Verteidiger des Rechtsstaates: Johannes Paul II. und der Schutz des menschlichen Lebens

Zum dreißigsten Jahrestag der Papstwahl von Karol Wojtyla

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Von Professor Manfred Spieker



WÜRZBURG, 15. Oktober 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Am 25. Juli 1978, knapp drei Monate, bevor Johannes Paul II. sein Pontifikat begann, wurde in Großbritannien Louise Joy Brown geboren. Sie war der erste, von den Forschern Patrick Steptoe und Robert Edwards künstlich erzeugte Mensch. Damit begann die Ära der Assistierten Reproduktion. Mit ihren Methoden, der In-Vitro-Fertilisation und der 1992 eingeführten Intracytoplasmatischen Spermieninjektion wurde seitdem mehr als eine Million Menschen geboren. Allein in Deutschland, wo diese Ära 1982 begann, waren es bis 2006 etwa 120.000.

Die Assistierte Reproduktion ist die Voraussetzung für alle modernen Probleme der Bioethik, die Kryokonservierung von Embryonen, die Präimplantationsdiagnostik, das Klonen und die embryonale Stammzellforschung, die 1998 mit der Isolierung embryonaler Stammzellen durch James Thompson begann. Den mit der Assistierten Reproduktion verbundenen Herausforderungen stellte sich Johannes Paul II. ebenso wie den klassischen Problemen der Bioethik, die es gibt, seit Menschen existieren: Abtreibung und Euthanasie. Im Jahrzehnt vor Beginn seines Pontifikats war die Abtreibung in zahlreichen Staaten legalisiert worden und im letzen Jahrzehnt seines Pontifikats kam, vor allem in den Niederlanden und in Belgien, die Legalisierung der Euthanasie hinzu.

Gegen die Selbstzerstörung der Demokratien

Es ist müßig, darüber zu diskutieren, welche Grundzüge das Pontifikat Johannes Pauls II. am meisten charakterisieren: Ein roter Faden bleibt der Schutz des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod. Schon in seiner ersten Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen am 2. Oktober 1979, ein Jahr nach seinem Amtsantritt, berührte er dieses Problem. „An der Sorge für das Kind noch vor seiner Geburt, vom ersten Augenblick seiner Empfängnis an, und dann in den Jahren der Kindheit und der Jugendzeit erkennt man zuerst und grundlegend das Verhältnis des Menschen zum Menschen.“ Im Lebensschutz sieht Johannes Paul II. deshalb die zentrale Legitimitätsbedingung einer rechtsstaatlichen Demokratie. Mit seinem Kampf gegen die Kultur des Todes versuchte er eine Selbstzerstörung der Demokratien zu verhindern.

Mit diesem Kampf hat Johannes Paul II. aber auch die Agenda der christlichen Gesellschaftslehre verändert. Dass die Problematik des Lebensschutzes nicht auf der Agenda der katholischen Soziallehre stand, war verständlich, solange die Rechts- und Verfassungsordnungen der zivilisierten Staaten die Menschenrechte geschützt und Abtreibung und Euthanasie verboten haben. Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts aber hat sich dies grundlegend geändert. Mit der Lockerung beziehungsweise Aufhebung des Abtreibungs- und Euthanasieverbotes und der Legalisierung der embryonalen Stammzellforschung sind die zentralen Legitimitätsbedingungen des demokratischen Rechtsstaates in Frage gestellt worden: das Verbot privater Gewaltanwendung und der Tötung unschuldiger Menschen. Dieses Verbot, seine eigenen Interessen mit Gewalt durchzusetzen und um dieser Interessen willen einen Unschuldigen zu töten, hat den Rechtsstaat konstituiert. Wenn im Abtreibungsstrafrecht das Selbstbestimmungsrecht der Schwangeren über das Lebensrecht des Kindes gestellt, mithin privater Gewalt zur Konfliktlösung der Weg geebnet wird, wenn im Reproduktionsmedizinrecht die Forschungsfreiheit, die reproduktiven Rechte des Menschen und die „Ethik des Heilens“ über das Lebensrecht des Embryos gestellt werden, dann hebt sich der Rechtsstaat selbst auf.

