USA: Bischofskonferenz fordert baldige Übergangslösung im Irak

Bischof Wenski tritt für einen landesweiten Dialog ein

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WASHINGTON, 18. Januar 2006 (ZENIT.org).- Im Namen der US-Bischofskonferenz forderte Bischof Thomas Wenski von Orlando (US-Bundesstaat Florida) in der vergangenen Woche nationale Gespräche über eine baldige Übergangslösung im Irak. Der Präsident der bischöflichen Kommission für Internationale Politik betonte angesichts der politisch angespannten Lage im Zweistromland, dass solche Gespräche eine konkrete Strategie ermöglichten, die der gegenwärtigen \"moralischen und menschlichen Situation im Irak\" gerecht werde.



\"Unser Land kann sich keine oberflächliche und einseitige Debatte mehr leisten, bei der die Realität verzerrt und alle Handlungsmöglichkeiten auf eine Konfrontation zwischen den Devisen \'Nehmen und Davonrennen\' und \'Durchhalten bis zum Ende\' hinauslaufen. Was wir brauchen, ist eine ehrliche Auseinandersetzung, die mit einer aufrichtigen Einschätzung der Lage im Irak beginnt und in der die Fehler, die gemacht wurden, genauso berücksichtigt werden wie die Zeichen der Hoffnung.\" Noch wichtiger ist für Bischof Wenski allerdings \"eine ehrliche Einschätzung unserer moralischen Verantwortung im Irak, die unser Land zu einer verantwortungsvollen Übergangspolitik verpflichtet. Die militärischen Streitkräfte unseres Landes sollten solange im Irak bleiben, bis ein verantwortungsvoller Übergang erfolgen kann.\" Dazu sollte es möglichst schnell kommen, fügte er hinzu.

Die Erklärung des Bischofs wurde am vergangenen Donnerstag veröffentlicht und trägt den Titel: \"Hin zu einer verantwortungsvollen Übergangslösung im Irak\".

Am Scheideweg angelangt

Die \"grundlegende moralische Frage\" in Bezug auf den Irak betreffe nicht nur den Zeitpunkt des amerikanischen Rückzugs, sondern \"die Natur und die Reichweite der amerikanischen und internationalen Verpflichtung, einen verantwortlichen Übergang zu garantieren, der für die irakische Bevölkerung mehr Sicherheit und Stabilität bedeutet\". Die USA seien im Irak an einem Scheideweg angelangt, bekräftigte der Bischof von Orlando. Deshalb gelte es jetzt zu vermeiden, dass man gleichzeitig \"in gegensätzliche Richtungen\" gehen wolle. Durch ein solches Verhalten würde nur \"die Wirklichkeit verzerrt werden, und angemessene Antworten unsererseits seien dann unmöglich. Wir müssen einerseits dem Pessimismus vorbeugen, der unser Land dahin bringen könnte, die moralischen Verpflichtungen aufzugeben, die wir mit dem Einsatz der Streitkräfte auf uns genommen haben. Wir könnten versucht sein, uns verfrüht aus dem Irak zurückzuziehen, ohne dabei die moralischen und menschlichen Konsequenzen zu bedenken.\" Andererseits müsse man jedoch entschieden jeden falschen Optimismus zurückweisen – einen Optimismus, \"der die Irrtümer der Vergangenheit nicht klar erkennen will: Nachrichtendienste, die komplett versagt haben, oder auch unangemessene Hilfsprogramme für den Irak. Wir müssen einen Optimismus zurückweisen, der die Herausforderungen und die menschlichen Opfer schönredet, die uns erwarten.\"

In diesem Zusammenhang erinnerte Bischof Wenski daran, dass \"unsere Bischofskonferenz schon mehrmals ihre ernsthaften moralischen Bedenken hinsichtlich der militärische Intervention im Irak und die unvorhersehbaren und unkontrollierbaren Folgen zum Ausdruck gebracht hat\". Aber die USA dürfe nicht nur in die Vergangenheit schauen: \"Die Intervention im Irak bringt eine Reihe moralischer Verpflichtungen mit sich. Diese bestehen vor allem darin, den Irakern zu helfen, Sicherheit zu bekommen und ihr eigenes Land wieder aufzubauen.\"

