"Vergesst eines nicht: Gott vergibt immer!"

Katechese von Papst Franziskus während der Generalaudienz am 29. Mai

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 603 klicks

Die Generalaudienz von heute Vormittag fand um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz statt, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf. In seiner in italienischer Sprache gehaltenen Rede begann der Papst eine neue Katechesen-Reihe über das Geheimnis der Kirche im Lichte der Dokumente des II. Vatikanischen Konzils. Die heutige Katechese stand im Zeichen des folgenden Themas: „Die Kirche: Die Familie Gottes“.

Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen richtete Papst Franziskus einen besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunser und dem Apostolischen Segen.

Wir veröffentlichen die Worte von Papst Franziskus in einer eigenen Übersetzung.

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Am vergangenen Mittwoch sprach ich über die tiefe Verbindung zwischen dem Heiligen Geist und der Kirche. Heute möchte ich mit einer neuen Katechesen-Reihe über das Geheimnis der Kirche beginnen. Alle Menschen erleben dieses Geheimnis und sind ein Teil davon. Als Ausgangspunkte meiner Reflexionen werden Begriffe des 2. Vatikanischen Konzils dienen.

Zunächst soll folgendes Konzept betrachtet werden: Die Kirche als Familie Gottes.

In den vergangenen Monaten thematisierte ich mehrmals das Gleichnis vom verlorenen Sohn, oder besser gesagt: vom barmherzigen Vater (vgl. Lk 15,11-32), dessen jüngerer Sohn das Haus verlässt, alles verschleudert, Reue spürt und daraufhin beschließt, zurückzukehren. Er hält sich nicht mehr für würdig, der Sohn seines Vaters zu sein, und hofft darauf, als Diener angenommen zu werden. Der Vater eilt ihm jedoch entgegen, umarmt ihn, gibt ihm seine Würde als Sohn zurück und veranstaltet ein Fest für ihn. Ebenso wie andere Gleichnisse aus dem Evangelium verdeutlicht dieses den Plan Gottes mit der Menschheit.

Worin besteht dieser Plan Gottes? Alle Menschen sollen als seine Kinder zu einer großen Familie werden, in der sich jedes Mitglied den anderen nahe fühlt, sich wie im Gleichnis aus dem Evangelium von ihm geliebt weiß und die Wärme der Familie Gottes spürt. In diesem großen Plan liegen die Wurzeln der Kirche. Wie Papst Benedikt XVI. so viele Male in Erinnerung gerufen hat, ist die Kirche keine aus einer Vereinbarung zwischen einigen Menschen entstandene Organisation, sondern ein Werk Gottes. Sie entsteht aus diesem Plan der Liebe, der sich fortschreitend in der Geschichte verwirklicht. Die Kirche entspringt dem Wunsch Gottes, alle Menschen zur Gemeinschaft mit ihm, zur Freundschaft mit ihm, und als seine Kinder zur Teilhabe an seinem göttlichen Leben zu berufen. Das Wort „Kirche“ stammt vom griechischen Begriff „ekklesia“ ab und bedeutet „Versammlung“. Gott versammelt, und er drängt uns zum Ausbruch aus dem Individualismus, zur Abkehr von der Tendenz des Sich-Einschließens in uns selbst und ruft uns zur Teilhabe an seiner Familie auf. Der Ursprung dieses Aufrufes liegt in der Schöpfung. Gott hat uns erschaffen, damit wir in tiefer Freundschaft mit ihm leben. Obwohl diese Beziehung zu ihm, zu unseren Mitmenschen und zur Schöpfung aufgrund der Sünde durchbrochen wurde, hat Gott uns nicht verlassen. Die gesamte Heilsgeschichte ist die Geschichte Gottes, der den Menschen sucht, ihm seine Liebe anbietet und ihn aufnimmt. Er berief Abraham zur Vaterschaft der Menge an Völkern, erwählte das Volk Israel zur Bildung eines alle Völker umschließenden Bündnisses, und als die Fülle der Zeit gekommen war, sandte er seinen Sohn zur Erfüllung seines Liebes- und Heilsplan in einem neuen und ewigen Bündnis mit der gesamten Menschheit. Die Lektüre des Evangeliums lässt uns erkennen, dass Jesus eine kleine Gemeinschaft um sich versammelt, die ihm nachfolgt, denselben Weg zurücklegt und zu seiner Familie wird. Mit ihr plant und erbaut er seine Kirche.

Woraus entsteht nun die Kirche? Sie entsteht aus dem höchsten Gestus der Liebe des Kreuzes, der offenen Seite Jesu, aus der Blut und Wasser als Symbole der Sakramente der Eucharistie und der Taufe strömen. Der Lebenssaft der Familie Gottes, der Kirche, ist die Liebe Gottes, die sich in der Liebe zu ihm und zu den anderen Menschen konkretisiert; zu allen, ohne Unterschiede und Maß. Die Kirche ist jene Familie, in der man liebt und geliebt wird.

Wann wird die Kirche sichtbar? Der vorletzte Sonntag stand im Zeichen der entsprechenden Feier. Sie wird sichtbar, wenn das Geschenk des Heiligen Geistes die Herzen der Apostel erfüllt und sie dazu drängt, hinauszugehen und den Weg der Verkündigung des Evangeliums und der Verbreitung der Liebe Gottes zu beginnen.

Auch heute noch gibt es Menschen, die sagen: „Christus ja, Kirche nein!“ Ebenso hören wir die Worte: „Ich glaube an Gott, aber nicht an die Priester.“ Doch gerade die uns von Christus gebrachte Kirche führt zu Gott. Sie ist die große Familie der Kinder Gottes. Ihre Glieder sind zweifellos durch menschliche Aspekte gekennzeichnet; durch Mängel, Schwächen und Sünden der Hirten und Gläubigen — auch dieser Papst bildet keineswegs eine Ausnahme —, doch das Schöne besteht in der Barmherzigkeit Gottes, die uns zuteilwird, wenn wir unsere Sünden bekennen. Vergesst eines nicht: Gott vergibt immer! Und er nimmt uns in seiner Liebe des Vergebens und der Barmherzigkeit auf. Manche Menschen sagen, dass die Sünde eine Beleidigung Gottes darstelle. Sie ist jedoch auch eine Gelegenheit des demütigen Erkennens von etwas viel Schönerem: der Barmherzigkeit Gottes. Denken wir daran.

Betrachten wir folgende Fragen: Wie groß ist meine Liebe zur Kirche? Bete ich für sie? Begreife ich mich als Teil der Kirche? Inwiefern trage ich dazu bei, sie zu einer Gemeinschaft zu gestalten, in der jeder Mensch sich angenommen und verstanden fühlt und die Barmherzigkeit und Liebe des das Leben erneuernden Gottes spürt? Der Glaube ist ein Geschenk und ein Akt, der uns persönlich betrifft. Gott beruft uns jedoch dazu, ihn gemeinsam zu leben; als Familie, als Kirche.

Wenden wir uns in diesem „Jahr des Glaubens“ mit der ganz besonderen Bitte an den Herrn, dass unsere Gemeinschaften, die gesamte Kirche, immer mehr zu wahren Familien werden, die die Wärme Gottes leben und weitergeben.