Vatikan verfolgt Null-Toleranz-Politik bei Missbrauch

Pater Hans Zollner SJ über die Maßnahmen des Vatikans gegen den Missbrauch in der Kirche (Fortsetzung)

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 268 klicks

Pater Hans Zollner SJ war bei der Begegnung des Papstes mit Missbrauchsopfern zugegen. In einem Interview mit ZENIT berichtete er über das Treffen und seine Arbeit für die Päpstliche Kommission für den Schutz der Minderjährigen und das internationale Kinderschutzzentrum der Päpstlichen Universität Gregoriana.

Pater Zollner unterstrich, wie wichtig es sei, eine Null-Toleranz-Politik in Bezug auf den Missbrauch in der Kirche zu verfolgen. Missbrauch werde es leider immer geben, bis jemand über die Macht verfüge, ihn zu eliminieren. Die Kirche müsse deshalb mutvoll das Bewusstsein dafür stärken, um die Kinder davor zu schützen. Pater Zollner erklärte, die Kirche werde fortfahren in ihrem Kampf gegen den Missbrauch zum Schutz der Kinder, die das kostbarste Geschenk der Menschheit seien.

Dem Vorwurf, bei der Begegnung der Missbrauchsopfer mit Papst Franziskus handle es sich lediglich um eine öffentlichkeitswirksame Maßnahme, widersprach Pater Zollner entschieden. Hätte der Vatikan eine PR-Maßnahme durchführen wollen, hätte er die Begegnung wesentlich stärker in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Es sei als ein privates Treffen angelegt worden, um die Privatsphäre der Opfer zu schützen, die nicht vor die Öffentlichkeit hätten treten wollen, und um eine Atmosphäre des Zuhörens und der Aufmerksamkeit zu schaffen.

Für zwei der bei dem Treffen anwesenden Missbrauchsopfer fungierte Pater Zollner als Übersetzer. Mit einem der beiden hatte er vor der Begegnung lange und intensive Telefonate geführt. Besonders zeigte Pater Zollner von der Bemerkung eine teilnehmenden Person beeindruckt: „Das hat mein Herz verwandelt. Ich bin nun voller Hoffnung, dass meine Reise beginnen kann. Ich fühle mich nicht mehr allein.“

Wie wichtig dieses Treffen gewesen sei, zeige auch dieser Kommentar: „Ich war allein im Abgrund meiner Einsamkeit und meines Leids, aber nun bin ich jemandem begegnet, der mit mir, zusammen mit mir in den Abgrund schaut. Das fehlte bislang, das bot meine Diözese nicht.“

Pater Zollner erklärte, für ihn seien die Teilnahme, die emotionale Einbindung der Menschen, die Tränen sehr bewegend gewesen und er betrachte das Treffen als Geschenk.

Auch wenn nur sechs Personen eingeladen worden seien und die Anzahl im Vergleich zu den Menschen, die gerne den Papst getroffen hätten, „nichts“ sei, sei das ein riesiges Hoffnungszeichen für die Opfer, die die Predigt gelesen hätten. Pater Zollner erzählte von einer Mail, die ihm ein Opfer aus Deutschland geschrieben hatte, das nicht bei dem Treffen mit dem Papst zugegen war: „Ich suchte jahrzehntelang danach, nun fand ich etwas Frieden. Ich fühle mich nicht mehr allein in meiner Kirche!“ Wenn das das Ergebnis dieses Treffens sei, sei das sehr viel, so Pater Zollner. Es sei wichtig für die Heildynamik und die Versöhnung. Eine andere teilnehmende Person teilte mit: „Es endet nicht hier, ich kann immer noch nicht beten. Ich bin immer noch kein Mitglied der Kirche, aber es wird vielleicht eines Tages möglich sein dank dieses Treffens, weil ich Teil derer sein möchte, die glauben und derer, die wirklich fühlen, dass sie von Jesus Christus geliebt und gerettet werden.“

Die Zusammensetzung der Teilnehmer sei wohl unter logistischen Gesichtspunkten erfolgt, vermutet Pater Zollner. Die Teilnehmer stammten alle aus europäischen Ländern. Benedikt XVI. habe bereits 2008 Missbrauchsopfer in den USA getroffen.

Pater Zollner erklärte, es werde immer sexuellen oder emotionalen Missbrauch geben. Niemand auf der Welt könne den Missbrauch vernichten, auch nicht der Papst, die Kirche, der US-Präsident. Es liege nicht in unserer Macht. Die Menschen seien in der Lage, Gutes und Schlechtes zu schaffen. Es sei aber möglich und wichtig, präventiv in der Kirche und den angeschlossenen Organisationen tätig zu werden. Der Klerus müsse bei seiner Ausbildung für den Priesterberuf oder ein religiöses Leben entsprechend vorbereitet werden.

Eine Möglichkeit, den Missbrauch zu bekämpfen, sei, so Pater Zollner, ein Screening der Kandidaten für ein Gott geweihtes Leben oder das Priestertum. Während der Ausbildung müssten Themen, die die psychische Reife, die Sexualität, das zölibatäre Leben beträfen, offen besprochen werden ebenso wie Beziehungen und grenzwertige Bereiche. In den Seminaren in den USA herrsche bereits ein ziemlich gutes Bewusstsein für diese Problematiken, aber das sei nicht überall auf der Welt so. Die Kirche habe über die Jahre hinweg Standards für die Zulassung und Auswahl zum Seminar erarbeitet.

