Vatikan fordert von WTO wirtschaftliche Gerechtigkeit zwischen armen und reichen Ländern

Interview mit Delegiertem des Heiligen Stuhles auf der Konferenz im Katar

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VATIKAN/DOHA (Katar), 9. November 2001 (ZENIT.org).- Unter starken Sicherheitsvorkehrungen wurde am Freitag der Gipfel der Welthandelsorganisation (WTO) in Doha, der Hauptstadt von Katar eröffnet.



Aus diesem Anlass hat der Heilige Stuhl eine Note veröffentlicht, in der die Aufmerksamkeit der 142 Mitgliedsstaaten auf einige weltwirtschaftlichen Probleme gelenkt wird. Der Vatikan erhofft sich auch die baldige Verringerung des immer stärker werdenden Nord-Süd-Gefälles.

Erzbischof Diarmuid Martin ist Vorsitzender der vatikanischen Delegation. Er gab Radio Vatikan gegenüber ein Interview.

FRAGE: Warum hat der Heilige Stuhl das Dokument anlässlich des WTO-Gipfels veröffentlicht?

DIARMUID MARTIN: In der Note wird die Bedeutung der Welthandelsorganisation auf internationaler Ebene anerkannt. Doch wird auch auf die Verantwortung dieser Organisation aufmerksam gemacht, damit die derzeitige Marschroute etwas geändert wird und die Probleme der armen Länder ernster genommen werden.

Der Text stellt die Arbeit dieser Organisation in den weiteren Kontext der Verantwortung für die Entwicklung und erwähnt das vom Papst hervorgehobene Prinzip, nach dem die Wirtschaft eine Dimension des Lebens ist. Sie muss in eine vollständigere Sichtweise der Natur der menschlichen Person und der Erfordernisse der einzigen Menschheitsfamilie integriert werden.

FRAGE: Diese Einladung kommt in einem Augenblick, in dem die Wirtschaft eine exzessive Last zu tragen scheint...

DIARMUID MARTIN: Ich würde sagen, heutzutage werden die wirtschaftlichen Faktoren immer an die erste Stelle gesetzt. Man ist sich nicht mehr richtig bewusst, dass Wirtschaftswachstum zwar ein Gut ist, doch dass es wie alles andere auch in den Dienst der Menschheit gestellt werden muss.

Man muss einen gerechten und solidarischen Wachstumsbegriff fördern, stattdessen kommt dieses Wachstum einem kleinen Teil der Menschheit zu Gute, was aus wirtschaftlicher Sicht aber eher riskant ist.

Wir haben Beispiele aus der Geschichte der Menschheit für den Wunsch nach grenzenlosem Wachstum. Da ist der biblische Bericht über den Turmbau zu Babel: die Menschen wollten einen Turm bauen, der bis zum Himmel reicht, ohne an die drum herum lebenden Menschen zu denken.

Das Resultat war nicht nur der Einsturz des Turmes, sondern, dass neue Spaltungen unter den Menschen entstanden. Wachstum ist also notwendig, doch müssen die Erfordernisse der Menschheit immer mit bedacht werden.

FRAGE: Sie sagten, es sei nun an der Zeit, die Lage der armen Länder ernster zu nehmen. Was meinen Sie damit konkret?

DIARMUID MARTIN: Vor allem muss man bedenken, dass man das Risiko schafft, Asymmetrien und Ungleichheiten zu konsolidieren, wenn man dieselben Normen regelmäßig auf Menschen anwendet, die von einem radikal unterschiedlichen Ausgangspunkt ausgehen.

Daher muss dieser Ausgangspunkt erst einmal angeglichen werden. Die armen Länder müssen völlig integriert werden und nicht mit fast unüberwindbaren Hindernissen konfrontiert werden.

Zum Beispiel sehen sich die armen Länder, die effektiv auf den Markt gegangen sind, mit einer neuen Form des Protektionismus seitens der reichen Länder konfrontiert, die ihnen hohe Steuern für Landwirtschaftsprodukte oder Textilien aufbürden, während sie diese Produkte unter normalen Verhältnissen eigentlich profitabel exportieren könnten.

Man darf kein System zweier Geschwindigkeiten schaffen, vor allem dann nicht, wenn das zum Nachteil der armen Länder gereicht.

FRAGE: Was erwartet sich der Heilige Stuhl von dieser Konferenz?

DIARMUID MARTIN: Ich denke, die derzeitige Lage gebietet ein internationales Handelssystem, das alle ein- und keinen ausschließt, an dem alle gleichberechtigt und tatsächlich teilnehmen können.

Entweder wird diese Konferenz zu einem deutlichen Zeichen, dass man eine Welt will, zu der alle gehören und in der alle gleichberechtigt sind, oder die bereits bestehenden Spaltungen werden noch krasser werden.

Man kann also sagen, die Glaubwürdigkeit des multilateralen Handelssystems steht auf dem Spiel. Man muss aber auch sagen, dass entscheidende Schritte gesetzt wurden. Bei den Verhandlungen der letzten Wochen hat man die Position der Entwicklungsländer mehr berücksichtigt.

Doch bleibt noch viel zu tun, besonders bei der Vorbereitung von technischen Hilfsprogrammen für die armen Länder. Man muss ihnen auch die finanziellen Mittel für solche Programme beschaffen.

Langfristig gesehen ist der Mensch selbst der Motor für eine moderne Wirtschaft. Doch müssen die Investitionen in den Menschen, in soziale Infrastrukturen verbessert werden, welche es dann den Menschen auch ermöglichen, ihre eigene Kreativität und Innovationen einzubringen.