"Vergesst uns nicht!"

Die Lage der syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge in Jordanien spitzt sich zu

Rom, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 361 klicks

Diesen verzweifelten Aufruf hörte Livia Leykauf oft, als sie syrische Flüchtlinge in Nordjordanien im März besuchte. Die frühere Medienkoordinatorin von Caritas Schweiz hat eine langjährige Erfahrung in humanitären Journalismus. 

„Seit meinem letzten Besuch vor eineinhalb Jahren in der Region hat sich die Situation rapide verschlechtert. Eine düstere, depressive Stimmung der Ausweglosigkeit hat sich unter den Flüchtlingen breitgemacht. Es gibt kaum Hoffnung auf baldige Rückkehr in die Heimat, noch auf menschenwürdige Lebensbedingungen im Aufnahmeland Jordanien,“ berichtet sie in einem Gespräch mit ZENIT. „Ich habe weinende Männer gesehen. Es gehört schon einiges dazu, dass ein Araber seine Tränen zeigt, zumal vor einer Frau.“ 

Frau Leykauf inspizierte die Caritas-Zentren in Amman und Zarqa, wo Tausende von syrischen Flüchtlingen mit dem Nötigsten versorgt werden: mit Nahrungsmitteln, Kochgerät, Matratzen, Decken und Hygieneartikel, mit praktischer und mit psychologischer Assistenz. „Das größte Problem ist jedoch, eine eigene bezahlbare Bleibe zu finden, und sei sie noch so erbärmlich.“ 

Denn vier von fünf Vertriebenen wohnen außerhalb der offiziellen Camps, in denen diejenigen als erstes landen, die illegal nach Jordanien eingereist sind. In dem mit weit über 100.000 Menschen völlig überfüllten, baumlosen UN-Wüstencamp Zataari bei Mafraq grassieren mittlerweile Krankheiten und Kriminalität, so Livia Leykauf. Die Mütter hätten Angst um ihre Kinder, fühlten sich wie Gefangene. Manche zögen es vor, im Zelt am Stadtrand oder auf dem freien Feld zu campieren, auf den steinigen Hügeln ohne Strom- und Wasseranschluss. 

„Die Familien versuchen ein Minimum an wirtschaftlicher Autonomie und Würde zu bewahren, indem sie eine Privatunterkunft in den Städten oder Dörfern mieten. Meistens reicht es nur für einen nackten, fensterlosen Raum, mit dem sich eine sechsköpfige Familie begnügen muss, zusammengekauert auf ein paar dünnen Matratzen. Für die Essenszubereitung haben sie nur einen kleinen Gaskocher, als Geschirr Blechnäpfe. Sie sind der Kälte und Feuchtigkeit der rauen Nächte ausgesetzt, in denen das Thermometer auf wenige Grad über Null sinkt. In vielen Fällen konnten sie nur mit ein paar Plastiktüten zu Fuß über die Grenze fliehen, mit Säuglingen auf dem Arm und Kleinkindern an der Hand.“ 

Angesichts der über 600.000 registrierten, aber fast auf eine Million geschätzten Flüchtlinge allein in Jordanien, ist der Mangel an Unterkünften offensichtlich. Jordanien ist von jeher das ärmste Land der Region, hinzu kommt eine dramatische Wasserknappheit. Das Trinkwasser muss aufbereitet werden. Der nicht nachlassende Flüchtlingsstrom aus Syrien hat zu einem regelrechten Kollaps der bescheidenen Infrastrukturen in der Grenzregion geführt. „Alles ist überlastet: Straßen, Busse, Krankenhäuser, Schulen. Es fehlen bezahlbare Unterkünfte. Man benötigt langfristig Einrichtungen, denn ein Ende des Bürgerkriegs ist momentan nicht in Sicht,“ fasst Frau Leykauf zusammen. 

Den Mangel an Schulraum versucht man durch Schichtunterricht zu lösen. Dennoch besuchen viele der syrischen Kinder den Unterricht nicht, weil sie kein Geld für Bücher und Schreibartikel aufbringen können oder weil ihre Eltern sie nicht unbeaufsichtigt zu den oft entlegenen Schulen schicken mögen. Das gilt vor allem für Mädchen.

Da nur die wenigsten Flüchtlinge eine Arbeitserlaubnis haben, müssen sie schwarz und unter Preis arbeiten, in Fabriken, in Werkstätten, auf dem Bau oder in der Landwirtschaft. Die Mietzuschüsse und Lebensmittelscheine der Flüchtlingswerke reichen nicht aus zum Leben. Anfangs ließen die jordanischen Behörden die Syrer gewähren. Seitdem jedoch der einheimische Arbeitsmarkt übersättigt ist und die Jordanier selbst keine Arbeit mehr finden, hat das Arbeitsministerium strenge Kontrollen angeordnet: Wer dreimal erwischt wird, riskiert des Landes verwiesen zu werden. Daher schickt man lieber minderjährige Söhne Geld verdienen. Bei Kindern kneift die Polizei ein Auge zu. „Die syrischen Männer, die einstigen stolzen Ernährer ihrer Familien, erleben die vom Gesetz verordnete Tatenlosigkeit als eine Erniedrigung,“ sagt Livia Leykauf. 

