Verliebt in das Wort Gottes: Papst Benedikt XVI.

Der Papst hinterlässt ein großes Erbe an Bibelmeditationen

Rom, (ZENIT.org) Quique Fernández | 1141 klicks

Benedikt XVI. wird in die Geschichte eingehen als der erste Papst der Neuzeit, der zurücktrat – ob auch der einzige, wissen wir nicht. Trotzdem wollen wir uns einmal auf etwas ganz anderes konzentrieren: auf sein großes Format als Bibelausleger; auf die vielen Meditationen, die er uns hinterlässt, und für die wir ihm sehr dankbar sind.

Papstmotto

Das Motto, das Benedikt. XVI. wählte und am Tag seiner Papstwahl, am 19. April 2005 bekanntmachte, besagt viel über seine Absichten und über die seelsorgerische Arbeit, die er im Laufe seines Pontifikats geleistet hat: „Cooperatores veritatis“, Mitarbeiter der Wahrheit, entnommen aus dem Dritten Johannesbrief, Vers 8: „Darum sind wir verpflichtet, solche Männer aufzunehmen, damit auch wir zu Mitarbeitern für die Wahrheit werden.“

Deus caritas est

Es dauerte nicht lange, bis der Papst seine erste Enzyklika schrieb: „Deus caritas est“ (Gott ist Liebe). Unterschrieben am 25. Dezember 2005, wurde sie am 25. Januar 2006 veröffentlicht. Sie beginnt mit einem Bibelzitat, auf das die erste der zahlreichen Meditationen folgt, die das geistige Erbe dieses Papstes bilden:

„‚Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm‘ (1 Joh 4, 16). In diesen Worten aus dem Ersten Johannesbriefist die Mitte des christlichen Glaubens, das christliche Gottesbild und auch das daraus folgende Bild des Menschen und seines Weges in einzigartiger Klarheit ausgesprochen. Außerdem gibt uns Johannes in demselben Vers auch sozusagen eine Formel der christlichen Existenz: ‚Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr geglaubt‘.“

Diese Enzyklika enthält sehr interessante Überlegungen über das Neue des biblischen Glaubens. Als Beispiel können wir einen Auszug des neunten Absatzes der Enzyklika lesen:

„Da ist zunächst das neue Gottesbild. In den Kulturen, die die Welt der Bibel umgeben, bleibt das Bild von Gott und den Göttern letztlich undeutlich und widersprüchlich. Im Weg des biblischen Glaubens wird hingegen immer klarer und eindeutiger, was das Grundgebet Israels, das ‚Schema‘in die Worte fasst: ,Höre, Israel, der Herr, unser Gott, der Herr ist nur einer‘ (Dtn 6, 4).“

Spe Salvi

Seine zweite Enzyklika, „Spe Salvi“, wurde am 30. November 2007 unterschrieben und veröffentlicht. Sie beginnt ebenfalls mit einem Bibelzitat:

„SPE SALVI facti sumus – auf Hoffnung hin sind wir gerettet, sagt Paulus den Römern und uns (Röm 8, 24).“

Das ganze Schreiben entfaltet dann das Thema der engen Verbindung zwischen Glauben und Hoffnung. Dabei hält es sich wieder eng an die Bibel:

„Bevor wir diesen unseren heutigen Fragen nachgehen, müssen wir noch etwas genauer auf das Zeugnis der Bibel über die Hoffnung hinhören. Hoffnung ist in der Tat ein Zentralwort des biblischen Glaubens; so sehr, dass die Wörter Glaube und Hoffnung an verschiedenen Stellen als austauschbar erscheinen. So verbindet derBrief an die Hebräerdie ‚Fülle des Glaubens‘ (10, 22) und ‚das unwandelbare Bekenntnis der Hoffnung‘ (10, 23) ganz eng miteinander. Auch wenn derErste Petrusbrief die Christen dazu auffordert, jederzeit zur Antwort bereit zu sein über den Logos – den Sinn und Grund – ihrer Hoffnung (vgl. 3, 15), ist ‚Hoffnung‘ gleichbedeutend mit ‚Glaube‘.“

Verbum Domini

Aber logischerweise kommt die biblische Spiritualität des Papstes in seinem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Verbum Domini“ am besten zum Ausdruck. Es wurde im November 2010 veröffentlicht, nach der Bischofssynode von 2008 über das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche.

Schon in den ersten Zeilen erklärt Benedikt XVI., er habe den Prolog des Johannesevangeliums als Leittext für dieses Apostolische Schreiben gewählt. Und er liefert uns auch gleich den Schlüssel zum Verständnis dieses Textes: den Gedanken, dass das Neue der biblischen Offenbarung darin bestehe, dass Gott sich im Dialog zu erkennen gebe, den er mit uns führen möchte. Von diesem Ausgangspunkt beginnend konfrontiert uns der Heilige Vater mit Themen, die nicht leicht zu erläutern sind. Lesen wir, was er über die „dunklen“ Stellen der Bibel schreibt:

„Im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen dem Alten und dem Neuen Testament hat sich die Synode auch mit dem Thema der Bibelstellen auseinandergesetzt, die aufgrund der darin gelegentlich enthaltenen Gewalt und Unsittlichkeit dunkel und schwierig erscheinen. Diesbezüglich muss man sich vor Augen führen, dass die biblische Offenbarung tief in der Geschichte verwurzelt ist. Der Plan Gottes wird darin allmählich offenbar und wird erst langsam etappenweise umgesetzt, trotz des Widerstands der Menschen. Gott erwählt ein Volk und erzieht es mit Geduld. Die Offenbarung passt sich dem kulturellen und sittlichen Niveau weit zurückliegender Zeiten an und berichtet daher von Tatsachen und Bräuchen wie zum Beispiel Betrugsmanövern, Gewalttaten, Völkermord, ohne deren Unsittlichkeit ausdrücklich anzuprangern. Das lässt sich aus dem historischen Umfeld heraus erklären, kann jedoch den modernen Leser überraschen, vor allem dann, wenn man die vielen ‚dunklen‘ Seiten menschlichen Verhaltens vergisst, die es in allen Jahrhunderten immer gegeben hat, auch in unseren Tagen. Im Alten Testament erheben die Propheten kraftvoll ihre Stimme gegen jede Art von kollektiver oder individueller Ungerechtigkeit und Gewalt. Dadurch erzieht Gott sein Volk in Vorbereitung auf das Evangelium.“

