"Versuch der Zurückdrängung der sozialistischen Weltanschauung"

DDR-Diplomaten sahen Botschaft des Papstes als gefährlich an

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Michaela Koller

BERLIN, 6. November 2009 (ZENIT.org).-Unbestritten ist zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer der Beitrag Papst Johannes Pauls II. zum Zusammenbruch des Ostblocks. „Alles, was in den letzten Jahren in Osteuropa geschehen ist, wäre ohne diesen Papst nicht möglich gewesen", schrieb Michail Gorbatschow, ehemals Präsident der Sowjetunion in seinen Memoiren bereits in den neunziger Jahren. Die politische Sprengkraft, die in der Botschaft des Papstes von den unveräußerlichen Menschenrechten lag, erkannten DDR-Diplomaten aber schon im Monat seiner ersten Polenreise, wie aus ZENIT vorliegenden Dokumenten hervorgeht. Und diese hielten sein Auftreten für höchst gefährlich.

Akten des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA) belegen, wie sehr die Herrschenden im Ostblock Angst vor der Macht des päpstlichen Wortes hatten. In einer Information der DDR-Botschaft in Rom vom 26. Juni 1979 an die Politische Abteilung des MfAA schrieb Botschaftsrat Grund: „Während Johannes XXIII. und Paul VI. des bestimmenden Akzent auf die Erhaltung des Friedens und die Warnung vor der Gefahr einer atomaren Katastrophe als Voraussetzung für die Entwicklung der Menschen setzten, dominieren bei Johannes Paul II. die „Menschenrechte" als spezifische individuelle Rechte der Freiheit." Das gab dem DDR-Diplomaten Anlass zur Sorge um sein irdisches Wohl im kommunistischen Machtbereich, denn er schlussfolgerte:

„Zwar nicht völlig identisch mit der militant antikommunistischen Linie Carter - Brzezinski, ergänzt sie diese jedoch und ist durch letztere ausnutzbar. Ihre teilweise religiöse Verbrämtheit und Nuanciertheit sowie ihre nach äußerer Form und Anschein geringere Aggressivität nehmen ihr nichts von ihrer Gefährlichkeit. Sie dient eindeutig der Aktivierung des Einflusses der katholischen Kirche und der theologischen Auseinandersetzung mit dem Marxismus-Leninismus, gepaart mit dem Versuch der „Aufweichung" bzw. Zurückdrängung der sozialistischen Weltanschauung."

In dem Schreiben heißt es weiter, die Hauptlinien der päpstlichen Ostpolitik kamen in Reden und Schriften zu bestimmten Anlässen zum Ausdruck, wie zum Beispiel anläßlich seines ersten Besuchs in Polen vom 2. bis 10. Juni 1979. In der Tat erlebte ihn damals ein Viertel der polnischen Bevölkerung. Die Pastoralreise wurde zu einer politischen Kundgebung. Die kommunistischen Analysten spitzten die Ohren. In einem Bericht an das Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED und ZK-Sekretärs für Sicherheit, Paul Verner, wurden „ideologische Aussagen von Papst Johannes Paul II während seiner Reise in die VR Polen" gesammelt. Zum Verhältnis von Staat und Kirche wird dieser mit den Worten zitiert, die „hierarchische Ordnung der Kirche" sei „Stütze für das ganze Leben der Bevölkerung, für die ihrer Rechte auf Existenz bewusste Nation".

Solche Worte, das sahen die DDR-Politstrategen glasklar, stärkten die Position der Kirche im polnischen Staat. Der Boden für die Saat Papst Johannes Pauls II. war schon fruchtbar, weil sich im gesamten Ostblock bereits einige Jahre zuvor Helsinki-Gruppen gebildet hatten, die erstmals die Kräfte des zivilen Widerstands bündelten, wie Politikwissenschaftler heute einhellig bestätigen. In Polen entstanden Bündnisse zwischen Intellektuellen, Arbeitern und katholischen Laien und Priestern. Konservativ-nationale und kirchliche Kräfte sammelten sich in der Bewegung zum Schutz der Menschen- und Bürgerrechte, ROPCiO abgekürzt genannt, die neben dem Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) die wichtigste Sammlung von Bürger- und Menschenrechtlern war. Die ROPCiO legte den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Beobachtung der Menschenrechtsverletzungen.

Wie die sowjetische Führungsmacht ließ es auch das Regime in Polen auf eine Eskalation ankommen, was in der Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 und in der Ermordung des Warschauer Priesters Jerzy Popieluszko am 19. 10. 1984 gipfelte. Elf Tage später wurde sein Leichnam in einem Stausee gefunden. Rund 250.000 Menschen begleiteten daraufhin seine Beisetzung in Warschau. Der Priester war grausam zu Tode gefoltert worden. Er hatte sich nicht gescheut, in seinen Briefen und Predigten offen die Menschenrechtsverletzungen in seiner Heimat anzuprangern. Nach der Ermordung gründete sich in Polen ein „Bürgerkomitee gegen Gewalt". Die Glaubwürdigkeit der damaligen Machthaber erodierte weiter. Popieluszkos Blutzeugnis trug auch zum Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft bei, und letztlich zum Fall der Mauer, die Deutsche von Deutschen trennte.