Viel Lärm um Nichts | Much Ado about Nothing

In Joss Whedons gelungener Adaptation in Schwarz-Weiß stehen die Schauspieler und besonders William Shakespeares Text im Mittelpunkt

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 316 klicks

William Shakespeares Theaterwerke gehören nicht nur zu den am meisten auf der Bühne dargebotenen Stücken überhaupt. Sowohl seine Tragödien wie „Hamlet“, Macbeth“ oder „Romeo und Julia“ als auch einige Komödien wurden darüber hinaus häufig für die Kinoleinwand adaptiert. „Viel Lärm um Nichts“ („Much Ado About Nothing“) verfilmte zuletzt 1993 Kenneth Branagh. Die Adaption des irischen Shakespeare-Spezialisten hielt sich nicht nur treu an den ursprünglichen Text. Außerdem wurde sie in historischen Kulissen und mit Kostümen inszeniert, die an die Frühe Neuzeit erinnerten. Die kongeniale Musik von Patrick Doyle – insbesondere in den Songs „Sigh No More Ladies“ und „Pardon Goddess of the Night“ – zeichnete sich nicht nur durch ihre Eingängigkeit aus. Darüber hinaus passte sich die Filmmusik hervorragend der Inszenierung an. Dennoch zeigte Branaghs „Viel Lärm um Nichts“ einen gewissen Anachronismus darin, dass die Figur des Don Pedro von Aragon vom afroamerikanischen Schauspieler Denzel Washington dargestellt wurde.

Anachronistisch wirkt die neue, nun im regulären Kinoprogramm anlaufende Version der klassischen Shakespeare-Komödie durch den in New York geborenen, in Hollywood arbeitenden Regisseur Joss Whedon in höchstem Maße, weil sie in der Gegenwart und in Kalifornien angesiedelt ist, aber Shakespeares Originalsprache – trotz Kürzungen – konsequent einsetzt. Wohl um diesen Gegensatz abzumildern, hat Regisseur Whedon seinen Film von Kameramann Jay Hunter in Schwarzweiß fotografieren lassen. Zu den visuellen Stilmitteln gehören auch die ebenfalls altertümlich wirkenden Schwarz-Abblenden sowie die eher an die 1950er Jahre gemahnende Musik.

Die Handlung von „Viel Lärm um Nichts“ ist ja bekannt: Nach einem Feldzug gegen seinen Stiefbruder Don Juan (Sean Maher) kehrt Don Pedro (Reed Diamond) nach Messina zurück, wo er von Gouverneur Leonato (Clark Gregg) aufgenommen wird. In Don Pedros Entourage befinden sich insbesondere seine treuen Offiziere Claudio (Fran Kranz) und Benedikt (Alexis Denisof). In Messina verliebt sich Claudio in Leonatos Tochter Hero (Jillian Morgese). Benedikt hingegen verbringt mehr und mehr Zeit mit Beatrice (Amy Acker), der Nichte des Gouverneurs. Die Wortgefechte, die sich Benedikt und Beatrice liefern, samt den Beteuerungen, sich nie (mehr) verlieben zu wollen, machen den Kern der Shakespeareschen Komödie aus. Sie fordern die anderen – Claudio und Hero, Leonato und Don Pedro – heraus, mittels raffinierter Tricks aus den beiden Streithähnen doch noch ein Liebespaar werden zu lassen. Währenddessen intrigiert Don Juan mit Hilfe seiner Verbündeten Konrad (Riki Lindhome) und Borachio (Spencer Treat Clark), um die Hochzeit von Claudio und Hero zu vereiteln. Vor der eigentlichen Handlung fügt Regisseur Joss Whedon eine kurze Szene ein, die Benedikt und Beatrice als früheres Paar darstellt und offenbar die jetzige Abneigung erklären soll – was allerdings nicht nur überflüssig, sondern auch eher kontraproduktiv wirkt.

Joss Whedons Interpretation des klassischen Stoffes weckt gewisse Irritationen, weil Text und Bild häufig nicht übereinstimmen. Ist beispielsweise von Italien oder Messina als Handlungsort die Rede, so steht das Haus (Whedons eigenes Anwesen) offenkundig in Kalifornien. Sprechen die „Offiziere“ von Schwertern und Pferden, so sind 9 mm-Pistolen und Autos im Bild. Wäre der klassische Text nicht zu hören, so würde der Zuschauer Don Pedro eher für einen Mafiaboss halten. Besonders verwirrend nimmt es sich aus, dass Don Juans Gehilfe Konrad von einer Frau (Riki Lindhome) dargestellt wird, wohl um eine zusätzliche Liebesaffäre einzuführen.

Dennoch ist die Diskrepanz zwischen Wort und Bild schnell überwunden, ja sie wirkt teilweise humorvoll. Bei der Verleihung des Prädikats „besonders wertvoll“ führt die Filmbewertungsstelle Wiesbaden dazu aus: „Shakespeares Originalsprache fließt nach kurzer Eingewöhnungszeit für den Zuschauer wie selbstverständlich, bezaubert und animiert – auch dank der hochwertigen deutschen Synchronfassung. Freude bereitet auch die Souveränität aller Charaktere. Mit großer Lust an Bildern fängt die Kamera gekonnt die heitere Stimmung ein, taucht in herrlich ausgestattete Räume und Atmosphären ein.“

Obwohl die Schauspieler dem deutschen Publikum kaum bekannt sein dürften, entstammen sie doch den amerikanischen Fernsehserien von Joss Whedon, überzeugen insbesondere Alexis Denisof und Amy Acker als Benedikt und Beatrice. Vor allem aber kann es Nathan Fillion als schusseliger Polizist mit urkomischer Sprache mit Michael Keaton, der diese Rolle in der inzwischen zwanzig Jahre alten Kenneth Branagh-Version spielte, durchaus aufnehmen. Obwohl die Musik den Vergleich mit Patrick Doyles viel beschwingterer Fassung – insbesondere auch im berühmten „Sigh No More Ladies“ – kaum aushält, besitzt auch die von Josh Whedon selbst mit Hilfe von Deborah Lurie und seines Bruders Jed Whedon komponierte Musik ihren Eigenwert.

Die offensichtliche Spielfreude der Schauspieler überträgt sich auf den Zuschauer. Dem Regisseur ist insbesondere gelungen, seine Regie unauffällig zu halten, so dass die Schauspieler und besonders Shakespeares Text im Mittelpunkt stehen. Andererseits betont die moderne visuelle Inszenierung die Aktualität von „Viel Lärm um Nichts“ und ihr Spiel um Liebe und angebliche Verachtung, Intrigen und auch Mobbing, um einen hochaktuellen Ausdruck zu verwenden.

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Filmische Qualität: Dreieinhalb Sterne (max. fünf Sterne)  
Regie: Joss Whedon
Darsteller: Amy Acker, Alexis Denisof, Nathan Fillion, Clark Gregg, Reed Diamond, Fran Kranz, Jilian Morgese, Sean Maher
Land, Jahr: USA 2012
Laufzeit: 109 Minuten
Genre: Literatur-Verfilmungen
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: X –

im Kino: 7/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.