US-Wahl: Was passierte mit den katholischen Stimmen?

Interview mit Brian Burch, Präsident von „Fidelis“

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CHICAGO, 19. November 2008 (ZENIT.org).- Mehr als die Hälfte aller US-Katholiken stimmten bei den letzten Wahlen für einen Präsidentschaftskandidaten, der mit der kirchlichen Haltung zu Themen wie Abtreibung und Homo-Ehe nicht übereinstimmt - obwohl mehr als 50 Diözesanbischöfe dazu aufgerufen hatten, „Pro-life“-Kandidaten zu unterstützen.

Brian Burch, Mitbegründer und Präsident der katholischen Ideenschmiede Fidelis, analysierte im Gespräch mit ZENIT das Wahlresultat. Er erklärt, warum die Mehrheit der Katholiken Barak Obama wählten, der doch eingeräumt hatte, die Abtreibung zu unterstützen.

Rund 54 Prozent der katholischen Wähler votierten nach Burch für Obamas Wirtschaftspolitik, weil sie sich mehr von ihr versprachen. Mitentscheidend dafür, dass die meisten von ihnen die Hinweise der Bischöfe ignoriert zu haben scheinen, sei aber auch das bedenkliche Dokument „Faithful Citizenship“ („Treues Bürgertum“) gewesen. Es war vor den Wahlen von vielen verschiedenen Organisationen verbreitet worden, um in ungebührlicher Weise die Unterstützung von Abtreibungsbefürwortern in der Politik zu rechtfertigen. Die mangelhafte Qualität des Dokuments habe viele Bischöfe zur Veröffentlichung eigener Hirtenbriefe veranlasst, was allerdings viele Wähler verwirrt habe.

„Man muss verstehen: Die Bischöfe können nicht mehr tun. Die Lehre der Kirche ist klar, und die Laien sind ebenfalls aufgefordert, das Ihrige zu tun. Evangelisierung ist von Person zu Person am wirksamsten, auf der Basis der Nächstenliebe.“ Burch verwies in diesem Zusammenhang an den Ausspruch: „Die ganze Politik ist lokal“, und meinte, dass das moralische Zeugnis der Katholiken in ihren Familien und Pfarreien genau in diesem Sinn mehr Gutes bewirke als jedes Lehrdokument eines Bischofs.

ZENIT: War Obamas Wahl von Senator Joe Biden, einem Katholiken, eine wirksame Maßnahme, um von Gläubigen unterstützt zu werden?

Burch: Ich glaube nicht, dass Senator Bidens katholischer Glaube irgendeine nachhaltige Wirkung auf Obamas Erfolg hatte. Seine Religionszugehörigkeit wurde am Anfang seiner Wahl erwähnt. Nach einer missglückten Bemerkung bei "Meet the Press" stoppte die Wahlbewegung jedoch sehr bald jeden Hinweis, um einer öffentlicher Debatte mit katholischen Bischöfen und Streitfragen über seine Unterstützung der Abtreibung zu entgehen.

Die Wirkung Bidens wird sich vor allem darin bemerkbar machen, dass die Bischöfe sich mit einem Vizepräsidenten herumschlagen müssen, der in mehreren fundamentalen Punkten der Lehre der Kirche widerspricht.

ZENIT: Sie gründeten CatholicVote, um die Katholiken aufzufordern, für jene Kandidaten zu stimmen, die für Leben, Familie und Glauben eintreten. Auf Ihrer Website haben Sie diese Initiative am Wahltag als Erfolg dargestellt. In welcher Hinsicht?

Burch: „CatholicVote“ hat in acht Wochen fast vier Millionen Besucher registriert. Der dreieinhalbminütige CatholicVote-2008-Film war der Hauptgrund, weshalb die Leute die Webseite bestürmt haben. Darin versuchten wir, die Lehre der Kirche darzustellen, und zwar in einer Weise, die nicht nur lehrreich ist, sondern auch begeistert.

Wollen wir die Katholiken wirkungsvoll erreichen, müssen wir nicht nur ihren Kopf, sondern auch ihr Herz ansprechen. Darüber hinaus haben wir versucht, die „grundsätzlichen“ Fragen wie Ehe und Familie mit dem sozialen Thema insgesamt zu verknüpfen.

ZENIT: Was ist die Aufgabe von „CatholicVote“ jetzt, da die Wahlen doch schon vorbei sind?

Burch: Das neue politische Klima erfordert, dass sich die Katholiken mehr denn je engagieren und verlangen, dass die Würde des menschlichen Lebens respektiert wird. Unsere Lehrmission verlangt, dass wir weiterhin sicherstellen, dass die Katholiken und alle Menschen guten Willens verstehen, was die Kirche lehrt und warum öffentliches Engagement nötig ist.

ZENIT: Bei welchen Themen kann es eine Zusammenarbeit von Kirche und dem designierten US-Präsidenten Obama geben?

Burch: Er hat unter anderem versprochen, sich für Frauen mit Krisenschwangerschaften einzusetzen. Ich hoffe, er lässt sich nicht von Interessen hinsichtlich einer ausgeweiteten Legalisierung der Abtreibung dazu bewegen, dafür mehr Steuergelder abzuzweigen.

Katholiken haben auch ein echtes Interesse an tragbaren Einwanderungsbestimmungen, die die Würde der Immigranten respektieren und die Familien zusammenführen.

Schließlich hoffe ich, dass die neue Regierung die Leistungen der katholischen Organisationen im Bereich der Wohltätigkeit anerkennen und ihre religiöse Identität respektieren wird. Obama bekundete seine Absicht, mit religiösen Organisation zusammenarbeiten zu wollen, und man hofft auf neue finanzielle Unterstützung, vor allem unter Berücksichtigung der enormen Leistungen der katholischen Kirche im Bereich Bildung, Gesundheit und Fürsorge für arme Menschen.

[Von Karna Swanson; Übersetzung von Peter Hartig]