Verliebt in eine Romanfigur?

Filmrezension: Ruby Sparks, Meine fabelhafte Freundin

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Von Dr. phil. José García*

BERLIN, 23. November 2012 (ZENIT.org/textezumfilm). - Mit zwanzig Jahren gelang Calvin Weir-Fields (Paul Dano) ein Kultroman. Zehn Jahre später leidet der neurotische Autor jedoch unter einer Schreibblockade. Dies ändert sich erst, als er einen Ratschlag seines Psychiaters befolgt und über das Mädchen zu schreiben anfängt, von dem er träumt. Calvin nennt sie Ruby Sparks (Zoe Kazan). Auf einmal beginnt er, wie ein Berserker über Ruby und seine Beziehung zu ihr zu schreiben, so dass binnen kurzem der Roman über Ruby vollendet ist. Just in dem Moment, als er den Roman zum Verleger bringen will, steht Ruby leibhaftig in Calvins Küche, und behauptet, seine Freundin zu sein. Natürlich glaubt Calvin zunächst an eine Halluzination oder an Einbildung. Allerdings muss er bald feststellen, dass nicht nur er, sondern auch andere Menschen einschließlich seines Bruders Harry (Chris Messina) Ruby sehen und hören können.

Die Vermischung der Erzählebene mit der „Wirklichkeit“ kommt nicht nur im Theater (Luigi Pirandellos „Sechs Personen suchen einen Autor“, 1921), sondern auch im Kino vor. In Woody Allens „The Purple Rose of Cairo“ (1985) steigt die Hauptfigur eines Films von der Leinwand herunter. Indem „The Purple Rose of Cairo“ zwischen den beiden Erzählebenen – dem Film, der auf der Leinwand vorgeführt wird, und dem, den der Zuschauer sieht – hin- und herpendelt, reflektiert er über das Kino als Ort der Sehnsüchte, des mittelbaren Lebens. Marc Forsters „Schräger als Fiktion“ („Stranger than Fiction“, 2006) erzählt von einem unscheinbaren Angestellten, der eines Tages die Stimme einer allwissenden Erzählerin hört, die sein Leben beschreibt. Dadurch gelingt es dem Film, das Verhältnis zwischen Wahrheit und Fiktion in den Mittelpunkt zu stellen. „Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin“ wendet dieses Stilmittel in einem anderen Genre, in einer romantischen Komödie an. Das von Ruby-Darstellerin Zoe Kazan verfasste Drehbuch stellt tief greifende Fragen, etwa nach Vorherbestimmung und Freiheit. Denn Ruby kann nur das tun, was Calvin auf seiner Schreibmaschine tippt. Stellte sich Marc Forsters „Schräger als Fiktion“ als Metapher heraus, inwieweit der Einzelne in sein vermeintlich vorherbestimmtes Schicksal selbst eingreifen kann, so werden diese Fragen hier jedoch unter den Vorzeichen einer Liebesgeschichte behandelt: Kann es als Liebe bezeichnet werden, wenn Ruby nicht anders kann, als Calvin zu lieben?

Das Regisseurpaar Valerie Faris und Jonathan Dayton, dem im Jahre 2006 mit „Little Miss Sunshine“ ein Film über eine zwar reichlich „schräge“, aber dank ihres Zusammenhalts starke Familie gelungen war, tappt zunächst einmal nicht in die Falle, aus dieser Versuchsanordnung seichtes Kapital zu schlagen. Als etwa Harry feststellt, dass Calvin Ruby nach seinen eigenen Vorstellungen formen kann, schlägt er einige „kosmetische“ Veränderungen vor. Calvin kommt es jedoch nicht darauf an, Ruby als perfekte Schönheit zu zeichnen. Er möchte sie jedoch so „schreiben“, wie er sie sich erträumt hatte. Stellt sich „Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin“ zunächst als innerhalb des Genres durchaus originell heraus, so scheinen Drehbuchautorin Zoe Kazan im weiteren Verlauf der Handlung die Ideen auszugehen. Ein Besuch bei Calvins Mutter (Annette Bening) und deren neuem Lebensgefährten (Antonio Banderas) steht mit dem restlichen Film kaum in Verbindung, als hätten Valerie Faris und Jonathan Dayton damit lediglich die Formel der „schrägen Familie“ aus „Little Miss Sunshine“ einfach wiederholen wollen. Die aufgekratzten Charaktere lenken indes von der Handlung eher ab, als dass sie ihr irgendetwas hinzufügen würden.

Obwohl Ruby die theoretisch idealen Eigenschaften besitzt, erweist sich das Leben mit einem erfundenen Menschen nicht gerade als einfach. Calvin greift immer wieder zur Schreibmaschine, um Rubys Charakter zu verändern, womit er allerdings die Situation immer mehr verschlimmert. Was zunächst als ein Kommentar zur ewigen Unzufriedenheit des Intellektuellen verstanden werden könnte, den das perfekte Glück einfach nur unglücklich macht, verbraucht sich jedoch schnell. Das Drehbuch-Problem von „Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin“ besteht nicht in der Vermischung der zwei Erzählebenen oder in der Suche nach einer vernünftigen Interpretation für ein unerklärliches Phänomen. In „The Purple Rose of Cairo“ liefert Woody Allen eine entwaffnende Erklärung für den Filmcharakter, der in die Wirklichkeit tritt: „Die wirklichen Menschen wollen, dass ihr Leben eine Fiktion ist, und die erfundenen, dass ihr Leben Realität wird“. Marc Forster liegt es genauso wenig daran, für „Schräger als Fiktion“ eine realistische Auflösung zu finden. Das gekünstelte Happy End im Film von Valerie Faris und Jonathan Dayton nimmt sich jedoch alles andere als stimmig aus. Die Formel von „Little Miss Sunshine“ ist diesmal trotz der interessanten ersten Filmhälfte nicht aufgegangen.

*Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.