Johannes Paul II. hat diese Entwicklung als „Kultur des Todes“ kritisiert. Entscheidungen, die früher einstimmig als Verbrechen betrachtet wurden, würden nun nicht nur toleriert, sondern für rechtmäßig erklärt und vom staatlichen Gesundheitssystem bezahlt. Darin komme nicht nur ein schwerer moralischer Verfall, sondern die „Struktur der Sünde“ zum Ausdruck, die zu einer irreparablen Schädigung des Gemeinwohls und einer „Kultur des Todes“ führe. „Kultur des Todes“ ist ein sperriger Begriff. „Kultur des Todes“ meint ein Verhalten einerseits und gesellschaftliche sowie rechtliche Strukturen andererseits, die bestrebt sind, das Töten gesellschaftsfähig zu machen, indem es als medizinische Dienstleistung und als Sozialhilfe getarnt und mit dem Mantel der Legalität umkleidet wird. Die „Kultur des Todes“ will das Töten vom Fluch des Verbrechens befreien. Dazu bedarf sie des Gesetzgebers, mithin der politischen Entscheidungsträger in den Parteien und letztlich aller Bürger, die – zumindest in den Demokratien – diese Entscheidungs-träger bestimmen. Die „Kultur des Todes“ ist somit nicht nur ein Angriff auf einzelne Menschen, die der Gefahr der Abtreibung, der Euthanasie oder der embryonalen Stammzellforschung ausgesetzt sind, sondern ein Gift für die rechtsstaatliche Demokratie. Wenn sich die Kirche dieser Entwicklung in den Weg stellt, will sie lediglich einen humanen Staat fördern, der die Verteidigung der Grundrechte der menschlichen Person, besonders der schwächsten, als seine vorrangige Pflicht anerkennt.

Der Schutz des Lebens beginnt mit dem Kampf gegen die Abtreibung. An der Verwerflichkeit einer Abtreibung hat, so Johannes Paul II. in „Evangelium Vitae“, die Kirche seit ihren Anfängen vor 2.000 Jahren, nie einen Zweifel gelassen. Die direkte und absichtliche Tötung eines unschuldigen Menschen sei niemals erlaubt, auch dann nicht, wenn die Entscheidung für die Abtreibung von der Mutter nicht aus rein egoistischen Motiven getroffen wird, wenn sie „einen dramatischen und schmerzlichen Charakter“ annimmt oder unter dem Druck des Vaters des Kindes, des weiteren Familien- oder Freundeskreises, der Ärzte oder der Gesellschaft erfolgt.

Im Kampf gegen die Abtreibung hat Johannes Paul II. aber nicht nur die Schwangeren im Auge, so sehr sie die Letztverantwortung für die Abtreibung tragen. Er erinnert auch den Gesetzgeber und die Einrichtungen des Gesundheitswesens, die pharmazeutische Industrie sowie die Beratungsdienste und immer wieder seine bischöflichen Mitbrüder an ihre Verantwortung, und er fragt nach den Ursachen für die starke Verbreitung der Abtreibungsmentalität in den 1970er Jahren. Er spricht Gesetzen, die Abtreibung zulassen, jede Rechtsverbindlichkeit ab. Sie enthielten nicht nur keine Verpflichtung für das Gewissen, sondern im Gegenteil die schwere und klare Verpflichtung, sich ihnen mit Hilfe des Einspruchs aus Gewissensgründen zu widersetzen. Die Glaubenskongregation hatte schon 1987 in ihrer Instruktion über die Achtung vor dem beginnenden menschlichen Leben und die Würde der Fortpflanzung „Donum Vitae“ auf die Gefährdung des Rechtsstaates durch solche Gesetze hingewiesen: „In dem Augenblick, in dem ein positives Gesetz eine Kategorie von Menschen des Schutzes beraubt, den die zivile Gesetzgebung ihnen gewähren muss, leugnet der Staat die Gleichheit aller vor dem Gesetz. Wenn die Staatsmacht sich nicht in den Dienst der Rechte jedes Bürgers stellt und in besonderer Weise dessen, der am schwächsten ist, dann werden die Grundmauern des Rechtsstaates untergraben“. Die Frage nach der Legitimität einer Rechtsordnung beantwortet Johannes Paul II. mit der Tradition der ganzen Kirche aus einer naturrechtlichen Perspektive. Das staatliche Gesetz könne nur Legitimität, das heißt den Gesetzesgehorsam der Bürger beanspruchen, wenn es mit dem Sittengesetz übereinstimmt.

