Versöhnung eine Jahrhundertaufgabe

Katholiken und Orthodoxe in Russland: Ein Blick in den Alltag

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ROM, 18. Juli 2012 (ZENIT.org/KIN). - Die Musik ist ohrenbetäubend vor den Mauern des Kreml. Dröhnendes Gehämmer und aggressive, sexistische Bilder vor dem Mausoleum Lenins. Dann eine Klangpause und plötzlich Schüsse auf dem Roten Platz. Geknatter aus Spielpistolen und Plastik-Kalaschnikows: In einem großen Zelt sind Hindernisse aufgebaut wie in einem Killerspiel und Halbwüchsige „schießen“ sich einen Weg hindurch. Am Rand des Platzes ertönen in einer Kirche Gesänge zur Vesper. Während die jungen Leute das Ende des Schuljahres wie auf einer Kirmes feiern, beten und singen vorwiegend ältere Menschen hundert Meter weiter. Der Kontrast im Herzen Moskaus zeigt wie in einem Brennglas das Russland von heute: Killerspiel und Litanei, Zerstreuung und Sammlung, freizügige Bilder und züchtige Kopftücher, Knallerei und Gebete auf dem Roten Platz.

Der Kontrast lebt nicht nur in der Hauptstadt, er ist Teil des Systems. Armut zeigt sich in Moskau und Sankt Petersburg nur von Ferne, ahnungsvoll in riesigen Wohnwabenkomplexen. Aber schon einige Kilometer außerhalb Moskaus enden Straßen in Pisten, die durch Alleen von Holzhäusern führen. Auch das reiche, glänzende Sankt Petersburg mit den goldenen Kuppeln und wuchtigen Bauten, mit der Ermitage und prachtvollen Kathedralen, hat seine Armenküchen. Der Malteser Hilfsdienst versorgt in einem verwinkelten Hinterhof auf engem Raum täglich drei- bis vierhundert Menschen mit einer warmen Mahlzeit. Aufgeräumte Gesichter, saubere Bänke und Tische – hier spüren die Armen die Wärme praktisch gelebten Christentums. „Von der Erfahrung der Wohltätigkeitsorganisationen der Katholiken, von ihrem Umgang mit sozialen Fragen können wir lernen“, sagt der Rektor des orthodoxen Seminars in Sankt Petersburg, Vikarbischof Amvrosij von Gatschina. In den neuen sozialen Fragen stecken in der Tat große Herausforderungen für die orthodoxe Kirche in Russland. Man hat angefangen, sie systematisch anzugehen. Seminaristen kümmern sich um Behinderte und Arme, sie besuchen Häftlinge in Gefängnissen. Auch Fragen von Ehe und Familie sollen im Curriculum der Ausbildung einen Platz finden. „Fast vier von fünf Familien zerbrechen“, schätzt Bischof Ambrosius. Ein wachsendes soziales Problem sind alleinerziehende Mütter.

Noch ist man mit der Bewältigung der Vergangenheit befasst. Seit der Wende hat die russisch-orthodoxe Kirche rund 25.000 Kirchen neu gebaut oder eingeweiht und 800 Klöster neu eröffnet. Sie hat 15 theologische Fakultäten eingerichtet und im Bildungssystem dem Fach Religion einen neuen Platz erobert. Hunderttausende Erwachsene wurden getauft, die Kirchen sind gut besucht. Aber für viele sei eine kirchliche Hochzeit nur eine schöne Feier, Hochzeiten wurden zur Mode-Erscheinung. Der Boom ist vorbei, „die postchristliche Ära kommt, die Säkularisierung ist da, sie wird vor den Kirchentoren nicht halt machen“, sagt Bischof Amvrosij und für solche Voraussicht braucht man keine prophetischen Fähigkeiten. Schon jetzt seien die Folgen des Materialismus und des Konsumismus spürbar. Einsatz für das Leben der Ungeborenen, Familienpastoral, eheliche Liebe und Treue – die Erwartungen an die Kirche in Russland sind immens. Der junge Vikarbischof ist ein ungewöhnlich offener, der Welt zugewandter Mann. Für ihn ist klar: Bei all diesen Fragen kann man von der katholischen Kirche, „von ihrer Erfahrung und ihrem Know how viel lernen“. Er ist dankbar für den Besuch der Delegation des katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“. Mit der Stiftung päpstlichen Rechts verbindet er jahrelange, gute Zusammenarbeit auf vielen Feldern der Pastoral.

Eine ähnliche Offenheit und Bereitschaft zur Kooperation ist auch beim Metropoliten Ilarion (Alfejev), Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats der russisch-orthodoxen Kirche, anzutreffen. Er spricht von einer „strategischen Allianz“ mit der katholischen Kirche. Zwar werde die „eucharistische Einheit“ noch lange auf sich warten lassen, aber schon heute könne man gemeinsam handeln. Auch er zeigt sich jüngst bei einem Treffen mit dem geschäftsführenden Präsidenten von Kirche in Not, Johannes von Heereman, dankbar für die Hilfe in schwierigen Zeiten und für die vielen Mühen auf dem langen Weg zur Einheit. Es sind immer nur kleine Zeichen, die da gesetzt werden können – auf beiden Seiten. Papst Benedikt etwa hat als ökumenische Geste gegenüber der Orthodoxie auf den päpstlichen Titel eines „Patriarchen des Abendlandes“ verzichtet, nach 1500 Jahren. Der Verzicht auf diesen Titel bedeutet eine Aufwertung der Kollegialität innerhalb der Westkirchen und das wiederum passt in die Gesamtstruktur einer künftig versöhnten Kirche. Inhaltlich sind die Kirchen in Ost und West kaum getrennt. Sie haben die gleichen Sakramente, nur andere Riten. Was trennt, sind die unterschiedliche Sicht auf den Primat des Bischofs von Rom und Defizite im gegenseitigen Vertrauen.

