Verliebt, aber in wen? Die Beziehung zwischen Franz und Klara von Assisi

Von P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses

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ROM, 17. November 2007 (ZENIT.org).- Es ist gang und gäbe geworden, von der Freundschaft zwischen Klara und Franz wie von einer Liebesgeschichte zu sprechen. In seinem Essay „Verliebtsein und lieben“ schreibt der Soziologe F. Alberoni: „Die Beziehung zwischen der heiligen Klara und dem heiligen Franziskus hat zwar alle Merkmale des Verliebtseins, jedoch sublimiert und auf Gott übertragen.“



Franziskus mag sehr wohl – wie jeder Mann, auch wenn er ein Heiliger ist – die Anziehungskraft einer Frau und sexuelle Erregung gespürt haben. Die Quellen berichten uns, dass sich der Heilige, um solche Versuchungen zu überwinden, einmal im tiefen Winter im Schnee wälzte.

Aber nicht Klara war das Objekt der Versuchung! Wenn ein Mann und eine Frau in Gott eins sind, so schließt dieses Band, wenn es echt ist, jede Form von erotischer Anziehung ganz ohne Kampf aus. Er und sie sind sozusagen davon „abgeschottet“. Sie leben eine andere Art von Beziehung. Zwischen Klara und Franziskus bestanden sicherlich sehr starke menschliche Bande, aber sie waren väterlicher Natur oder wie die Bande zwischen Bruder und Schwester. Sie verband kein Ehebund, und auch nicht das Band zweier Liebenden. Sie waren wie zwei Bäume, deren Laub sich berührt, deren Wurzeln aber getrennt sind.

Das außergewöhnlich tiefe gegenseitige Verständnis bei Franziskus und Klara, wies es in den Legenden über den heiligen Franz so stark hervortritt, kommt nicht aus „Fleisch und Blut“ – wie bei Eloise und Abelard oder Dante und Beatrice (um zwei ebenso berühmte Beispiele zu nennen). Wenn es so gewesen wäre, hätte das wohl eine Spur in der Literatur hinterlassen, aber nicht in der Heiligengeschichte. Mit einem der wohlbekannten Worte, die Goethe prägte, könnten wir die Freundschaft zwischen Franziskus und Klara „Wahlverwandtschaft“ nennen. Allerdings nur, wenn wir unter „Wahl“ nicht das verstehen, was man bei Menschen sagt, die einander gewählt haben, sondern bei solchen, die dieselbe Wahl getroffen haben.

Antoine de Saint-Exupéry schreibt: „Liebe bedeutet nicht, einander anzuschauen, sondern gemeinsam in dieselbe Richtung zu blicken.“ Klara und Franziskus haben ihr ganzes Leben wahrhaftig nicht damit verbracht, einander anzuschauen und sich miteinander wohl zu fühlen. Sie wechselten nur ganz wenige Worte miteinander, möglicherweise nur jene, von denen die Quellen berichten. Es herrschte eine ungeheure Reserviertheit zwischen ihnen. Sie war so stark, dass der Heilige manchmal von seinen Mitbrüdern liebevoll gescholten wurde, weil er gegenüber Klara zu schroff war.

Erst am Ende seines Lebens erkennen wir, wie diese Schroffheit in der Beziehung weicher wird und Franziskus seine „kleine Pflanze“ immer häufiger besucht, um bei ihr Trost und Stärkung zu finden. Als der Tod näher rückt und ihn Krankheit verzehrt, wird San Damiano sein Refugium, wo er an ihrer Seite den Sonnengesang anstimmt, den Gesang über Bruder Sonne und Schwester Mond, mit dem Lobpreis von „Schwester Wasser“, die „sehr nützlich“ beziehungsweise „demütig, kostbar und rein“ ist, wobei er vielleicht Klara im Sinn hatte.

Anstatt einander anzuschauen, blickten Klara und Franziskus in dieselbe Richtung – und wir wissen, welche Richtung das in ihrem Fall war: Klara und Franziskus waren wie zwei Augen, die immer in dieselbe Richtung schauten. Zwei Augen sind aber nicht einfach zwei Augen; ich meine, nicht einfach ein Auge doppelt genommen. Keines von beiden Augen ist einfach nur ein „zusätzliches“ Auge oder ein „Ersatzauge“. Zwei Augen, die von verschiedenen Winkeln aus auf denselben Gegenstand schauen, geben diesem Gegenstand Tiefe und lassen ihn plastisch erscheinen – damit es uns möglich wird, ihn mit unseren eigenen Augen in den Blick zu nehmen. So verhielt es sich bei Klara und Franziskus.

Sie schauten auf denselben Gott, denselben Herrn Jesus, denselben Gekreuzigten, dieselbe Eucharistie, aber von verschiedenen „Blickwinkeln“ aus, jeder mit den ihm eigenen Gaben und dem ganz besonderen Empfindungsvermögen, wie es eben dem Mann beziehungsweise der Frau zu Eigen ist: mit einer maskulinen und einer femininen Sensibilität. Gemeinsam erkannten sie mehr, als zwei Franziskusse oder zwei Klaras dies hätten tun können.

Vor kurzem wurde ein guter TV-Spielfilm gedreht. Er trägt den Titel „Franziskus und Klara“ und wurde von Fabrizio Costa produziert. Am 6. und 7. Oktober wurde er auf Kanal 1, im ersten Programm des italienischen Fernsehens (RAI Uno) gezeigt. Bald wird er im englischsprachigen Raum zu sehen sein, da er ursprünglich auf Englisch gedreht wurde. In diesem Film gelingt es besser als bei Franco Zeffirellis „Bruder Sonne und Schwester Mond“, dem romantischen Reiz einer menschlichen Liebesgeschichte zu entkommen.

In der Vergangenheit herrschte oft die Tendenz vor, die Persönlichkeit Klaras als zu sehr der des Franziskus untergeordnet darzustellen, gerade so wie eine „Schwester Mond“, die im reflektierten Licht des „Bruder Sonne“ lebt. Das jüngste Beispiel dafür ist John M. Sweeneys Entwurf „Light in the Dark Age: the Friendship of Francis and Clare of Assisi“ („Licht im dunklen Zeitalter: die Freundschaft von Franziskus und Klara von Assisi“).

Um so lobenswerter ist es daher, dass die Autoren des TV-Spielfilms sich entschieden haben, das Leben der beiden in zwei parallel nebeneinander herlaufenden Geschichten darzustellen, die miteinander verwoben sind und sich synchron entfalten, wobei beiden gleichviel Spielzeit eingeräumt wird. Dies ist noch nie zuvor in dieser Form geschehen, und es spiegelt die heutige Gemütslage und das zeitgenössische Bestreben wider, die wichtige Präsenz der Frauen in der Geschichte hervorzuheben. Aber in diesem Fall ist dies kein ideologischer Drall, vielmehr wird die Wirklichkeit getreu wiedergegeben.

Was mir bei der Vor-Aufführung des Films „Franziskus und Klara“ am meisten auffiel, war die symbolische Eröffnungsszene: Franziskus geht durch eine Wiese, Klara folgt ihm. Fast spielerisch setzt sie ihre Füße in seine Spuren. Da fragt er sie: „Folgst du meinen Fußstapfen?“ Sie erwidert strahlend: „Nein, viel tieferen.“

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]