoppelt.

Die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Begriffen „Freiheit“ und „Verantwortung“ ist unabdingbar auch im Hinblick auf die Finanzkrise.   

ZENIT: Können Sie den Gedanken weiter ausführen?

Rusche: Es gilt der Grundsatz Ethik vor Politik vor Ökonomie. Die Politik schafft, so wie es Aristoteles für die „polis“ beschreibt, eine Rahmenordnung. Diese politische Rahmenordnung ist für das Funktionieren einer Gesellschaft erforderlich, bedarf aber, wie schon Adam Smith feststellte, einer ethischen Reflexion.

Wir befinden uns in einem ökonomischen Dominanzsystem. Regulative sind entweder zeitlich nicht mehr möglich oder scheitern, wie im Fall der Tobin-Steuer, schlicht an mangelnder Bereitschaft. Grund für diesen Zustand ist, dass die ethische Reflexion in den Bereich des Privaten abgedrängt worden ist. Unsere Gesellschaft achtet nur, was wissenschaftlich würdig und beweisbar ist. Ethik aber lässt sich nicht einem wissenschaftlichen Beweisverfahren unterziehen. Die ethische Reflexion erfolgt deshalb auf privater Ebene. Das Problem der Effizienzsteigerung hingegen steht in der öffentlichen Diskussion. Das Spannungsverhältnis zwischen der Effizienzsteigerung einerseits und der ethischen Wertrationalität andererseits kann aber unter diesen Bedingungen nicht hinreichend ergründet werden. Wertrationalität bedeutet nach Max Weber, sich der inneren Beweggründe des Handelns bewusst zu werden. Die Wertrationalität ergänzt eine Zielrationalität, die über eine reine Mittelrationalität hinausgeht. An diesen Punkt knüpft „Centesimus Annus“ an. In der Helsinki-Schlussakte (1975) wurden das Selbstbestimmungsrecht der Völker und die Anerkennung der Menschenrechte beschlossen. Dazu zählen auch die Gedankens-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Auf diese Schlussakte beriefen sich Friedens- und Bürgerrechtsbewegungen wie Solidarnosc in Polen oder die Initiatoren der Charta 77 in der Tschechoslowakei, die schließlich den Sturz des Kommunismus herbeiführten.

Im Zeichen des interkulturellen Dialogs und Austauschs steht auch die Tätigkeit von „Centesimus Annus“ für PISAI. PISAI, das Päpstliche Institut für Arabische und Islamische Studien, ist eine weltweit bedeutende Institution auf dem Gebiet der Islamforschung. Es ist ein wichtiges Instrument für den Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Austausch (PSDI). Vor allem nach dem Besuch des Papstes in Regensburg 2006 ist der Dialog mit islamischen Würdenträgern noch stärker in den Vordergrund gerückt. Papst Benedikt XVI. setzt sich persönlich für PISAI ein, und das Institut nimmt an sämtlichen internationalen Seminaren, Foren und Treffen zwischen Muslimen und Katholiken teil.

Man kann durchaus bereits einige Veränderungen feststellen. Dem Grundsatz der Gleichberechtigung von Mann und Frau ist durch das in Arabien nun auch für Frauen eingeführte Wahlrecht Rechnung getragen worden. In der Enzyklika „Caritas in veritate“ (2009) greift Papst Benedikt XVI. auf das Bild der „polis“ zurück, wenn er über die Weltbevölkerung spricht. Unser Interesse am Nächsten muss global ausgerichtet sein, denn die Kenntnis fremder Kulturen ist grundlegend für den respektvollen Umgang miteinander. Papst Benedikt XVI. führt dazu in „Caritas in veritate“ (2009) aus, „In einer Gesellschaft auf dem Weg zur Globalisierung müssen das Gemeinwohl und der Einsatz dafür unweigerlich die Dimensionen der gesamten Menschheitsfamilie, also der Gemeinschaft der Völker und der Nationen, annehmen, sodass sie der Stadt des Menschen die Gestalt der Einheit und des Friedens verleihen und sie gewissermaßen zu einer vorausdeutenden Antizipation der grenzenlosen Stadt Gottes machen“.

Mit einem Projekt wie PISAI zum Beispiel versucht „Centesimus Annus“, einen konkreten Beitrag zur Verständigung zwischen den Kulturen zu leisten und damit zum Gemeinwohl beizutragen. „Die menschlichen, religiösen, ethischen und sozialen Werte zu fördern und zu verteidigen“ - wie es im Statut von „Centesimus Annus“ heißt - ist deshalb so wichtig, weil diese Werte den gemeinsamen Nenner bilden, auf dem man ein friedliches Miteinander verschiedenster Kulturen aufbauen kann.