Auch auf orthodoxer Seite beginnt man, das Misstrauen abzubauen und so genannte vertrauensbildende Maßnahmen in Angriff zu nehmen. Noch als Professor hatte Benedikt XVI. in den sechziger Jahren eine Einführung in das Christentum geschrieben, und die Einleitung in dem Buch war so knapp wie klar: „Credo. Amen“. Dieses Buch ist vielfach neu aufgelegt und in etliche Sprachen übersetzt worden. Auch ins Russische, und das Vorwort schrieb niemand anders als Metropolit Kyrill, heute Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche. Ein katholisches Buch, wie es nicht päpstlicher sein kann, in Russisch für Russland und mit einem Vorwort des orthodoxen Patriarchats. Derselbe Kyrill schrieb zusammen mit dem damaligen Patriarchen Alexej II. auch einen Glückwunsch an das Hilfswerk „Kirche in Not“, in dem beide zum 60. Geburtstag gratulierten – mit einem ausgesprochen herzlichen Gruß und dem Wunsch nach weiterer Zusammenarbeit „unter gleichen Brüdern“.

Das sind sicher nur kleine Mosaiksteine in einem großen Gemälde der Geschichte. Aber sie reichen aus, um der Hoffnung auf Versöhnung eine skizzenhafte Gestalt zu verleihen. Die Versöhnung ist eine Jahrhundertaufgabe. Geradezu symbolisch steht dafür ein marianischer Schwester-Orden für die Einheit, gegründet von der Seligen Boleslawa-Maria Lament vor gut hundert Jahren, dessen Aufgabe es war und ist, die Wiedervereinigung der orthodoxen und katholischen Kirchen durch Gebet und Werke zu fördern. Das taten die „Lamentinerinnen“ vor allem in Sankt Petersburg. Sie betrieben Bildungs- und Erziehungsaufgaben. Schulen und Jugendarbeit – hier werden auch heute die Mosaiksteine des alltäglichen Miteinanders geformt. Erzbischof Paolo Pezzi, der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz in Russland, ist zuversichtlich. Er bezeichnet die Beziehungen zur russisch-orthodoxen Kirche als „wohlwollend“. Man sei in der Situation einer „Minderheitenkirche“ in Russland und es werde eben wohlwollend akzeptiert, dass die Katholiken sich um ihre Herde kümmerten, dass sie ihre pastoralen Dienste entwickele, dass man gemeinsam Zeugnis gebe für die christlichen Werte in einer von Materialismus geprägten Umwelt. Man spüre den Willen, „gemeinsam zu zeigen, dass das Christentum die Gesellschaft bereichert“. Rund 400 Priester versorgen etwa 600.000 Katholiken in vier Diözesen mit riesigen Ausmaßen. Die Diözese von Irkutsk in Sibirien ist flächenmäßig die größte der Welt, in ihr leben 50.000 Katholiken. Die Kirche in Russland ist arm, überall kämpft man juristisch um die Rückgabe von Gebäuden, was in einem System, das kein Eigentum kannte, naturgemäß schwierig ist.

Die Orthodoxen sehen natürlich nicht nur die wenigen Katholiken in Russland, sondern hinter ihnen Rom. Eine Begegnung zwischen Papst und Patriarch wird immer wieder ins Gespräch gebracht. Hinter vorgehaltener Hand spricht man schon darüber und dass sie auf neutralem Boden stattfinden werde. Wahrscheinlich wird es noch eine Zeitlang dauern, aber die Bewegung zu diesem Ziel ist nicht mehr zu verkennen. Solch eine Begegnung war ein Herzenswunsch des 2005 gestorbenen Vorgängers von Papst Benedikt gewesen. Aber Johannes Paul II. war Pole und auch wenn auf diesem Niveau Nationalitäten keine Rolle spielen sollten, für eine in der Politik so verflochtene Kirche wie die orthodoxe wäre auch das ein Signal gewesen – das sie nicht geben wollte. Mit dem deutschen Papst haben sich die Zeiten geändert. Man hat in Moskau auch sehr genau registriert, wen der Papst in Regensburg bei seiner berühmten Vorlesung zitierte: Einen Kaiser aus Byzanz, der sich der muslimischen Anstürme gegen Konstantinopel zu erwehren hatte – für feinsinnige Russen ein Zeichen der Gemeinsamkeit. Immerhin sei, so schätzen Kenner der Szene, ein gutes Drittel der Bevölkerung in Moskau, also etwa vier Millionen Menschen, muslimisch. Sie kommen aus Mittelasien, dem Kaukasus, hätten mehr Kinder als die Russen und seien gegenüber der Säkularisierung weniger empfänglich. Gemessen an der recht dürftigen Gemeinsamkeit mit ihnen herrscht zwischen Katholiken und Orthodoxen große Eintracht.