Vatikanische Bibliothek muss drei Jahre lang geschlossen bleiben

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ROM, 25. Juni 2007 (ZENIT.org).- Als vor ein paar Monaten bekannt gegeben wurde, dass die Vatikanische Bibliothek aufgrund von Restaurierungsarbeiten für drei Jahre geschlossen werden soll, ging ein Aufschrei der Verzweiflung durch die Welt der Wissenschaft. Für eine Vielzahl von Doktoraten und langfristigen Forschungsprojekten bedeutete diese für die Bibliothek als notwendig erachtete Maßnahme das Aus. Der besondere Charakter der Apostolischen Bibliothek gestattet es nicht, eine auf ihre Nutzung zugeschnittene Forschung anderswo oder auf andere Weise durchzuführen. Um es mit einem Vergleich deutlich zu machen: Für eine Vielzahl von Wissenschaften bedeutet die Schließung in etwa das, was für den Volkswagenkonzern die Tatsache bedeuten würde, für drei Jahre nicht mehr mit Stahl beliefert zu werden.



Ab dem 16. Juli 2007 wird nun die Apostolische Bibliothek aufgrund der strukturellen Probleme in einem der Flügel des Gebäudes aus dem 16. Jahrhundert für die Forschung geschlossen.

Die Direktion der Bibliothek hatte ursprünglich versucht, den Wissenschaftlern Zugeständnisse zu machen. Es sollten mehr als 300.000 Volumina aus den Räumen entfernt werden, deren Fußböden zu schwach geworden waren, um die Last der Bücher zu tragen. Experten hatten allerdings zur sofortigen Durchführung eines drastischen Renovierungsprojekts geraten. Damit verbunden werden wichtige Modernisierungen vorgenommen werden. Zu ihnen gehören etwa eine Klimaanlage, Aufzüge sowie eine generelle Neuorganisierung der Bestände.

In einem Artikel, der am 13. Juni im „L’Osservatore Romano“ erschienen, erklärt der Präfekt der Apostolischen Bibliothek, Bischof Raffaele Farina SDB, dass die bereits im Herbst 2006 bekannt gewordene Entscheidung der dreijährigen Schließung von englischsprachigen Presseorganen und Medien wiedergegeben nicht ganz korrekt worden seien. Die Reaktionen der Gelehrten sei die einer „ernsthaften Überraschung“ gewesen. Die Entscheidung der Schließung sei als Akt einer unüblichen Strenge seitens der Leitung der Apostolischen Bibliothek dargestellt worden. Demgegenüber verwies Bischof Farina auf diverse andere bedeutende Bibliotheken wie die „Ambrosiana“ in Mailand, die für mehr als sieben Jahre geschlossen war.

Die aktuellen Probleme der Vatikanischen Bibliothek sind nach Bischof Farina durch das Alter des Gebäudes, durch das Fehlen unverzichtbarer Räumlichkeiten für die Buchbestände und für das Personal, durch die gemeinsamen Nutzung erforderlicher Räumlichkeiten durch angrenzende Institutionen sowie durch anormale Überstrukturen bedingt, die „nicht der Tradition und der bibliothekarischen Tradition entsprechen“.

Farina verwies auf die Fortführung und die Ausweitung einiger Dienstleistungen während der Zeit der Schließung der Bibliothek. Diesbezüglich erinnerte der Präfekt daran, dass ab April 2008 die Nutzung des Online-Katalogs, ein Email-Service, die fotografische und digitale Reproduktion (Fotokopien, Mikrofilm, Diapositive) der Handschriften und der Drucke sowie die allgemeine Beratung sichergestellt werden.

Viele Bücher der Bibliothek werden in vorläufige Depots ausgelagert, die Kopien von Handschriften und antiken Büchern werden den Forschern über den Fotodienst zur Verfügung stehen.

Der Präfekt erinnerte daran, dass es in den USA immer die Möglichkeit gibt, die „Vatican Film Library“ in St. Louis (Missouri) zu konsultieren, die mehr als 37.000 Mikrofilme der Handschriften der Apostolischen Bibliothek besitzt (www.slu.edu/libraries).

