„Versöhnung muss mit Glauben zu tun haben“. Erzbischof Ntamwana hofft auf Frieden in Burundi

Von Karl-Georg Michel

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WÜRZBURG, 29. Oktober 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- In einer einzigen Nacht haben sie die Familie seines Bruders Laurent ausgelöscht. „Zwölf Personen in einem Haus, nur zwei sind geblieben, die schwer verletzt worden sind.“ Da ist er plötzlich wieder ganz nah, der schreckliche Bürgerkrieg in Burundi. Mögen die Waffen zwischen Hutus und Tutsis seit 2003 offiziell schweigen: Die Jahre des Blutvergießens, hunderttausende getötete Menschen haben im Gedächtnis der Burundi tiefe Furchen hinterlassen, bis in die einzelnen Familien hinein.



Auch in der von Simon Ntamwana, dessen Bruder Laurent heute nicht mehr ist. Der Erzbischof von Gitega im Herzen Burundis setzt dennoch auf Versöhnung und Wiedergutmachung. Er weiß, die Zeit dafür ist nicht bestimmbar. Spricht von zwei, drei Jahrhunderten, bis die Herzen der Burundi Versöhnung finden. Von einem aber ist Erzbischof Simon überzeugt: „Versöhnung muss auch mit unserem Glauben zu tun haben“.

Burundi ist ein sehr gläubiges, ein sehr katholisches Land. Nicht nur viele Kinder tragen Rosenkränze aus Plastik oder die Wunderbare Medaille um den Hals. Zwischen 65 und 70 Prozent der Bevölkerung seien katholisch, erzählt Simon Ntamwana. „Wir erreichen jeden Sonntag fünfeinhalb Millionen Menschen“. Aber dass die Gewalt dann „plötzlich explodiert“ ist, konnte die Kirche nicht verhindern. „Es war für mich das Unvorstellbarste“, sagt der Erzbischof in perfektem Deutsch und leichtem französischem Akzent. Wobei er kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um die Schuldigen dessen geht, was der Kirchenmann ein „Gefühl von Genozid“ und einen „Völkermord“ nennt: die Politiker. Egal ob Tutsis oder Hutus, die Führenden im Lande hätten seit der Unabhängigkeit im Jahr 1962 so gehandelt, dass sie nur eines wollten: den anderen ausrotten.

Nicht nur in seiner eigenen Familie hat der Krieg blutige Spuren hinterlassen, auch in der Kirche. „Ich habe mehrere Priester verloren. Ich habe gesehen, wie die Infrastrukturen unserer Kirche zerstört wurden“, erzählt der Erzbischof. Und davon, wie der Krieg am 9. September 1996 an einer staubigen Sandpiste mitten im Busch seinen schockierenden Höhepunkt gefunden hat. Erst ein paar Tage später haben sie den Leichnam seines Vorgängers Erzbischof Joachim Ruhuna gefunden – von Kugeln durchsiebt. Gerade wird an der Stelle, wo das alles passiert ist, ein Mahnmal gebaut.

„Ich kann nicht sagen, dass ich in Gefahr bin“, meint Erzbischof Ntamwana. Geradezu beschwichtigend klingt das. Vor ein paar Jahren noch, zum Jahreswechsel 2003/2004, hatte ihn die Hutu-Rebellenbewegung der Nationalen Befreiungsfront (FNL) ultimativ aufgefordert, das Land zu verlassen. Zu deutlich hatte Bischof Simon zuvor seine Stimme erhoben und die Rebellen einer anderen Bluttat bezichtigt: Am Abend des 29. Dezember 2003 war der Apostolische Nuntius, Erzbischof Michael Courtney, ermordet worden. Allzu deutlich hatte daraufhin Bischof Simon die Schuldigen bei der FNL gesucht.

Überrascht habe die Bischöfe die Ermordung ihrer beiden Mitbrüder nicht, weiß Ntamwana. „Aber sie hat uns ratlos gelassen“ – und die Kirchenmänner an ihre Verantwortung für Gewaltlosigkeit und Frieden erinnert. Bischof Simon wird dabei nachdenklich. Denn er weiß um die Versäumnisse der Christen. Auch die Katholiken Burundis haben getötet und „die Gewalt laufen lassen“, gesteht der Erzbischof ein. „Wir müssen die Kirche als eine Kirche mit diesem Sitz im Leben betrachten.“ Eine Situation, mit der er sich nicht abfinden will. Bischof Simon, Anfang 60, wirkt in seiner weißen Soutane wie ein Vater, der sich um seine Kinder sorgt. „Wir müssen die Menschen führen, dass sie aufeinander zurückkommen in einem Prozess der Versöhnung“. Deshalb hat er 1998 eine religiöse Gemeinschaft gegründet. „Neues Leben für die Versöhnung“ heißt sie.

Dem Werk gehören Laien ebenso an wie Schwestern und Priester. „Wenn zwei sich versöhnen, ist Gott dabei und der Teufel fliegt raus“, singt eine Gruppe von Novizinnen in hellblauen Gewändern. Sie tanzen. Immer wieder recken sie ihre Arme nach oben. Die strahlend weißen Zähne ihrer lachenden Gesichter bilden einen hellen Kontrast zu ihrer dunklen Hautfarbe. Wie der weiße Verband, den Adele um ihren rechten Unterarm gewickelt hat. Auch sie, die ehemalige Lehrerin, ist ein Opfer des Krieges. Während des Tanzes hält sie sich im Hintergrund. Aber wenn sie ihren Arm nach oben streckt, wird klar: Der Verband soll ein Verbrechen verbergen: Adele hat keine rechte Hand mehr, sie wurde ihr bei einem Überfall abgehackt.

Die Frau, Anfang Fünfzig, muss Schlimmes erlebt haben. Dennoch hat sie öffentlich ein Zeichen der Versöhnung gesetzt. Die Täter sollten wieder freigelassen werden. Landesweit wurde ihre Forderung im Rundfunk übertragen. Das meint Erzbischof Simon, wenn er hofft, das Volk werde den Völkermord anerkennen und zu reparieren versuchen. Das „Neue Leben für die Versöhnung“ wolle dazu beitragen, den Menschen, Opfern wie Tätern, ein neues Leben zu ermöglichen. Ntamwana geht es dabei vor allem um die Wahrheit. Sie müsse bekannt werden, die Täter müssten ihre Schuld bekennen und sie auch wieder gutzumachen versuchen. „Versöhnung im christlichen Sinne besteht nicht darin, dass man vergisst“, ist er überzeugt, „sondern darin, dass man vergibt.“

Bis es soweit ist, haben die Menschen noch einen langen Weg vor sich. „Die meisten Burundi haben Familienmitglieder verloren. Ab und zu wurde eine ganze Familie ausgerottet“. Erzbischof Simon weiß, wovon er spricht. Auch er hat im Krieg eine Familie verloren – die seines Bruders Laurent.

Das Erzbistum Gitega und die Diözese Eichstätt sind seit Jahren partnerschaftlich verbunden. Simon Ntamwana wird morgen in Eichstätt Konzelebrant während der Gottesdienstes zum Abschluss des Monats der Weltmission sein. Seine Arbeit wird vom Internationalen Katholischen Hilfswerk Missio unterstützt.

[© Die Tagespost vom 27. Oktober 2007]