Viel Ruhe, Meditation und ein bisschen Klavierspiel

Der emeritierte Papst in Castel Gandolfo

Castel Gandolfo, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 1359 klicks

Heute Morgen ist der Himmel über dem Albanersee leicht trüb, aber die Luft ist frühlingshaft mild. Abgesehen von ein paar Pilger- und Touristengruppen, die schubweise in das Ministädtchen einfallen und die kleine Piazza vor dem Papstpalast füllen, ist es ruhig. Kaum ein Besucher bleibt mehr als eine Stunde oder gar über Nacht in dem Ort, der im Winter nur ein paar hundert Seelen zählt. Im Winde flattern noch die Transparente, die die Anwohner gestern ihrem verehrten Pontifex zur Begrüßung und zum gleichzeitigen Abschied vor den Häuserfassaden gespannt haben: „Wir werden immer mit dir sein, Benedikt“. 

Benedikt XVI. hat diese Oase der Ruhe immer besonders geliebt, den Blick auf den fast 170 Meter tiefen Vulkansee, der sich je nach Sonneneinstrahlung dunkelblau verfärbt, die gute Luft und die noble Schlichtheit des Papstpalastes gegenüber dem prunkvoll überladenen Vatikan. Wie er selbst einmal gestand, sei das der einzige Ort, an dem es ihm gelinge, sich von den Anstrengungen seines Hirtenamtes zu erholen. Nur dort könne er meditieren und sich seinen Schriften widmen. Während seines Pontifikats weilte er jeden Sommer hier. Letztes Jahr dehnte er wegen der ungewöhnlich heißen Temperaturen in Rom den Aufenthalt sogar bis Oktober aus. 

Das Papstappartment verteilt sich mit seinen 230 Quadrametern auf zwei Geschosse. Es befindet sich in dem linken Flügel des Palastes und blickt über das Richtung dem 20 Kilometer entfernten Meer. Bei klarer Sicht kann man vom Dach aus die Küste als silbrigen Streifen wahrnehmen. Flink hatte man kurz vor seinem Eintreffen die Wände und Fenster des Apartments frisch gestrichen und ein paar kleine Reparaturen vorgenommen. Ratzinger mag helle Räume. Für ihn persönlich sind ein Vor- und ein Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer und ein Bad vorgesehen. Die Kapelle schmückt eine Ikone der Madonna von Częstochowa, die Johannes Paul II. anbringen ließ. Von dem großen Salon und Speisezimmer aus der Zeit Clemens XIV. hingegen bietet sich ein überwältigender Blick auf den See und auf den grünen Monte Cavo, der mit seinen 950 m die höchste Erhebung des Kraterrandes ist. Den antiken Römern galt er als heiliger Berg. Zu seinem Jupiterheiligtum zogen einst die Feldherrn, denen ein Triumph in Rom verweigert wurde. 

In den restlichen Räumen nehmen die vier Haushälterinnen Schwester Loredana, Carmela, Cristina und Rossella Wohnung. Es sind geweihten Frauen, Memores Domini, die seit 2005 zur päpstlichen Familie gehören. Diese diskreten, die Öffentlichkeit meidenden Frauen verrichteten nicht nur in den letzten sieben Jahren den Haushalt, sorgten für die Gewänder und den Blumenschmuck in der Privatkapelle. Mit ihnen verbrachte Benedikt XVI. auch Weihnachten und alle anderen Festtage. Es war sicherlich ihr eigener Wunsch, Benedikt auch in dieser Phase weiterhin zu dienen und beizustehen. Insofern wird sich in dieser Übergangszeit bis zum endgültigen Umzug in das vatikanische Kloster Mater Ecclesiae Anfang Mai nicht so viel für den emeritierten Papst ändern, zumindest nicht, was seine direkte Umgebung betrifft. Das schmucklose Klausurkloster, ein moderner Bau aus den 90er Jahren, in den vatikanischen Gärten wird gerade renoviert und an die Bedürfnisse des neuen Bewohners angepasst. Ein besonderes Problem soll die Unterbringung seiner 20.000 Bücher umfassenden Privatbibliothek sein, ein wahres Archiv. 

Auch Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein weicht ihm nicht von der Seite. Er wirkte gestern bei dem Abschiedszeremoniell im Vatikan recht mitgenommen und konnte vor den laufenden Kameras seine Tränen nicht verbergen. Es ist die Rede, dass sich der Monsignore in der benachbarten Villa Barberini, die berühmteste der päpstlichen Villen in Castel Gandolfo, einrichtet. Dieses Ehrenrecht steht ihm als Präfekt des Päpstlichen Hauses zu. Im Mai wird er dann seinem Hirten in die Klausur folgen. 

Die nächsten Tage des geprüften 85-Jährigen lassen sich leicht vorstellen. Er wird viel versäumten Schlaf nachholen, lesen, sich seinen Studien widmen, vielleicht ein wenig Klavier im Salon spielen oder ein paar Schritte in dem prächtigen Garten machen. Ein begeisterter Spaziergänger wie einst sein Vorgänger war er nie. Jedoch gefiel es ihm, hin und wieder mit seinem Bruder Georg mit dem elektrischen City-car über die Wege des 55 Hektar großen Anwesen zu fahren. Dennoch ist nicht vorstellbar, dass dieses beneidenswerte Sommerrefugium ihm, der „unter der Entscheidung sehr gelitten hat“, Trost spenden oder die verdiente Heiterkeit eines Pensionärs nach einem langen Arbeitsleben zurückgeben könnte. Benedikt XVI. sagte selber auf der letzten Generalaudienz, dass „er auch als emeritierter Papst nie wieder eine Privatperson sein wird.“