Der Papst nimmt es hier nicht nur mit einem Thema auf, das in früheren Zeiten, und in manchen Kreisen auch heute noch, als Tabu gilt; er fordert uns sogar alle auf, uns mit diesem Thema auseinanderzusetzen:

„Es wäre daher falsch, jene Abschnitte der Schrift, die uns problematisch erscheinen, nicht zu berücksichtigen. Vielmehr muss man sich bewusst sein, dass die Auslegung dieser Stellen den Erwerb entsprechender Fachkenntnisse voraussetzt, mittels einer Ausbildung, die die Texte in ihrem literarischen und geschichtlichen Zusammenhang und in christlicher Perspektive liest, deren endgültiger hermeneutischer Schlüssel ‚das Evangelium und das neue Gebot Jesu Christi ist, das im Ostergeheimnis Erfüllung gefunden hat‘. Ich fordere daher die Theologen und die Seelsorger auf, allen Gläubigen zu helfen, auch an diese Stellen heranzugehen, und zwar durch eine Lesart, die ihre Bedeutung im Licht des Geheimnisses Christi offenbar werden lässt.“

Ein weiteres heikles Thema ist das der fundamentalistischen Auslegung der Heiligen Schrift. Damit hatte sich schon die Päpstliche Bibelkommission in ihrem Schreiben „Die Interpretation der Bibel in der Kirche“ auseinandergesetzt, das 1993 erschien und dessen Vorwort vom damaligen Kardinal Joseph Ratzinger verfasst wurde. In „Verbum Domini“ schreibt Benedikt XVI.:

„In diesem Zusammenhang möchte ich die Aufmerksamkeit vor allem auf jene Lesarten richten, die das wahre Wesen des heiligen Textes missachten, indem sie subjektivistische und willkürliche Interpretationen unterstützen. Die von der fundamentalistischen Lesart befürwortete ‚Wörtlichkeit‘ ist nämlich in Wirklichkeit ein Verrat sowohl am wörtlichen als auch am geistlichen Sinn, indem sie den Weg für Instrumentalisierungen verschiedener Art öffnet, zum Beispiel durch die Verbreitung kirchenfeindlicher Auslegungen der Schrift selbst. Der problematische Aspekt ‚dieses fundamentalistischen Umgangs mit der Heiligen Schrift liegt darin, dass er den geschichtlichen Charakter der biblischen Offenbarung ablehnt und daher unfähig wird, die Wahrheit der Menschwerdung selbst voll anzunehmen. Für den Fundamentalismus ist die enge Verbindung zwischen Göttlichem und Menschlichem in der Beziehung zu Gott ein Ärgernis. … Er hat deshalb die Tendenz, den biblischen Text so zu behandeln, als ob er vom Heiligen Geist wortwörtlich diktiert worden wäre. Er sieht nicht, dass das Wort Gottes in einer Sprache und in einem Stil formuliert worden ist, die durch die jeweilige Epoche der Texte bedingt sind.“

Aber die unter uns, die sich mit der Lesung der Bibel in der Pastoral befassen, sind ihm für folgende Worte besonders dankbar:

„Auf dieser Linie hat die Synode zu einem besonderen pastoralen Einsatz aufgefordert, um die zentrale Stellung des Wortes Gottes im kirchlichen Leben deutlich werden zu lassen, und empfohlen, die ‚biblische Pastoral nicht neben anderen Formen der Pastoral, sondern als Seele der ganzen Pastoral zu fördern.‘ Es geht also nicht darum, in der Pfarrei oder in der Diözese noch weitere Begegnungen hinzuzufügen, sondern es muss sichergestellt werden, dass in den gewohnten Aktivitäten der christlichen Gemeinden, in den Pfarreien, in den Verbänden und in den Bewegungen wirklich das Herzensanliegen die persönliche Begegnung mit Christus ist, der sich uns in seinem Wort mitteilt.“

Auch an anderer Stelle konfrontierte Benedikt XVI. uns mit dem Themen der biblischen Bildung aller Christen, der „Lectio Divina“ als hohe Form des Gebets und der engen Beziehung zwischen Wort Gottes und sozialer Gerechtigkeit.

Und wenn wir noch seine Schriften aus der Zeit vor seiner Papstwahl berücksichtigen oder seine Trilogie über Jesus von Nazareth in diese Betrachtung mit einbeziehen wollten, dann wäre es schon gar nicht mehr möglich, sich in einem kurzen Artikel einen Überblick über die Vielfalt der biblischen Themen zu verschaffen, die Benedikt XVI. im Verlauf seines Lebens behandelt hat.

Wir wollen Gott danken für das Erbe, das er uns hinterlässt, für die Freiheit seines Geistes, für seine Konsequenz, für seine Liebe zu Christus, zum Wort Gottes und zur Kirche, und für das Zeugnis, das er für uns alle abgelegt hat.

Vielen Dank, Heiliger Vater!

*Quique Fernández ist Koordinador der Schule für Bibelanimation in Barcelona. Fragen und Kommentare an: bibliaypastoral@gmail.com