"Vertraut auf die Kraft des Kreuzes Christi!" - Für Frieden und Versöhnung

Predigt von Papst Franziskus in der Kathedrale von Myeong-dong

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 653 klicks

Heute morgen um 9.45 Uhr (2.45 Uhr MESZ) feierte Papst Franziskus in der Kathedrale von Myeong-dong, die der heiligen Jungfrau Maria geweiht ist, eine Versöhnungsmesse. Die koreanischen Bischöfe zelebrierten die Messe gemeinsam mit dem Papst.

Um 9.35 Uhr traf die Präsidentin der Republik Korea, Park Geun-hye, in der Kathedrale ein. Um 9.37 Uhr war der Papst zum Einzug in die Kathedrale bereit, die er um 9.39 Uhr über den Vorplatz vor dem Kurienpalast betrat.

Die Kathedrale war bis auf den letzten Platz besetzt. Um 2.40 MESZ Uhr betrat Papst Franziskus die Kathedrale, während die versammelten Gläubigen den Introitus sangen.

Papst Franziskus verlas die Predigt in italienischer Sprache, die im Wechsel ins Koreanische übersetzt wurde. Er begann seine Predigt mit einer Danksagung an „Gott für den reichen Segen, den er diesem geschätzten Land – und in besonderer Weise der Kirche in Korea – geschenkt hat.“

Besonders beeindruckt habe ihn die so zahlreiche Anwesenheit junger Pilger: „Ihre Liebe zu Jesus und ihre Begeisterung für die Verbreitung seines Reiches waren für uns alle inspirierend.“

Die Messfeier, so der Papst, bilde den Gipfel der Reise, „in der wir von Gott die Gnade des Friedens und der Versöhnung erflehen.“ Der Papst betonte, dass insbesondere auf der koreanischen Halbinsel das Thema „Versöhnung“ besonders wichtig sei: „Die heutige Messe ist in erster Linie ein Gebet um Versöhnung innerhalb der koreanischen Familie. Im Evangelium sagt Jesus uns, wie mächtig unser Gebet ist, wenn zwei oder drei von uns gemeinsam etwas erbitten (Mt 18,19-20). Wie viel mehr, wenn ein ganzes Volk seine innige Bitte zum Himmel erhebt!“

Anschließend ging der Heilige Vater auf die erste Lesung ein, die uns „die Verheißung Gottes vorstellt, ein durch Unheil und Spaltung zerstreutes Volk wieder zu Einheit und Wohlstand zu führen. Für uns wie für das Volk Israel ist dies eine Verheißung voller Hoffnung: Sie weist auf eine Zukunft hin, die Gott schon jetzt für uns vorbereitet.“

Der Heilige Vater mahnte: „Gottes Gaben der Versöhnung, der Einheit und des Friedens sind unlösbar verbunden mit der Gnade der Umkehr, mit einem Wandel des Herzens, der den Lauf unseres Lebens und unserer Geschichte als Einzelne und als Volk verändern kann.“

Papst Franziskus stellte im folgenden den Bezug zur Geschichte Koreas her: „In dieser Messe hören wir diese Verheißung natürlich im Kontext der geschichtlichen Erfahrung des koreanischen Volkes, einer Erfahrung der Teilung und des Konflikts, die schon über sechzig Jahre andauert.“ Die Gläubigen in Korea sollten sich aufgefordert fühlen, „die Qualität ihres eigenen Beitrags zum Aufbau einer wirklich gerechten und menschlichen Gesellschaft zu überprüfen. Er fordert jeden von euch auf, über das Maß nachzudenken, in dem ihr – als Einzelne und als Gemeinschaften – ein am Evangelium ausgerichtetes Interesse zeigt für die Benachteiligten, die an den Rand Gedrängten, die Arbeitslosen und die, welche keinen Anteil an dem Wohlstand der vielen haben. Und er fordert euch als Christen und Koreaner auf, entschieden eine Mentalität zu verwerfen, die durch Argwohn, Konfrontation und Konkurrenzdenken geformt ist, und statt dessen eine Kultur zu entwickeln, die von der Lehre des Evangeliums und den edelsten traditionellen Werten des koreanischen Volkes geprägt ist.“

In diesem Zusammenhang sprach der Papst auch das Thema der Vergebung an und warf die Frage auf, wie oft man vergeben müsse (vgl. Mt 18,21-11). „Diese Worte treffen den eigentlichen Kern der Botschaft Jesu von Versöhnung und Frieden.“ Nur wer zur Vergebung bereits sei, könne ehrlich für Frieden und Versöhnung beten.

