Vatikan: Die innere Zerrissenheit ist das größte Dilemma der Priester

P. Raniero Cantalamessa über Lebenskrisen, Vertrauensbruch und Neuanfang

| 2330 klicks

Von Angela Reddemann

ROM, 26. März 2009 (ZENIT.org).- „Die innere Zerrissenheit ist das größte Dilemma der Priester, erklärte der „Prediger des Päpstlichen Hauses" vor Papst Benedikt XVI. und Mitgliedern der Kurie zu früher Morgenstunde heute im Vatikan. „In der Schrift finden wir die Beschreibung der internen Krise der Priester, in der heute viele Pfarrer stecken", offenbart Raniero Cantalamessa OFMcapp in der Kapelle „Redemptoris Mater jetzt kurz vor Beginn der Karwoche. (Vollständige Ansprache)

In der Biographie des Propheten Jeremias findet das Mitglied der Päpstlichen Familie die Symptome und Etappen einer solchen Krise wieder, die einen Mann Gottes, der auf seinen Berufungsweg zurückschaute, schließlich offen explodieren ließe: "Du hast mich betört oder Herr, und ich ließ mich betören, hast du mich gepackt und überwältigt. Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich! (Jer 20, 7-9).

„Was ist Gottes Antwort auf den Propheten Gottes in Krise?", fragt Pater Cantalmessa in seiner heutigen, dritten und letzten Fastenpredigt im Vatikan. Sicherlich kaum ein Wort der Beschwichtigung, wie: "Armer Mann, du hast recht, wie du unglücklich bist." Nein, ganz und gar nicht. Gott fordere schlicht „Umkehr!"

Der neue Dienst am neuen Bund beruhe auf der Gnade, auf der Tatsache, dass die Gabe jeder Pflicht vorausgehe. Das Grundprinzip des priesterlichen Dienstes bilde die priesterliche Gnade: Diener Christi, Verwalter der Geheimnisse Gottes zu sein. P. Raniero teilt deshalb die die Sorge des Heiligen Vaters hinsichtlich der Notwendigkeit einer inneren Reinigung innerhalb des Klerus .

"Tut Buße!" Dieser starke Aufruf, „der in jedem der sieben Briefe an die Kirchen der Offenbarung des Johannes mitschwingt, ist nicht an Anfänger oder Nicht-Gläubigen gerichtet, sondern an Menschen, die schon lange innerhalb der christlichen Gemeinde leben".

„Einer dieser Briefe ist von besonderer Bedeutung für uns, weil sie an die Pfarrer und die Vorsteher jeder der sieben Gemeinden gerichtet sind", so Cantalamessa. "Ich aber werfe dir vor, dass du deine erste Liebe verlassen hast. Bedenke, aus welcher Höhe du gefallen bist. Kehr um (metanoeson) zu deinen ersten Werken!"

„Wer von uns Priestern kann sich nicht mit Gefühl an den Moment erinnern, als wir merkten, wir würden von Gott zu seinem Dienst gerufen ...", zitiert er aus dem 2. Kapitel der Offenbarung. "Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache wieder die Gnade Gottes" (2 Tim 1,6) Das griechische Wort, das übersetzt wird als "Wiederbelebung", suggeriert die Vorstellung vom schwelenden Feuer, bei dem, damit es wieder hell brennen kann, die Flamme entfacht werden muss".

Die Begeisterung bekomme mit den Jahren aber einen neuen Namen, den der Treue. Treue zur Selbstverpflichtung im Versprechen der Ehelosigkeit, im Gelöbnis der vollkommenen Keuschheit. „Wir wissen aus leidvoller Erfahrung, wie viel Schaden für die Kirche und die Seelen durch Untreue in diesem Bereich kommen kann. Es ist vielleicht die härteste Prüfung, welche die Kirche jetzt gerade durchmachen muss", so P. Cantalamessa.

„Die Gleichgültigkeit des Klerus, der Mangel an apostolischem Eifer und die Trägheit: Ich denke, dies schwächt die Kirche weit mehr, als die Skandale von Priestern, die eher für großes Aufsehen sorgen ... ‚Das große Unglück für uns Priester', so sagte der Pfarrer von Ars - ist, wenn die Seele abstumpft."

Wenn Priester der Verlockungen von „Geld und Bequemlichkeit" erlägen, so der Kapuzinpater, das „Engagement und der Eifer einiger gläubigen Laien und Laien-Bewegungen von Priestern verhindert werden und zum anderen mit Argwohn beobachtete werden", sei das von großem Schaden für die Kirche.

In einer Gesellschaft, „die das Gefühl der individuellen Freiheit stärkt" und mehr als „Leidenschaft für die Seelen" den „Wunsch nach Geld" fördere, müsse die Armut als Haltung des Seelsorgers neu entdeckt werden. "Er war reich, anderen zu geben", so schrieb Papst Benedikt XVI. über den Pfarrer von Ars in seinem Brief an die Priester. „Sein Geheimnis war: ‚Alles geben und nichts behalten'."

„Bei der ersten Bekehrung, von Unglauben zum Glauben, oder von der Sünde zur Gnade, steht Christus draußen und klopft an die Wände des Herzens", in der Phase der Reife „ist es umgekehrt: Christus ist innen und klopft an die Wände des Herzens, damit wir zu ihm kommen! ...Wenn wir die Worte Christi: ‚Ich steh vor der Tür und klopfe an,' (Offb 3, 20) lesen, wir sollten verstehen, dass er nicht draußen anklopft, sondern drinnen".

Sein Ruf sei eine Herausforderung gegen alle Halbheiten, mit denen auch Priester sich häufig entschuldigten: „Gebet, ja, aber nicht so, dass es zur Beeinträchtigung des Schlafes, der Ruhe, der Zeit für fundierte Informationen führt...; Gehorsam ja, aber unsere Verfügbarkeit sollte nicht ausgenutzt werden; Keuschheit ja, aber nicht bis zu dem Punkt, das wir auf unsere entspannende Unterhaltung verzichten müssen".

Teresa von Avila, so Cantalamessa habe diesen Zustand der inneren Zerrissenheit sehr gut beschrieben, deren Ergebnis schließlich eine ganz tiefe Unzufriedenheit war: "Ich führte ein so unvollkommenes Leben, dass ich die lässlichen Sünden fast gar nicht beachtete. Die Todsünden fürchtete ich zwar noch, doch nicht so, wie es hätte sein sollen, weil ich ihre Gefahren nicht mied. Ich kann sagen, dass diese Lebensweise eine der peinlichsten ist, die man sich meines Erachtens denken kann. Ich fand keinen Genuss in Gott und hatte auch keine Freude an der Welt. Gab ich mich weltlichen Vergnügungen hin, so peinigte mich die Erinnerung an das, was ich Gott schuldig wäre; bekräftigte ich mich die Erinnerung an das, was ich Gott schuldig wäre; beschäftigte ich mich mit Gott, ließen mir meine Neigungen keine Ruhe. (Teresa von Avila, Das Leben, 8. Kapitel, 2)

„Es war die Betrachtung des Leidens Christi, das Teresa den letzten Anstoß zur Veränderung gab", so der Päpstliche Hofprediger. „Christus leidet für uns, ...seine Einladung: "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, denn ich will euch erquicken" sei heute an seine Priester gerichtet. „In seiner Liebe, wird der Priester alles finden, was er menschlich und privat braucht und ‚hundert mal mehr', so sein Versprechen.