Venezuela: Chávez möchte die Kirche spalten

Experte Javier Legorreta von „Kirche in Not“ über das Referendum und die Folgen

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CARACAS/KÖNIGSTEIN, 16. Februar 2009 (ZENIT.org).- Gestern, Sonntag, wurden die Venezolaner zum zweiten Mal an die Urnen gebeten, um über eine Änderung der Verfassung zu entscheiden. Beim Referendum stand die Änderung von fünf Artikeln zur Debatte, die die politische Macht in Venezuela betreffen. Unter anderem ging es um die Abschaffung einer Begrenzung von Amtszeiten bei gewählten Amtsträgern. Dadurch wäre die uneingeschränkte Wiederwahl des amtierenden Präsidenten Hugo Chávez auch nach Ende seiner Amtperiode 2012 möglich.

Bereits im Dezember 2007 hatten die Bürger des Landes bei einem ersten Referendum mit "Nein" gestimmt. Diesmal hatte Hugo Chávez bei einem zweiten Versuch eine Mehrheit geschafft.

Im Vorfeld des Referendums ist es in großen Städten, vor allem in der Hauptstadt Caracas, zu Demonstrationen mit gewalttätigen Ausschreitungen gekommen, sowohl von Befürwortern, als auch Gegnern. Am 19. und am 31. Januar überfielen Unbekannte die Apostolische Nuntiatur in Caracas. Es war der siebte Angriff in den letzten Monaten.

KIRCHE IN NOT sprach über die aktuelle Lage des Landes mit Javier Legorreta, dem Leiter der Abteilung für Lateinamerika.

Bereits vor knapp einem Jahr hatten die Bürgerinnen und Bürger des Landes die Verfassungsänderung abgelehnt. Es stellt sich die Frage, ob das Referendum überhaupt legal ist, wenn man in derselben Legislaturperiode ein Referendum zur gleichen Frage wiederholt?

Das Volk weiß schon, dass es gesetzeswidrig ist, aber Chávez hat die Abstimmung mit seinem Charisma, seiner Politik und vor allem mit seiner Ideologisierung getarnt. Man kann sagen, dass mittlerweile der "Chavismus" eine Art Religion in Venezuela geworden ist. Die Sprache, die Art und Weise sich zu geben, die Gespräche und Diskussionen - alles dreht sich um seine Person, Ideologie und taktische Strategie. So schafft er den Erfolg, den man auch die bolivarische Revolution nennt.

Worum handelt sich es bei dieser Revolution?

Es geht darum, ein ähnliches Modell zu schaffen wie das damalige politische System in Osteuropa. Dasselbe existiert heute noch in Kuba: eine sozialistische Diktatur, geleitet von einer starken Person, einem Führer. In Kuba ist diese Leitfigur Fidel Castro, in Venezuela Hugo Chávez.

Hugo Chávez feierte am 2. Februar sein zehnjähriges Jubiläum im Amt als Präsident des Landes. Wie könnte man diese zehn Jahre zusammenfassen? Chávez selbst hat es in drei Wörten gefasst: Sozialismus, Unabhängigkeit und Revolution. Was hat sich in Venezuela in dieser Zeit geändert?

Ich würde sagen, dass es ein Versuch war, aus einer Grube herauszukommen und in die nächste hineinzufallen. Die Geschichte wird zeigen, ob das eine besser als das andere war. Als Chávez seine Revolution anfing, ging es dem Volk schlecht. Die Menschen sahen das Angebot von Chávez als etwas Anziehendes und Effizientes. Doch in der Realität sieht man kaum die erwarteten Ergebnisse. Es gibt aber auch gute Dinge, wie etwa die Möglichkeit, dass Venezolaner nach Kuba gehen können, um sich dort ärztlich behandeln zu lassen; bei ihrer Rückkehr, zum Beispiel nach einer Augenoperation, werden sie von kubanischen Ärzten in Venezuela weiterbehandelt.

Nach den Ergebnissen des Referendums hat Chávez schon seine Kandidatur für eine dritte Amtszeit angekündigt. Was könnte passieren, wenn der Traum des Präsidenten, noch zehn weitere Jahre zu regieren, in Erfüllung geht?

