"Vertrauen ist die Grundwährung des menschlichen Zusammenlebens"

Europa-Rede von Erzbischof Zollitsch in Brüssel

Bonn, (DBK PM) | 312 klicks

Zu einem mutigen Bekenntnis für Europa und die Europäische Union hat heute der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, in Brüssel aufgerufen. „Die Europäische Einigung braucht den Dialog und die Begegnung der Menschen. Sie lebt vom Vertrauen. Denn Vertrauen ist der Anfang von allem“, sagte Erzbischof Zollitsch anlässlich des Jahresempfangs des Katholischen Büros Berlin und des Brüsseler Büros der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). 

In Europa gehe es darum, neues Vertrauen zu entwickeln, das gelte auch für viele andere Institutionen: „Es muss uns Sorgen bereiten, wenn das gesellschaftliche Vertrauen zurückgeht. Verschiedene gesellschaftliche Institutionen kämpfen in den vergangenen Jahren mit dem Vertrauensverlust der Menschen. Das betrifft Politiker, Parteien und politische Institutionen; das betrifft Gewerkschaften und Verbände, das betrifft auch die Kirchen und uns als ihre Repräsentanten. Vertrauen ist die Grundwährung unseres menschlichen Zusammenlebens“, so Zollitsch. Gleichzeitig warnte er davor, „im Lamento stecken zu bleiben“, und forderte ein Gegensteuern, um sich den Herausforderungen aktiv zu stellen: „Deshalb sind wir auch als Kirche herausgefordert, das Vertrauen zu erneuern und neues Vertrauen aufzubauen, indem wir den Menschen unserer Tage vertrauen und ihnen etwas zutrauen.“ 

In seiner Rede würdigte Erzbischof Zollitsch die friedensstiftende und versöhnende Rolle der Europäischen Union. Viele Versprechen der Union seien eingelöst worden, dazu gehörten das Versprechen von Friede und Freiheit, des Wohlstands und der Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Allerdings schränkte Zollitsch ein: „Trotz dieser positiven Zwischenbilanz gibt es heute vielfältige Anfragen an die Verheißungen Europas. So erfolgreich sich die Vision des vereinten Europas auch durchsetzen konnte: Es kommen Zweifel an den Versprechen der Europäischen Einigung auf.“ Besonders deutlich werde das im Verhältnis der europäischen Völker untereinander: „Das Schüren von Vorurteilen und die Bedienung nationaler Stereotypen sind nicht nur unfruchtbar, sondern entzweien die Völker. Mich schmerzt sehr, dass solche Entwicklungen in den vergangenen Monaten und Jahren der Krise in Europa deutlich zugenommen haben. Sie zerbrechen Vertrauen, das mühsam aufgebaut worden ist und das wir innerhalb Europas dringend brauchen.“ Noch prekärer sei die Situation an den Außengrenzen der Union. Dort gehe es oft um Leben und Tod. „Wir alle stehen noch unter dem Schock der Katastrophe vor Lampedusa, bei der unzählige Flüchtlinge den Tod gefunden haben. Papst Franziskus hatte im Sommer bei seinem Besuch auf der Insel die fortgesetzte Gleichgültigkeit beklagt, mit der die europäische Öffentlichkeit auf die wiederkehrenden Unglücksfälle reagiert. Vielleicht dürfen wir hoffen, dass es wenigstens damit jetzt vorbei ist und in den europäischen Ländern eine Neubesinnung einsetzt“, so Zollitsch. 

Dazu zähle auch der verbesserte Einsatz für die junge Generation in Europa: „Wir dürfen nicht zulassen, dass ganze Generationen, insbesondere junger Menschen, in ihren wirtschaftlich notleidenden Herkunftsstaaten ohne Arbeit und – noch schlimmer – ohne Perspektive sind. Die europäische Jugendinitiative ist ein erster, zu begrüßender Schritt, sich der Jugendarbeitslosigkeit in Europa anzunehmen; doch müssen mehr und weitere Schritte folgen“, sagte Erzbischof Zollitsch. Ausdrücklich dankte der Erzbischof den politisch engagierten Bürgern in Europa und warb für mehr Vertrauen: „Es braucht Vertrauen in die europäischen Partner und in die jeweils anderen europäischen Völker und Staaten. Aber auch die europäischen Institutionen brauchen das Vertrauen der Bürger. Ebenso verdienen die Amtsträger in der Europäischen Union sowie die Kandidatinnen und Kandidaten für das neu zu wählende Europäische Parlament unser Vertrauen. Gleichzeitig ist auch die Bestätigung dieses Vertrauens erforderlich, um immer wieder neu Vertrauen gewinnen zu können. Dazu bedarf es einer stärkeren Verbindlichkeit auf Seiten der Europäischen Union. Neues Vertrauen wird umso mehr gewonnen, je mehr sich die Europäer auch darauf verlassen können, dass in Europa Beschlüsse eingehalten werden.“ Gerade die Europawahl im kommenden Jahr biete die Gelegenheit, das Vertrauen der europäischen Bürger in die Entscheidungen auf europäischer Ebene zu stärken: „Dafür wäre es sicher hilfreich, wenn bei dieser Europawahl europäische Themen im Zentrum des Wahlkampfs stünden und den EU-Bürgern ihre Entscheidungsalternativen auf europäischer Ebene vor Auge geführt würden“, so Zollitsch. 

Um die Legitimität der Europäischen Union zu stärken, sei es notwendig, die Verbindlichkeit in Europa zu erhöhen. Erzbischof Zollitsch: „Dazu gehört sowohl der Einsatz für den europäischen Zusammenhalt auf der einen Seite als auch der Eigenbeitrag der Mitgliedstaaten auf der anderen Seite. In diesem Sinne ist das europäische Versöhnungs- und Einigungswerk stets aufs Neue auf unseren aktiven Einsatz angewiesen, den aktiven Einsatz möglichst Vieler in ihrem jeweiligen Umfeld und Verantwortungsbereich.“ 

Hinweis:

Die Ansprache von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch beim Jahresempfang des Katholischen Büros Berlin und des Brüsseler Büros der EKD finden Sie nach Ablauf der Sperrfrist zum Herunterladen unter www.dbk.de.