Vertrautheit des treuen Sekretärs Johannes Pauls II.

Interview mit Stanislaw Kardinal Dziwisz

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Von Chiara Santomiero

 

KRAKAU, Freitag, 29. April 2011 (ZENIT.org). -  Stanislaw Kardinal Dziwisz ist Erzbischof von Krakau, aber noch heute bekannt als Sekretär Johannes Pauls II., ein Amt, das er 40 Jahre lang innehatte, seitdem Karol Wojtyla zum Erzbischof dieser Stadt ernannt worden war. In diesem Interview, das auch vollständig von Aleteia abgerufen werden kann, spricht der frühere Sekretär des neuen Seligen über dessen Geheimnis.

 

– Alle, die Johannes Paul II. näher kannten, bezeugen seine außergewöhnliche Fähigkeit, tief im Gebet zu versinken, ist das wahr?

 -- Kardinal Stanislaw Dziwisz: Sie fragen mich: „Wie viele Stunden, wie viele Rosenkränze betete der Papst pro Tag?“ Ich antworte, dass sein ganzes Leben ein Gebet war. Er trug den Rosenkranz immer bei sich, aber vor allem befand er sich immer mit Gott verbunden, er war ein Mensch Gottes, versunken in Gott. Die Menschen wussten auch nicht, dass er immer für die betete, die zu ihm kamen, nach einem Gespräch betete er mit den Menschen, mit denen er gesprochen hatte. Jeden Tag begann er mit einem Gebet, einer Meditation und beendete ihn immer mit einem Segen für seine Stadt: Rom. Immer, als er noch laufen konnte, ging er zum Fenster; am Ende, als er sehr schwach war, bat er „hebt mich hoch“, um Rom noch einmal zu sehen und die Stadt zu segnen. Das war immer die letzte Geste des Tages, die Einwohner Roms zu segnen, seine Diözese.

 – Johannes Paul II. hat während seines Pontifikats mehr Heilige hervorgebracht als alle anderen Päpste zusammengenommen: Warum hielt er es für eine so große Notwendigkeit, die Lebenszeugnisse dieser Menschen vorzulegen?    

-- Kardinal Stanislaw Dziwisz: Er wollte den Willen des Konzils erfüllen. Im Konzil wurde beschlossen, dass alle Prozesse vereinfacht werden sollten, vor allem in Bezug auf die Kandidaten für die Ehre der Altäre in Ländern weit von Rom entfernt, weil man normalerweise zuerst die Kandidaten in Augenschein nahm, die Gründer von Kongregationen waren, Bischöfe, aber vor allem im Umfeld Europas. Der Papst nun sah die Notwendigkeit, auch in den anderen Ländern, die niemals einen Seligen oder Heiligen gehabt hatten, die Möglichkeit zu schaffen, Heilige zu haben, und so den Willen des Konzils zu erfüllen. Die Heiligen sind wichtig für das Leben der Ortskirchen, aber auch für die Völker, sie sind sichere Führer. Wenn das Leben verweltlicher wird, schickt Gott Heilige, um ein Zeichen zu setzen: Wohin gehen wir? In welche Richtung? Der Heilige Vater hat vollkommen den Nutzen – wenn man das so sagen kann –, die Notwendigkeit verstanden, der heutigen Welt Beispiele zu geben. Wenn das Leben weniger heilig wird, kommen die Heiligen. So war es in der Geschichte der Kirche und der Menschheit. Er las die Zeichen der Zeit: Je säkularisierter das Leben, desto notwendiger die Beispiele der Heiligkeit.   

-– Welche Lehre wollte Johannes Paul II. durch sein Leiden der Welt vor Augen führen?

 -- Kardinal Stanislaw Dziwisz: Er hat immer gesagt, dass Gott, Jesus Christus, die Welt gerettet hat, die Welt durch sein Leiden erlöst hat, durch das Kreuz, und dass auch das Kreuz, die Krankheit und das Leid einen Sinn haben. Er hat gezeigt, dass auch das Leid im Leben eines Menschen einen tiefen Sinn hat, und er nahm es an, beklagte sich niemals und verbarg seine Schwachheit, seine Krankheit auch nicht. Er gab den Menschen Kraft, die litten, die krank waren. Als sie den Papst selbst so krank und schwach sahen, aber auch, dass er all das Jesus Christus darbrachte und ebenso der Welt, war das auch ein tiefes Apostolat, das Leiden zu besiegen und zu überwinden. Und auch den Tod zu überwinden. Ich habe gehört und gelesen, dass sein Tod die wichtigste Enzyklika war, die er geschrieben hat, die er durch sein Leben geschrieben hat, bis zum Ende seines Lebens und sogar noch im Tod.

– „Neuevangelisierung“ ist ein Ausdruck, den Johannes Paul II. geprägt hat; jetzt ist ein päpstlicher Rat zu deren Förderung eingerichtet worden und auch das „Zentrum Johannes Paul II.“, das in Krakau entsteht, möchte Antrieb in diese Richtung geben: Was verstehen wir unter „Neuevangelisierung“?

 -- Kardinal Stanislaw Dziwisz: Die „Neuevangelisierung“ ist ein pastorales Programm Johannes Pauls II. Er hat die Notwendigkeit einer „Neuevangelisierung“ nicht nur verkündet, sondern sie auch in die Tat umgesetzt, mit den Jugendlichen und auch, indem er der Welt verschiedene Probleme vorstellte: beispielsweise die Verteidigung des Lebens.  Dem spirituellen Leben einen neuen Anstoß zu geben mit Hilfe der Heiligen Schrift und dem Evangelium. Zu den Wurzeln unseres Glaubens zurückzukehren, weil er sah, dass die Welt sich von den Wurzeln entfernt hat, von der Quelle unseres Glaubens. Zu den Wurzeln zurückzukehren, aber den anderen die Frohe Botschaft zu verkünden, denen  Jesus Christus zu verkünden, die ihn nicht kennen.

– Der Papst liebte sein Land aus tiefem Herzen: Gibt es eine Nachricht, die er insbesondere Polen hinterlässt?

 -- Kardinal Stanislaw Dziwisz: Er war der Hirte der ganzen Kirche. Alles das, was er in Polen gesagt hat, hatte auch für alle anderen einen Wert. Genauso wie alles, was er außerhalb von Polen sagte, auch für Polen von Bedeutung war. Er liebte sein Heimatland, aber er diente der ganzen Kirche und antworte der ganzen Menschheit. Er war ein Mensch, der sein Heimatland liebte, aber nicht verschlossen war, er war kein Nationalist, er war ein sehr offener Mensch, sich seiner Verpflichtungen bewusst, um derentwillen Gott ihn berufen hatte. Natürlich war für die Polen diese Lehre kostbarer, weil sie von einem ihnen sehr nahem Menschen kam, den man liebte und achtete.

–Könnten Sie uns noch eine persönliche Erinnerung anvertrauen?

 -- Kardinal Stanislaw Dziwisz: Ich muss sagen, dass ich ihn von neuem entdecken muss. Ihn entdecken und vielleicht noch mehr lieben. Ein Mensch von großem spirituellem Reichtum, das alles war tief in seinem Inneren. Selten öffnete er sich, aber die Menschen spürten, dass in seinem Inneren etwas existierte. Und heute sehe ich die Notwendigkeit, diese spirituelle und intellektuelle Tiefe zu entdecken. Ich schätzte ihn wie einen Vater, und jetzt schätze ich ihn wie einen Vater und wie einen Seligen.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Anna Christine Finkbeiner]