Die Kirche könne in der ganzen Gesellschaft das Bewusstsein für den Schutz der Kinder stärken. Laut Statistiken aus dem Jahr 2007 seien allein in Indien 200 Millionen Kinder Opfer sexuellen Missbrauchs. Die Kirche müsse sich dafür einsetzen um das Bewusstsein zu stärken und die Kinder zu schützen, die das kostbarste Geschenk der Menschheit seien. Die Kinder müssten geschützt werden. Überall, wo die Kirche eingreifen müsse, müsse sie auch das Wissen und den Mut haben, es zu tun, wie Pater Zollner betonte.

Im Kinderschutzzentrum kontaktiere man Menschen aus unterschiedlichen Diözesen weltweit, um in Erfahrung zu bringen, wie man die Menschen für den Kinderschutz sensibilisieren könne und dabei helfen könne, dass sie auf Missbrauchsfälle und besorgniserregendes Verhalten von Kindern aufmerksam machten, gleich ob es sich um einen Priester oder einen Sporttrainer handle.

Auf diese Weise, so Pater Zollner, könne man umsetzen, was in den letzten Jahren und Jahrzehnten vernachlässigt worden sei. Jeder müsse zum Schutz der Kinder und Minderjährigen beitragen. Auf diesem Gebiet könne die Kirche, wie sie es bereits in einigen Ländern sei, ein Champion werden, indem sie mit Nichtregierungsorganisationen und staatlichen Institutionen zusammenarbeite. Pater Zollner berichtete, in einige Länder auf den vier Kontinenten gereist zu sein. In Kenia zum Beispiel sei die Kirche ein Zeichen der Hoffnung im Kampf für die Sicherheit der Kinder und Frauen.

Institutionen und Ministerien weltweit setzten sich in Kontakt mit dem Kinderschutzzentrum, teils um ihre Erfahrungen an es weiterzugeben, teils um Hilfe zu erbitten. In einigen Ländern gebe es keinerlei präventive Maßnahmen durch den Gesetzgeber.

Mit den Tätern müsse die Kirche eine Null-Toleranz-Politik verfolgen. Es gebe unterschiedliche Tätertypen und unterschiedliche Tatbestände und Verbrechen. Einerseits gebe es Maßgaben des kanonischen Rechts; oft führe die Anklage zum Rücktritt eines Priesters oder Bischofs. Bei religiösen Kongregationen und Orden existiere das zusätzliche Problem, dass jemand, der aus dem Priesterstand entlassen worden sei, nicht automatisch aus seiner Kongregation oder seinem Orden ausgeschlossen sei.

Es gebe eine große Zahl ehemaliger Priester, die aus dem Dienst entlassen worden seien, die manchmal geheiratet hätten oder auch nicht und wieder einen Missbrauch begangen hätten, obwohl sie einer Behandlung unterzogen worden seien. „Das ist eine drängende Frage: wie können wir, Kirche und Gesellschaft, Täter besser kontrollieren, insbesondere die besonders abartigen Fälle. Diejenigen, die dutzende Jungen missbraucht haben, müssen sehr streng kontrolliert werden, um sicherzustellen, dass sie nicht erneut missbrauchen. Ein entlassener Priester ohne soziale Kontrolle kann eine große Bedrohung für junge Menschen sein. Die Kirche und die Gesellschaft haben noch keine Lösung für die Täter, die sogar nach einer Behandlung zu einer erneuten Tat fähig sind. Das wirksamste Mittel, um Täter von einer erneuten Tat abzuhalten, ist eine langfristige Begleitung, die auch eine Beratungsgruppe einschließt.“

Pater Zollner ist sich sicher, dass weitere Treffen von Papst Franziskus mit Missbrauchsopfern folgen werden. Er ist davon überzeugt, dass das Handeln des Papstes und der Kirche einigen zeigen werde, dass die Kirche alles in ihrer Macht stehende tue, andere hingegen würden niemals zufrieden sein. Es gebe eine Gruppe, darunter einige Missbrauchsopfer und -überlebende, die zornig mit der Kirche sei. „Wir müssen realisieren, dass diese Menschen, was auch immer die Kirche tut, niemals zufrieden sein werden, weil sie so tief verletzt wurden, dass sie das Handeln des Heiligen Vaters als zu gering betrachten und es als PR oder Zurschaustellung einordnen. Ich fühle mich hilflos angesichts dieser Tatsache, weil alles, was du tust, zu wenig ist. Es ist ungenügend, wie sie sagen. Die Frage, die sich stellt, ist: 'Sollen wir etwa nichts tun?! Auf der anderen Seite bemerke ich einen Windrichtungswechsel bei einigen Personen, darunter auch Journalisten, die bemerken, dass die Kirche wirklich versucht, der Sache nachzugehen. Wenn es auch gegenteilige Nachrichten wie nach der UN-Anhörung im Januar und Mai dieses Jahres gibt, werden wir fortfahren, in der Kirche und außerhalb den Missbrauch bekämpfen, daran besteht kein Zweifel. Es wird immer Menschen geben, die denken, wir arbeiten nicht wirklich an dem Problem. Doch wir tun alles für eine sicherere Welt für Kinder, die unser kostbarstes Geschenk sind, wie Jesus sagt: 'deren Engel nahe beim Heiligen Vater im Himmel sind'. Das sind unsere Motivation und unsere Mission.“