Auf die Frage, was der Westen tun könne, antwortet die Journalistin ohne zu zögern. „Es sind massive Mittel nötig“. Bisher sind nur 14 Prozent der vom UN-Flüchtlingswerk UNHCR kalkulierten Summe von etwas über 4 Milliarden US Dollar geflossen. Die Projekte wurden bisher im Wesentlichen durch freiwillige Beiträge von Regierungen, von zwischenstaatlichen Akteuren, dem UN-Nothilfefonds CERF und zu knapp zwei Prozent aus dem regulären UN-Budget finanziert. Man ist neben weiterer Staatshilfe auf Spenden von Privatleuten und Stiftungen angewiesen. Und diese fließen eher spärlich. 

Erst kürzlich bemängelten die katholische und evangelische Kirche in Deutschland die schwache Spendenbereitschaft der Bürger und Stiftungen. Offenbar befürchten viele angesichts des unüberschaubaren Konflikts, dass Hilfe in falschen Kanälen versickern könnte. Auch die generelle Angst vor Islamisierung mag eine Rolle spielen.

Die jeweiligen Kirchenvertreter appellierten unterdessen an die Bundesregierung, mehr Syrien-Flüchtlinge aufzunehmen. Die bisher vorgesehene Zahl könne auf 10.000 Flüchtlinge verdoppelt werden, forderte der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Norbert Trelle. Der größte Teil der bisher 45.000 Syrer, denen in Europa über Resettlement-Programme Asyl gewährt wurde, fand in Nordeuropa Aufnahme, vor allem in Schweden. Ausgewählt werden besonders schutzbedürftige Syrer wie Familien mit Kindern, allein erziehende oder alleinstehende Frauen sowie Angehörige von Minderheiten. Angesichts der mittlerweile insgesamt 2.625.000 Syrer, die aus ihrer Heimat geflohen sind, ist das natürlich nur eine geringfügige Zahl. Die Masse der Flüchtlinge muss in den angrenzenden Ländern wie Jordanien, Libanon und Türkei versorgt werden. 

Der jordanische König Abdullah II. hat die Staatengemeinschaft wiederholt um Hilfe gebeten, sein kleines Land mit der Evakuierung der Flüchtlinge nicht alleine zu lassen. „Wir haben unsere Ressourcen ausgeschöpft“, verkündete König Abdullah II. vergangenen November. Ihn sorgt auch die Gefahr steigender sozialer Spannungen. Die anfängliche Gastfreundschaft und Geduld der Jordanier, die sie vor zwei Jahren den ersten Flüchtlingswellen entgegenbrachten, scheinen aufgebraucht zu sein. Die Mietpreise in der Hauptstadt Amman haben sich im letzten Jahr verdreifacht und sind auch für den mittelständischen Jordanier unerschwinglich geworden. „Daher ist es dringend nötig, arme Jordanier mit in die Hilfsprojekte einzubeziehen“, betont Frau Leykauf. Das hätten nun die Caritas und andere Hilfsorganisationen langsam angeleiert.

„Bei aller Nothilfe darf nicht versäumt werden, die beteiligten Politiker aufzurufen, diesen Krieg zu beenden. Denn die Menschen sind müde und möchten wieder zurück in ihre Heimat,“ erinnert die Journalistin.

Dass das Interesse für Syrien auf internationaler Ebene schwände, beklagte gestern auch Erzbischof Mario Zenari, Nuntius in Damaskus, der zu einer Privataudienz mit Papst Franziskus nach Rom kam. „Doch das Drama geht in dem Land weiter und ich sehe meine Aufgabe darin, dass wir Syrien nicht vergessen sollen.“

Seit drei Jahren informiert er persönlich den Pontifex über die Lage in Syrien, über die Situation der aus Homs verjagten Christen, über die Kämpfe zwischen den Regierungstruppen al-Assads und den verschiedenen religiösen und ethnischen Milizen der Opposition, die sich an Kriegsgräuel gegenseitig überbieten. Papst Franziskus hat wahrscheinlich nicht ohne Grund die von syrischen Flüchtlingen überlaufene Hauptstadt Amman als erste Etappe auf seiner apostolischen Reise ins Heilige Land am 24. Mai gewählt. Dort wird er von König Abdullah II. empfangen, der in der islamischen Welt hohes Ansehen als Vermittler bei verschiedenen politischen wie religiösen Konflikten genießt. Die Papstreise wird – neben ihrem religiösen Gehalt für die christliche Ökumene – automatisch wieder stärker die Scheinwerfer auf die vergessene Kriegsregion richten. Zumindest für ein paar Tage.