Die Vatican Film Library umfasst eine große Sammlung von Handschriftenkatalogen, einschließlich der veröffentlichten Kataloge sowie der Kopien des nicht veröffentlichten Inventarbestands der Apostolischen Bibliothek. Dazu kommen die vollständige Serie „Studi e testi“, zahlreiche Werke aus dem Bereich der Paläographie, der Codicologie, der Miniatur und anderer Disziplinen, die für das Studium der Handschriften und der in ihnen enthaltenen Texte nützlich sind. Zudem stehen Ausgaben in Mikrofiche der „Bibliotheca Palatina“ (über 12.000 Drucke) und der „Cicognara“ (über 4.800 Titel zu Kunst, Architektur und Archäologie) zur Verfügung.

Die Arbeiten der nächsten drei Jahre dienen laut Bischof Farina auch dazu, dass eine Schließung der Bibliothek im Fall von zukünftigen großen Restaurierungsarbeiten nicht mehr erforderlich sein werde. „Die schmerzhafte, aber notwendige Schließung erfolgt also im Hinblick auf einen Dienst am Studium, der die Berufung ist, den die Apostolische Bibliothek charakterisiert.“

Die Apostolische Bibliothek wurde um das Jahr 1450 von Papst Nikolaus V. gegründet. Der Papst stellte seine persönliche Sammlung von einigen Hunderten von Handschriften zur Verfügung, die somit den ersten Kern der Bibliothek bildeten.

Im Juni 1475 gab Papst Sixtus IV. mit der Bulle „Ad decorem militantis Ecclesiae“ der neuen Institution ein juridisches Statut und statte sie damit mit eigenen Einkünften und Personal aus. Im Jahr 1587 beauftragte Papst Sixtus V. den Architekten Domenico Fontana mit dem Bau eines neuen Gebäudes für die Bibliothek, das diese bis heute aufnimmt.

Die Apostolische Bibliothek gehört nicht zur Römischen Kurie im strengen Sinn, ist aber dennoch die Bibliothek des Heiligen Stuhls. Papst Johannes Paul II. legte in der Apostolischen Konstitution „Pastor Bonus“ (28. Juni 1988) ihr Ziel fest: Die Bibliothek müsse „als hervorragendes Instrument der Kirche für die Entwicklung, die Bewahrung und die Verbreitung der Kultur dienen“.

Die Apostolische Bibliothek besitzt im gegenwärtigen Augenblick 1.600.000 gedruckte antike und moderne Bücher, 8.300 Wiegendrucke (65 von ihnen sind in Pergament), 150.000 Handschriftencodices und Archivdokumente, 300.000 Münzen und Medaillen sowie rund 20.000 Kunstwerke.

Zu den wichtigsten und wertvollsten Stücken der Apostolischen Bibliothek gehören der „Codex Vaticanus“, die älteste bekannte Handschrift der Bibel (um 350), sowie Schenkungen der „Bodmer-Papyri“. Unter letzteren befindet sich auch der berühmte p75 – Papyri Bodmer XIV und XV (ca. 225). Die Papyri Bodmer XIV/XV enthalten Teile des Lukas- und des Johannesevangeliums.

Der so genannte p75 gelangte im Februar 2007 in den Besitz der Apostolischen Bibliothek. Der sozial engagierte amerikanische Privatmann und Investmentbanker Frank J. Hanna III. schenkte den Papyrus nur wenige Wochen nach dem Erwerb von der Martin-Bodmer-Stiftung Papst Benedikt XVI. Der Papyrus ist für die Entstehungsgeschichte des Textes des Neuen Testaments von revolutionierender Bedeutung. Es hat sich herausgestellt, dass p75 dem „Codex Vaticanus“ so nahe steht, dass die bisherige Annahme von den Rezensionen, das heißt von durchgreifenden Bearbeitungen des neutestamentlichen Textes, die man im vierten Jahrhundert durchgeführt habe, nicht mehr aufrecht zu erhalten ist.