Welche Erwartungen Johannes Paul II. an christliche Politiker im Hinblick auf die Abtreibungsgesetzgebung hat, hat er in zahlreichen Ansprachen an Politiker jener Länder, die Abtreibung legalisiert haben, deutlich gemacht, so auch gegenüber Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei dessen Abschiedsbesuch im Vatikan am 3. März 1994: „Die Debatte über den Lebensschutz kann bisweilen auch bei christlichen Politikern die Angst vor dem klaren Wort des Widerspruchs mit sich bringen, wenn der Eindruck entsteht, eine demokratische Mehrheit sei für die Tötung bedrohten und schutzbedürftigen, ungeborenen oder sterbenskranken menschlichen Lebens. Der Verlust vorgegebener Wertmaßstäbe kann niemals ein Schweigen des Politikers rechtfertigen, der sich Gott gegenüber für die Menschen und die sittliche Ordnung verantwortlich weiß. Die Klugheit des in der politischen Verantwortung Stehenden zeigt sich in dem Maß, in dem er einer vermeintlich applaudierenden Mehrheit auch dann entgegenzutreten in der Lage ist, wenn es um die Grundwerte menschlicher Kultur geht. Gerade in Grenzfragen des Lebens, in denen nicht mehr unbedingt ein gesellschaftlicher Konsens besteht, muss bisweilen ein unbequemes Wort gesprochen werden“. Das unbequeme Wort, das Johannes Paul II. von einem verfassungstreuen Politiker erwartete, hat er selbst nicht gescheut.

In seinem Zeugnis für das Evangelium des Lebens war er bereit, unbequem zu sein – nicht nur für Politiker, sondern auch für Bischöfe, insbesondere für die Mehrheit der deutschen Bischöfe, die sich nach der Reform des Abtreibungsstrafrechts 1995 an der nachweispflichtigen Schwangerschaftskonfliktberatung beteiligte. Vier Jahre lang hat Johannes Paul II. mit ihnen gerungen, ehe er im Oktober 1999 schließlich unter Inanspruchnahme seiner lehramtlichen Autorität die Anweisung erteilt, die Ausstellung des Beratungsscheines zu beenden und sich auf die nicht nachweispflichtige Schwangerschaftskonfliktberatung zu beschränken.

Nie nur Lehrer und Mahner, sondern Hirte und Seelsorger

Aber Johannes Paul II. war in seinem Kampf gegen die Abtreibung nie nur Lehrer und strenger Mahner, sondern immer auch Hirte und Seelsorger. Ein starkes Dokument dieser Facette seines Zeugnisses für das Evangelium des Lebens ist die Ziffer 99 der Enzyklika „Evangelium Vitae“, in der er sich an jene Frauen wendet, die abgetrieben haben: „Einen besonderen Gedanken möchte ich euch, den Frauen, vorbehalten, die sich für eine Abtreibung entschieden haben. Die Kirche weiß, wie viele Bedingtheiten auf eure Entscheidung Einfluss genommen haben können, und sie bezweifelt nicht, dass es sich in vielen Fällen um eine leidvolle, vielleicht dramatische Entscheidung gehandelt hat. Die Wunde in eurem Herzen ist wahrscheinlich noch nicht vernarbt. Was geschehen ist, war und bleibt in der Tat zutiefst unrecht. Lasst euch jedoch nicht von Mutlosigkeit ergreifen und gebt die Hoffnung nicht auf. Sucht vielmehr das Geschehene zu verstehen und interpretiert es in seiner Wahrheit. Falls ihr es noch nicht getan habt, öffnet euch voll Demut und Vertrauen der Reue: Der Vater allen Erbarmens erwartet auch euch, um euch im Sakrament der Versöhnung seine Vergebung und seinen Frieden anzubieten? Mit Hilfe des Rates und der Nähe befreundeter und zuständiger Menschen werdet ihr mit eurem erlittenen Zeugnis unter den beredtesten Verfechterinnen des Rechts aller auf Leben sein können. Durch euren Einsatz für das Leben, der eventuell von der Geburt neuer Geschöpfe gekrönt und mit der Aufnahme und Aufmerksamkeit gegenüber dem ausgeübt wird, der der Nähe am meisten bedarf, werdet ihr eine neue Betrachtungsweise des menschlichen Lebens schaffen.“

