Vatikan: Katholische Kirche leistete Abbitte für Intoleranz, Verachtung, Herrschsucht, Feindschaften

Vor zehn Jahren sprach Johannes Paul II. das große "Mea Culpa"

| 1993 klicks

ROM, 12. März 2010 (ZENIT.org).- Die katholische Kirche entschuldigte sich für Intoleranz, dafür andere gequält und beherrscht zu haben. Sie bereute öffentlich die "Feindschaft gegenüber den Anhängern anderer Religionen und den gesellschaftlichen Gruppen, die schwächer waren als sie, wie etwa den Einwanderern und Zigeunern". Frauen würden ausgenützt, so das Schulbekenntnis von Johannes Paul II., "die Rechte von Stämmen und Völkern haben sie verletzt, deren Kulturen und religiösen Traditionen verachtet", so der polnische Papst. "Erweise uns deine Geduld und dein Erbarmen! Vergib uns!", flehte er vor der Weltöffentlichkeit.

Die große Vergebungsbitte von Papst Johannes Paul II., die er am 2. Fastensonntag, dem 13. März 2000 sprach, ging in die neuere Kichengeschichte ein. Im Bekenntnis der Schuld im Dienst der Wahrheit betete der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger: "Lass jeden von uns zur Einsicht gelangen, dass auch Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen. Hilf uns, Jesus Christus nachzuahmen, der mild ist und von Herzen demütig".

Die große Abbitte ist, entgegen anders lautenden Meldungen, nicht das erste „Mea Culpa“ eines Oberhauptes der katholischen Kirche.

Papst Hadrian VI. räumte 1522 eine Mitschuld Roms und der Päpste am „Ausbruch der Reformation“ ein. Papst Paul VI. und der orthodoxe Patriarch Athenagoras fanden 1965 einen Weg der Versöhnung: Ein gegenseitiger Bann aus dem Jahr 1054 wurde zurückgezogen.

Wir veröffentlichen wesentliche Auszüge aus der öffentlichen Liturgie:

* * *

Papst Johannes Paul II.:

Liebe Brüder und Schwestern,
lasst uns vertrauensvoll zu Gott unserem Vater rufen, der barmherzig und
langmütig ist, reich an Erbarmen, Liebe und Treue. Er möge die Reue seines
Volkes annehmen, das in Demut seine Schuld bekennt, und ihm seine
Barmherzigkeit schenken.

I. Allgemeines Schuldbekenntnis

Kardinal Bernardin Gantin:

Lass unser Bekenntnis und unsere Reue vom Heiligen Geist beseelt sein.
Unser Schmerz sei ehrlich und tief.
Und wenn wir in Demut die Schuld der Vergangenheit betrachten
und unser Gedächtnis ehrlich reinigen,
dann führe uns auf den Weg echter Umkehr.

Papst Johannes Paul II.:

Herr unser Gott, du heiligst deine Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit
immerfort im Blut deines Sohnes.
Zu allen Zeiten weißt du in ihrem Schoß um Glieder,
die durch ihre Heiligkeit strahlen, aber auch um andere,
die dir ungehorsam sind und dem Glaubensbekenntnis
und dem heiligen Evangelium widersprechen.
Du bleibst treu, auch wenn wir untreu werden.
Vergib uns unsere Schuld und lass uns unter den Menschen
wahrhaftige Zeugen für dich sein.
Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.

(Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.)

II. Bekenntnis der Schuld im Dienst der Wahrheit

Kardinal Joseph Ratzinger:

Lass jeden von uns zur Einsicht gelangen, dass auch Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen.
Hilf uns, Jesus Christus nachzuahmen, der mild ist und von Herzen demütig.