Die Menschen müssten dem Beispiel Jesu folgen: „Jesus verlangt von uns zu glauben, dass Vergebung die Tür ist, die zu Versöhnung führt. Indem er uns befiehlt, unseren Mitmenschen uneingeschränkt zu vergeben, fordert er uns auf, etwas absolut Radikales zu tun, doch er schenkt uns auch die Gnade, es zu vollbringen. Was aus menschlicher Sicht unmöglich, undurchführbar und manchmal sogar abstoßend erscheint, macht er möglich und fruchtbar durch die unendliche Kraft seines Kreuzes. Das Kreuz Christi offenbart Gottes Macht, jede Teilung zu überbrücken, jede Wunde zu heilen und die ursprünglichen Bande brüderlicher Liebe wieder herzustellen.“

Als Botschaft zum Abschluss seines Besuches in Korea hinterlässt Papst Franziskus den Gläubigen: „Vertraut auf die Kraft des Kreuzes Christi! Empfangt seine versöhnende Gnade in euren eigenen Herzen und teilt diese Gnade mit anderen! Ich bitte euch, zu Hause, in euren Gemeinden und auf allen Ebenen nationalen Lebens ein überzeugendes Zeugnis für Christi Botschaft von der Vergebung abzulegen. Ich bin zuversichtlich, dass ihr im Geist der Freundschaft und der Zusammenarbeit mit anderen Christen, mit den Anhängern anderer Religionen und mit allen Menschen guten Willens, denen die Zukunft der koreanischen Gesellschaft am Herzen liegt, ein Sauerteig des Gottesreiches in diesem Land sein werdet. Auf diese Weise werden unsere Gebete um Frieden und Versöhnung aus immer mehr reinen Herzen zu Gott aufsteigen und durch sein gnädiges Geschenk jenes kostbare Gut erlangen, das wir alle ersehnen.“

Der Heilige Vater lud die Gläubigen zum Gebet „um neue Gelegenheiten zum Dialog, zur Begegnung und zur Lösung von Gegensätzen bitten, um anhaltende Großherzigkeit in der Bereitstellung humanitärer Hilfe für die Notleidenden und um ein immer tieferes Erkennen, dass alle Koreaner Brüder und Schwestern sind, Glieder einer Familie, eines Volkes“, ein.

Papst Franziskus dankte anschließend „den zivilen und kirchlichen Behörden und allen, die in irgendeiner Weise zur Durchführung dieses Besuches beigetragen haben“. Seine persönliche Wertschätzung gelte den Priestern in Korea, „die täglich im Dienst für das Evangelium und für den Aufbau des Gottesvolkes in Glaube, Hoffnung und Liebe arbeiten“. Er richtete an sie die Botschaft: „Ich bitte euch, als Gesandte Christi und Diener seiner versöhnenden Liebe (vgl. 2 Kor 5,18-20) weiterhin Brücken der Achtung, des Vertrauens und der harmonischen Zusammenarbeit in euren Pfarreien, untereinander und mit euren Bischöfen zu bauen. Euer Vorbild uneingeschränkter Liebe zum Herrn, eure Treue und Hingabe an euren Dienst und eure liebevolle Sorge für die Notleidenden sind ein bedeutender Beitrag zum Werk der Versöhnung und des Friedens in diesem Land.“

Der Heilige Vater schloss seine Predigt mit den Worten: „Liebe Brüder und Schwestern, Gott ruft uns, zu ihm zurückzukehren und auf seine Stimme zu hören, und er gibt uns die Verheißung, uns im Land in noch größerem Frieden und Wohlstand einzurichten, als unsere Vorfahren es erlebten. Mögen alle, die in Korea Christus nachfolgen, den Anbruch jenes neuen Tages vorbereiten, an dem dieses 'Land der Morgenstille' seine Freude haben wird an Gottes überreichem Segen der Harmonie und des Friedens! Amen.“

Nach der Predigt applaudierten die in der Kathedrale anwesenden Gläubigen.

Während des Vortragens der einzelnen Fürbitten ergriff auch Papst Franziskus das Wort und erklärte die Abwesenheit Kardinal Filonis, der vom Papst alsSondergesandte in den Nordirak entsandt worden war, mit den Worten: „Für Kardinal Fernando Filoni, der unter uns hätte sein müssen, aber nicht hat kommen können, weil er vom Papst zum leidenden Volk im Irak entsandt wurde, um den Verfolgten zu helfen, den Vertriebenen, allen religiösen Minderheiten, die in diesem Land leiden, dass der Herr ihm bei seiner Mission beistehen möge.“

Nach der Eucharistiefeier richtete Kardinal Andrew Yeom Soo-jung, Erzbischof von Seoul, das Wort an den Heiligen Vater, den er begrüßte und dem er dankte. Danach verabschiedeten sich die Bischöfe einzeln von Papst Franziskus. Nach der Verabschiedung begrüßte und segnete der Heilige Vater einzelne Gläubige. Beim Herausschreiten des Papstes brachen die Gläubigen in einen kurzen, begeisterten Applaus aus.