Verhaltenes Erschrecken auf dem Antlitz Mariens

Ausstellung des Venezianers Lorenzo Lotto in der Scuderie in Rom

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Von Nicki Schaepen*

ROM, Montag 18. April 2011 (ZENIT.org). - Zu Beginn der Karwoche scheint uns der Engel des Herrn gleichsam zuzurufen: „Fürchtet euch nicht, denn eure Erlösung ist nahe". Die Plakatwände Roms laden mit dem berühmten Bild der „Verkündigung" mit dem Antlitz der Mutter Gottes dazu ein, aufzumerken,  sich in sein Inneres zu kehren und das Erlösungswerk Christi zu betrachten.

Das berühmte Bild des in Venedig geborenen Malers Lorenzo Lotto (1480-1556) ist eines der Exponate einer umfassenden Werkschau des Malers, die gegenwärtig und noch bis zum 12. Juni 2011 in der Scuderie del Quirinale in Rom zu sehen ist. Die Ausstellung würdigt diesen vielseitigen Künstler des Cinquecentos und unterstreicht im Verein mit den großen Retrospektiven der Jahre 1953 und 1998 seine bedeutende Stellung innerhalb der sakralen Historien- und der Porträtmalerei. Sie vereint einige der bedeutendsten Werke Lottos aus allen großen Museen der Welt. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen.

Nähere Informationen sind der Homepage der Scuderie zu entnehmen.

Lottos Bildsprache ist in jedem Sinne innovativ und vielseitig. Er ist einer der wenigen Maler des Cinquecento, die es verstehen, je nach Thema auch die Maniera, d.h. seinen Malstil, zu ändern. Er vereint darin das Colore Venedigs mit dem Disegno von Florenz' und weist in seinen Figuren und Kompositionen, die kühn den klassischen Kanon durchbrechen, schon hinaus in die sich anbahnende Kehre innerhalb der europäischen Geistes- und Religionsgeschichte.

In der genannten Verkündigungsszene gelingt es Lotto, der uns diese Szenerie in leuchtenden Farben und frischem Pinsel schildert, eindrucksvoll, einen mehrschichtigen Erzählstrang, der unterschiedliche Zeitebenen beinhaltet, in einer Szene zu verdichten: die Verkündigung der Geburt des Erlösers an die Jungfrau Maria. Durch seine Kompositonsführung und ausdrucksstarke Mimik und Gestik schafft Lotto eine Gleichzeitigkeit von ungleichzeitigen Ereignissen. Im Ausdruck Mariens sind die Momente des Erschreckens, des Vertrauens und des noch unausgesprochenen Einstimmens Mariens eingefangen.

Auf einem anderen Bild der Ausstellung, der „Mystischen Vermählung der hl. Katharina von Alexandrien mit Stifter" aus dem Jahre 1523 (Leihgabe aus der Academia di Carrara, Bergamo), greift Lotto zu einer ausgewogeneren Maniera, mit klassischem Bildaufbau. Alles konzentriert sich auf jenen Moment, in dem das Christuskind Katharina den Ring ihrer mystischen Verlobung ansteckt. Ein Moment der Einigung des himmlischen Bräutigams mit der jungfäulichen Heiligen, der durch ein ausgefeiltes Gesten-Repertoire die zentrale Figurengruppe gleichsam miteinander zu verschmelzen scheint.

Lottos Bedeutung als Porträtmaler sticht besonders im „Bildnis des Andrea Odoni" von 1527 (Leihgabe aus der Royal Collection, Hampton Court) hervor. Hier sind alle Requisiten des Künstlerbildes, wie sie die Porträtkunst schon des Quattrocento, vor allem aber auch die nordalpine Porträt-Tradition herausgearbeitet haben, versammelt und gleichsam durch eine ungewöhnliche kompositorische Anordnung in ungewohnt neuer Weise gruppiert.

Weitere Höhepunkte der Ausstellung sind die großen Altarblätter „Die Rosenkranzmadonna" von 1539 aus der Chiesa di San Dominico in Cingoli oder das berühmte Tripelporträt aus Wien (1530). Durch diese exzellente Werkschau Lottos wird der Künstler, der in breiteren Kreisen noch erstaunlich unbekannt ist, eine Würdigung zuteil, die auf eine weitere Beschäftigung mit der Bedeutung des Malers für die italienische Malerei des Cinquecentos und seinen Einfluss auf die Porträtkunst des 17. Jahrhunderts hoffen lässt.

*Nicki Schaepen, 1977 in Hechingen geboren, studierte Kunstgeschichte und neuere Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin und der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und schloss sein Studium mit einer Arbeit über Anton van Dycks Selbstbildnis mit der Sonnenblume ab. Im Jahr 2007 trat er in das Bischöfliche Theologenkonvikt in Tübingen ein, wo er zurzeit seine Priesterausbildung vollendet, in deren Rahmen er sich auch für längere Zeit in Rom aufhielt.