Papst Johannes Paul II.:

Herr, du bist der Gott aller Menschen. In manchen Zeiten der Geschichte haben die Christen Methoden der Intoleranz zugelassen. Indem sie dem großen Gebet der Liebe nicht folgen, haben sie das Antlitz der Kirche, deiner Braut, entstellt.
Erbarme dich deiner sündigen Kinder und nimm unseren Vorsatz an,
der Wahrheit in der Milde der Liebe zu dienen
und sich dabei bewusst zu bleiben,
dass sich die Wahrheit nur mit der Kraft
der Wahrheit selbst durchsetzt.
Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.

(Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.)

III. Bekenntnis der Sünden gegen
die Einheit des Leibes Christi

Kardinal Roger Etchegaray:

Lass das Eingeständnis der Sünden,
die die Einheit des Leibes Christi verwundet
und die geschwisterliche Liebe verletzt haben,
den Weg ebnen für die Versöhnung
und die Gemeinschaft aller Christen.

Papst Johannes Paul II.:

Barmherziger Vater, am Abend vor seinem Leiden
hat dein Sohn darum gebetet,
dass die Gläubigen in ihm eins seien:
Doch sie haben seinem Willen nicht entsprochen.
Gegensätze und Spaltungen haben sie geschaffen.
Sie haben einander verurteilt und bekämpft.
Wir rufen inständig dein Erbarmen an
und bitten dich um ein reumütiges Herz,
damit alle Christen sich in dir und
untereinander aussöhnen.
In einem Leib und einem Geist vereint,
sollen sie die Freude über die volle Gemeinschaft
wieder erleben dürfen.
Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.

(Vor dem Kruzifix wird ein Licht angezündet.)

IV. Schuldbekenntnis im Verhältnis zu Israel

Kardinal Edward Idris Cassidy:

Lass die Christen der Leiden gedenken,
die dem Volk Israel in der Geschichte auferlegt wurden.
Lass sie ihre Sünden anerkennen,
die nicht wenige von ihnen gegen das Volk des Bundes
und der Seligpreisungen begangen haben,
und so ihr Herz reinigen.

Papst Johannes Paul II.:

Gott unserer Väter, du hast Abraham
und seine Nachkommen auserwählt,
deinen Namen zu den Völkern zu tragen.
Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller,
die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen.
Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen,
dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes.
Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.

(Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.)

V. Schuldbekenntnis für die Verfehlungen
gegen die Liebe, den Frieden, die Rechte der Völker,
die Achtung der Kulturen und der Religionen

Erzbischof Stefan Fumio Hamao:

Lass die Christen auf Jesus blicken,
der unser Herr ist und unser Friede.
Gib, dass sie bereuen können, was sie in Worten und Taten gefehlt haben.
Manchmal haben sie sich leiten lassen von Stolz und Hass, vom Willen,
andere zu beherrschen, von der Feindschaft
gegenüber den Anhängern anderer Religionen
und den gesellschaftlichen Gruppen, die schwächer waren als sie,
wie etwa den Einwanderern und Zigeunern.

Papst Johannes Paul II.:

Herr der Welt, Vater aller Menschen,
durch deinen Sohn hast du uns gebeten,
auch den Feind zu lieben, denen Gutes zu tun, die uns hassen,
und für die zu beten, die uns verfolgen.
Doch oft haben die Christen das Evangelium verleugnet
und der Logik der Gewalt nachgegeben.
Die Rechte von Stämmen
und Völkern haben sie verletzt,
deren Kulturen und religiösen Traditionen verachtet:
Erweise uns deine Geduld und dein Erbarmen!
Vergib uns!
Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.

(Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.)

VI. Bekenntnis der Sünden gegen die Würde der Frau
und die Einheit des Menschengeschlechtes

Kardinal Francis Arinze:

Lasst uns für alle beten, die in ihrer menschlichen Würde verletzt
und deren Rechte unterdrückt wurden.
Lasst uns beten für die Frauen, die allzu oft erniedrigt
und ausgegrenzt werden.
Wir gestehen ein, dass auch Christen
in mancher Art Schuld auf sich geladen haben,
um sich Menschen gefügig zu machen.