Johannes Pauls II. Kampf gegen die Kultur des Todes gilt der Euthanasie nicht weniger als der Abtreibung. Beide werden vom II. Vatikanum eine „Schande“ genannt, die die menschliche Kultur zersetzt. Johannes Paul II. nennt die Euthanasie „eines der alarmierendsten Symptome der Kultur des Todes“, die vor allem in den Wohlstandsgesellschaften um sich greife, „die von einem Leistungsdenken gekennzeichnet sind, das die wachsende Zahl alter und geschwächter Menschen als zu belastend und unerträglich erscheinen lässt“. Die Euthanasie ist wie die Beihilfe zum Selbstmord ein Verbrechen, das nie geduldet werden kann – auch dann nicht, wenn es dem Fehlurteil entspringt, eine Hilfe für den Leidenden zu sein.

Andererseits verlangt die Kirche keine lebensverlängernden Maßnahmen um jeden Preis, auch keinen therapeutischen Übereifer. Johannes Paul II. zeigt, dass indirekte und passive Sterbehilfe nicht in jedem Fall sittlich verwerflich sind. Ihre Legitimität hängt von der Intention des Helfers ab. Beendet der Helfer bei der passiven Sterbehilfe belastende lebensverlängernde Maßnahmen, weil sie in keinem Verhältnis zum erhofften Ertrag stehen oder nimmt er bei der indirekten Sterbehilfe in einer palliativmedizinischen Behandlung lebensverkürzende Nebenwirkungen in Kauf, macht er sich nicht schuldig. In der umstrittenen Frage, ob die künstliche Nahrungszufuhr bei einem Wachkomapatienten zur medizinischen Therapie gehört, die im Sterbeprozess eingestellt werden darf, oder zur Basispflege des Patienten, die nie eingestellt werden darf, hat Johannes Paul II. klar Stellung bezogen. Sie gehöre, erklärte er anlässlich eines Kongresses der Päpstlichen Akademie für das Leben am 20. März 2004 zur Basispflege: Die Verabreichung von Wasser und Nahrung, auch wenn sie auf künstlichen Wegen geschieht, ist „immer ein natürliches Mittel der Lebenserhaltung und keine medizinische Handlung. Ihre Anwendung ist deshalb prinzipiell als normal und angemessen und damit als moralisch verpflichtend zu betrachten“.

Die modernen Probleme des Lebensschutzes – Kryokonservierung von Embryonen oder Vorkernstadien, Präimplantationsdiagnostik, Klonen und die Forschung mit embryonalen Stammzellen – sind als Folge der Assistierten Reproduktion erst während des Pontifikats Johannes Pauls II. entstanden. Johannes Paul II. ist keinem dieser Probleme ausgewichen. Seit 1978 ist die Assistierte Reproduktion eine Herausforderung. Mit der ersten erfolgreichen Isolierung humaner embryonaler Stammzellen 1998 ist die Herausforderung noch größer geworden, weil sie nicht mehr nur die Reproduktionsmedizin, sondern als embryonale Stammzellforschung die gesamte Medizin betrifft. Mit ihren Verheißungen neuer Therapien für bisher unheilbare Erkrankungen gefällt sich diese Forschung darin, die Ethik des Lebensschutzes gegen eine „Ethik des Heilens“ auszuspielen.