Einen verantwortlichen Wechsel im Irak herbeizuführen bedeute, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen: \"ein Mindestmaß an Sicherheit zu garantieren; dem Gesetz wieder Geltung zu verschaffen; den wirtschaftlichen Wiederaufbau zu fördern und angemessene Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen; die Entwicklung jener politischen Strukturen zu begünstigen, durch die Stabilität, politische Mitbestimmung sowie die Achtung vor der religiösen Freiheit und den Grundrechten garantiert werden\". In diesem Punkt seien auch die USA selbst gefordert, hob der Bischof hervor. Die Verantwortlichen müssten dafür sorgen, dass es etwa bei Verhaftungen nicht mehr zur Verletzung der Menschenrechte komme, dass die religiösen Minderheiten im Irak ausreichend geschützt würden und dass die Flüchtlinge würdige Lebensbedingungen erhielten.

Terrorismus

In Bezug auf die nicht abreißenden Terroranschläge erklärte Bischof Wenski: \"Unsere Bischofskonferenz verurteilt ausdrücklich alle Terroranschläge – vor allem jene, die Zivilisten betreffen. Sollten aber militärische Einsätze erforderlich sein, dürfen wir dabei nie vergessen, dass auch der Kampf gegen den Terrorismus neben allen zu berücksichtigenden moralischen Forderungen und grundsätzlichen gesetzlichen Verpflichtungen die Achtung vor den Menschenrechten verlangt.\" Angesichts der Berichte über die schockierenden Menschenrechtsverletzungen bei Personen, \"die sich im Gewahrsam der US-Streitkräfte (…) und der neu gegründeten irakischen Armee befinden, bittet unsere Bischofskonferenz neuerlich, sofortige Schritte zur Beendigung dieser Verletzungen einzuleiten\".

Religionsfreiheit

Der Bischof betonte im Namen des gesamten Episkopats, dass die Religionsfreiheit \"für den dauerhaften Frieden im Irak ein notwendiges und grundlegendes Freiheitsrecht\" sei. \"Die volle Religionsfreiheit wird zum Wohl aller Menschen und aller religiösen Einrichtungen im Irak zu mehr Stabilität beitragen und dabei helfen, sektiererischen Konflikten vorzubeugen.\" Werde die Religionsfreiheit nicht garantiert, könnten sektiererische Auswüchse weder verhindert noch das \"Widererstarken eines demokratischen und florierenden Irak\" nicht erreicht werden. \"Ein wirklich demokratischer Irak sollte sich mit seinen religiösen Minderheiten und insbesondere mit den Christen aussöhnen\", forderte Bischof Wenski.

Flüchtlinge

Der Krieg und die andauernde instabile Lage seien für einen riesigen Flüchtlingsstrom im Irak verantwortlich, ein Übel, von dem besonders die Christen und andere religiöse Minderheiten betroffen seien, \"die Anfeindung und Diskriminierung ertragen müssen\".

Der Bischof von Orlando wiederholte deshalb die Bitte des Patriarchen von Bagdad. Erzbischof Emmanuel-Karim Delly hatte an die westlichen Regierungen appelliert, sich der irakischen Flüchtlinge wohlwollend anzunehmen. Die Bischöfe der USA ermahnten in diesem Sinn \"die USA und die internationale Gemeinschaft, den irakischen Flüchtlingen und allen, die um Asyl ansuchen, bessere Bedingungen zu ermöglichen und sie mehr zu unterstützen. Wir glauben, dass die amerikanische Flüchtlings- und Asylpolitik zu restriktiv ist.\"

Armutsbekämpfung hat Vorrang

Abschließend wird in der von der US-Bischofskonferenz veröffentlichten Erklärung darauf hingewiesen, dass die Situation im Irak nicht von anderen großen Problemen ablenken dürfe. \"Der aufwendige Konflikt im Irak erfordert einen größeren Einsatz an menschlichen und finanziellen Ressourcen, aber der Irak darf nicht zur Ausrede werden, um andere dringliche Nöte im In- und Ausland zu ignorieren, vor allem, wenn es um die moralische Verantwortung gegenüber den Armen in unserem Land und in den Entwicklungsländern geht. Unsere Bischofskonferenz betont, dass es notwendig ist, die armen Menschen im In- und Ausland zu schützen. Das ist eine nationale Priorität.\"