Papst Johannes Paul II.:

Herr unser Gott, du bist unser Vater.
Du hast den Menschen als Mann und Frau erschaffen,
nach deinem Bild und Gleichnis.
Die Verschiedenheit der Völker in der Einheit
der Menschheitsfamilie hast du gewollt.
Doch mitunter wurde die gleiche Würde deiner Kinder nicht anerkannt.
Auch die Christen haben sich schuldig gemacht,
indem sie Menschen ausgrenzten und ihnen Zugänge verwehrten.
Sie haben Diskriminierungen zugelassen auf Grund von
unterschiedlicher Rasse und Hautfarbe.
Verzeih uns und gewähre uns die Gnade,
die Wunden zu heilen, die deiner Gemeinschaft auf Grund der Sünde
noch immer innewohnen,
damit wir uns alle als deine Söhne und Töchter fühlen können.
Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.

(Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.)

VII. Bekenntnis der Sünden auf dem Gebiet
der Grundrechte der Person

Erzbischof Francois Xavier Nguyen Van Thuan:

Lasst uns beten für alle Menschen auf der Erde,
besonders für die Minderjährigen, die missbraucht wurden,
für die Armen, Ausgegrenzten und Letzten.
Lasst uns für diejenigen beten, die am wenigsten Schutz genießen,
für die ungeborenen Kinder, die man im Mutterleib tötet,
oder jene, die gar zu Forschungszwecken von denen benützt werden,
die Missbrauch getrieben haben mit den von der Biotechnologie
gebotenen Möglichkeiten.
So haben sie die Ziele der Wissenschaft entstellt.

Papst Johannes Paul II.:

Gott unser Vater, du hörst stets auf den Schrei der Armen.
Wie oft haben dich auch die Christen nicht wiedererkannt
in den Hungernden, Dürstenden und Nackten,
in den Verfolgten und Gefangenen,
in den gerade am Anfang ihrer Existenz schutzlos Ausgelieferten.
Für all jene, die Unrecht getan haben,
indem sie auf Reichtum und Macht setzten
und mit Verachtung die „Kleinen“ straften,
die dir so am Herzen liegen, bitten wir um Vergebung.
Erbarme dich unser und nimm unsere Reue an.
Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.

(Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.)

Schlussgebet

Papst Johannes Paul II.:

Barmherziger Vater, dein Sohn Jesus Christus,
der Richter über Lebende und Tote,
hat in der Niedrigkeit seines ersten Kommens die Menschheit
aus der Sünde befreit.
Wenn er wiederkommt in Herrlichkeit,
wird er für alle Schuld Rechenschaft fordern von unseren Vätern,
von unseren Brüdern und Schwestern
und von uns, deinen Dienern.
Vom Heiligen Geist bewegt,
kehren wir mit reumütigem Herzen zu dir zurück.
Schenke uns dein Erbarmen und die Vergebung der Sünden.
Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.
Amen.

+++

Bücher zur Vergebungsbitte

„Erinnern und Versöhnen. Die Kirche und die Verfehlungen in ihrer Vergangenheit“ – so lautet der Titel eines Dokuments, das kürzlich im Vatikan vorgestellt worden ist. Das Grundsatzpapier der Internationalen Theologischen Kommission ist im Auftrag des Papstes erstellt worden. Für die deutschsprachige Ausgabe des erarbeiteten Textes zeichnet der Münchner Dogmatiker Gerhard Ludwig Müller. Die Dokumentation ist im Johannes-Verlag erschienen. Ein weiterer Buchtip: „Wenn der Papst um Vergebung bittet“. Darin beschäftigt sich der Vatikan-Spezialist Luigi Accattoli mit Vergebungsbitten von Johannes Paul II. in den vergangenen Jahren. Das Buch ist im Innsbrucker Verlag Tyrolia erschienen.

(AR)