Chávez sieht Simon Bolivar, den Anführer der südamerikansichen Unabhänigkeitsbewegung gegen die spanischen Kolonialherren, immer als Leitfigur für sein Land. Aber er sollte einen Satz von Bolivar selbst anwenden: "Daña el que alguien se perpetúe en el poder", was heißt: Es schadet einem Land, wenn sich jemand in der Macht verewigt.

Die Opposition in Venezuela scheint aber vor allem aus Studierenden und Jugendlichen gebildet zu sein. Stimmt das? Wo sind die Parteien, die in einer Demokratie einen Ausgleich und ein Gegengewicht schaffen sollen?

Wenn man sich die Ergebnisse des Referendums ansieht, kann man nicht sagen, dass es keine Opposition in Venezuela gibt: 54 Prozent waren für die Verfassungsänderung, aber 46 Prozent stimmten dagegen. Denn das Referendum war gleichzeitig ein klares Für oder Gegen Chávez und seine Regierung. Aber es stimmt, dass vor allem die jungen Menschen den Wunsch und die Energie haben, eine Antwort auf die demokratiefeindliche Politik der Regierung zu geben. Sie sehen sich in die Pflicht genommen, weil sie spüren, dass es keine Alternative gibt, keine andere Figur im politischen Leben Venezuelas, die eine Rolle spielen kann. Die Jugend sieht in der Politik der alten Garde ein Fiasko.

Die Beziehung der Kirche zur Regierung ist in den vergangenen Jahren nie einfach gewesen. Bereits 2001 kam es zu einer Terror-Welle gegen kirchliche Einrichtungen. Damals explodierten 28 Sprengkörper innerhalb einer Woche. Auch in den letzen Wochen gab es Angriffe auf die Apostolische Nuntiatur in Caracas. Wie ist die Situation der Kirche in einem Land, in dem 96 Prozent der Bevölkerung katholisch sind?



Die Gläubigen spüren in dieser schwierigen Zeit die Notwendigkeit, der Kirche und auch ihren Hirten zur Seite zu stehen. Es gibt eine große Krise im Land, vor allem eine soziale, wirtschaftliche und politische Unsicherheit. Erst kürzlich riefen die Bischöfe Venezuelas die Regierung des Landes in einem Hirtenbrief dazu auf, die Sicherheitslage im Land zu verbessern. Man merkt, dass die Menschen der Kirche näher kommen wollen, zum Beispiel an der großen Zahl der Gottesdienstbesucher am Sonntag oder insgesamt bei allen liturgischen Feiern. Am 14. Januar kamen mehr als zweieinhalb Millionen Menschen zur jährlichen Feier zur Ehren der Jungfrau von der "Divina Pastora" in der Diözese von Barquisimeto. In den Pfarreien, in denen keine Ideologisierung stattgefunden hat, gibt es einen tiefen und frommen Glauben.

Hugo Chávez verfolgte anfangs die Idee, eine eigene venezolanische Kirche zu gründen. Mehrfach hat er die Bischöfe mit der Behauptung angegriffen, sie würden die Menschen manipulieren und sich in die Politik einmischen. Soll sich die Kirche aus dem öffentlichen Leben heraushalten?

Chávez versucht eine Spaltung in der Kirche zu schaffen. Er polarisiert, indem er die Arbeit einiger Priester lobt, während die Arbeit und Mühe anderer völlig kritisiert wird. Er möchte eine "Uneinheit" schaffen, um Unheil zu säen. Das ist eine gute Strategie für jemanden, der sich wünscht, die Kirche zu unterdrücken.

Was ist die größte Herausforderung der Kirche in Venezuela?

Im Moment braucht das Land vor allem eine Begleitung durch unser Gebet. Andererseits braucht die Kirche Unterstützung in der Katechese und für die Ausbildung zukünftiger Seminaristen. Überhaupt benötigen Ordensschwestern und der ganze Klerus eine gute Ausbildung, um den Herausforderungen der nächsten Jahre gewachsen zu sein. Viele Pfarreien sind sehr arm und in großer Not. Sie müssen mit fünfzig oder achtzig Euro im Monat auskommen.