In der Instruktion „Donum Vitae“ über die Achtung vor dem beginnenden menschlichen Leben und die Würde der Fortpflanzung vom 10. März 1987 hat die Glaubenskongregation die Assistierte Reproduktion zum einen aus der Perspektive der Eheleute oder Paare geprüft, die mittels In-Vitro-Fertilisation Eltern eines Kindes werden wollen, und zum anderen aus der Perspektive des Kindes, das auf diese Weise erzeugt wird. Die Glaubenskongregation kommt aus beiden Perspektiven zu einer Ablehnung der Assistierten Reproduktion. Sie verteidigt den ehelichen Geschlechtsakt in seiner leib-seelischen Einheit als den einzig legitimen Ort, der der menschlichen Fortpflanzung würdig ist. Mit dem ehelichen Geschlechtsakt verteidigt „Donum Vitae“ zugleich die Würde des Kindes. Das Kind habe ein Recht, die Frucht des spezifischen Aktes der ehelichen Hingabe seiner Eltern zu sein. Die Pflichten der Eltern im Hinblick auf ihr Kind beginnen deshalb nicht erst mit der Geburt oder der Nidation, sondern bereits mit der Zeugung. Das Kind hat ein Recht, sein Leben als Person aufgrund einer menschenwürdigen Empfängnis zu beginnen, mithin nicht als zertifiziertes Laborprodukt ins Leben zu treten. Die Assistierte Reproduktion widerspricht deshalb der Würde und der Gleichheit, die Eltern und Kindern gemeinsam sein muss.

Kultur des Todes ist nicht unabwendbar

Doch auch dann, wenn ein Kind durch künstliche Befruchtung ins Leben tritt, hat es von Anfang an die gleichen Rechte wie jedes andere Kind. „Von Anfang an“ – das gilt nicht nur für den Embryo in der Gebärmutter, sondern auch für den Embryo im Labor. Daraus folgt die Pflicht des Staates, den Embryo zu schützen – auch vor seiner Implantation in eine Gebärmutter. Johannes Paul II. hat wiederholt unterstrichen, dass das menschliche Leben in jedem Augenblick seiner Existenz, auch in jenem Anfangsstadium, das der Geburt vorausgeht, heilig und unantastbar ist. Deshalb müsse die sittliche Bewertung der Abtreibung auch auf die neuen Formen des Eingriffs in menschliche Embryonen angewandt werden, die unvermeidlich mit der Tötung des Embryos verbunden sind.

In der Logik dieser Lehre liegt es, dass alle an die Assistierte Reproduktion anknüpfenden Entwicklungen, wie die embryonale Stammzellforschung, die Präimplantationsdiagnostik und das Klonen, für die Kirche moralisch verwerflich sind, da sie alle mit der Tötung beziehungsweise Selektion von Embryonen verbunden sind. Der Zweck kann nie die Mittel heiligen. Wenn das Gebot, Kranke zu heilen, mit dem Verbot, Unschuldige zu töten, kollidiert, hat immer das Tötungsverbot den Vorrang. Keine Therapie, und sei sie noch so phantastisch, kann es rechtfertigen, einen unschuldigen Embryo, und sei er noch so chancenlos im Hinblick auf den Transfer in eine Gebärmutter, zu töten.

Der Einsatz Johannes Pauls II. für den Schutz des Lebens bleibt eindrucksvoll, auch wenn die praktischen Auswirkungen auf die Gesetzgebung jener Staaten, die Abtreibung, Euthanasie und embryonale Stammzellforschung legalisiert haben, gering sind. Die legislativen Auswirkungen sind gering, aber nicht Null. Es gibt Staaten, in denen die Kultur des Todes zurückgedrängt wurde. Die Zunahme des Pro-Life-Lagers gegenüber dem Pro-Choice-Lager, der Rückgang der Abtreibungen seit 1990 um rund ein Drittel und das vom Supreme Court bestätigte Verbot der Partial-Birth-Abortion in den USA, die Reform des Reproduktionsmedizinrechts und das gescheiterte Referendum gegen diese Reform in Italien, die Restriktionen im Abtreibungsstrafrecht in Polen und das konsequente Lebensschutzrecht in Irland, Malta und Nicaragua zeigen, dass die Kultur des Todes kein unabwendbares Schicksal ist. In allen diesen Ländern hat die katholische Kirche bei der Verteidigung des Lebensrechts eine nachhaltige Rolle gespielt. In allen hat sich der Episkopat – zumindest in seiner großen Mehrheit – das Zeugnis Johannes Pauls II. für die Kultur des Lebens zu Eigen gemacht. „Evangelium Vitae“ ist das Vermächtnis dieses Zeugnisses. Diese Enzyklika zeigt Johannes Paul II. nicht nur als Lehrer und Hirten der Kirche, sondern auch als Verteidiger des Rechtsstaates.

[Prof. Dr. Manfred Spieker unterrichtet Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück; © Die Tagespost vom 14. Oktober 2008]