Viele Glaubensrichtungen auf der Suche nach der (einen) Wahrheit

Das Friedenstreffen in Assisi aus der Sicht von Pilgern unterschiedlicher Glaubenszugehörigkeit

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Von Salvatore Cernuzio, Britta Dörre, Luca Marcolivio

ASSISI, 27. Oktober 2011 (ZENIT.org). – Pilger unterschiedlicher Glaubenszugehörigkeit sind nach Assisi gekommen, um an dem „Tag der Reflexion, des Dialogs und des Gebets für den Frieden und die Gerechtigkeit in der Welt“ teilzunehmen. Das Friedenstreffen der „Pilger der Wahrheit, Pilger des Friedens“ wurde einheitlich als „historischer Moment von großer Bedeutung“ beurteilt.

Seit den frühen Morgenstunden hat sich eine friedliche Menschenmenge trotz des kühlen und feuchten Wetters vor der Kirche Santa Maria degli Angeli eingefunden. Die Ordnungskräfte und Volontäre sind ausgesprochen strikt bei der Verrichtung ihrer Aufgaben, doch niemand beschwert sich ob der Wartezeiten oder Mühen.

Der Heilige Vater trifft gegen 10.30 Uhr unter lauten Jubelrufen ein. Man vernimmt Freudensbekundungen, und einige stimmen das seit dem letzten Weltjugendtag in Madrid berühmt gewordene „Ésta es la juventud del Papa an.

Am frühen Nachmittag begeben sich Papst Benedikt XVI. und alle hochrangigen Vertreter der großen Religionen unter Sonnenschein von der Portiuncola zum Platz vor der Basilika San Francesco.

An dem Treffen nehmen Menschen unterschiedlicher Nationalität und jeden Alters teil. Zenit hat einige der jüngeren Besucher ausgewählt, um ihre Eindrücke zu festzuhalten.

Eine 15 jährige Gymnasialschülerin aus Latina antwortet auf die Frage, „Glaubt ihr, dass jemals Frieden in der Welt herrschen wird?“ zweifelnd: „Vielleicht in hundert Jahren ...“. Eine ihrer Schulkolleginnen fügt hinzu, „ohne Gott wäre alles viel schwieriger, weil dann alles uns Menschen allein überlassen wäre.“

Wir treffen auf eine Gruppe junger Franzosen aus der Normandie. „Es ist ein historisches Ereignis, die Freude ist so groß wie vor 25 Jahren“, kommentiert einer von ihnen, „die Ansprache des Heiligen Vaters hat mich tief berührt, vor allem, als er darüber sprach, gemeinsam für den Frieden zu arbeiten und eine Gemeinschaft zu schaffen. Das ist die Hoffnung, die die Religion spendet.“

Die Pilger werden von vielen Freiwilligen betreut, die das Treffen als Gelegenheit zum persönlichen Apostolat sehen. So verhält es sich im Fall einer Bewohnerin aus Assisi: „Ich fühle mich mit einbezogen. Als gläubiger Mensch kann ich der Gemeinschaft nützlich sein und gleichzeitig ganz nah die Begegnung mit dem Papst miterleben.“

Ist es möglich, auch Andersgläubigen oder Nichtgläubigen (unseren) Glauben zu vermitteln? „Wir können Werte wie die Gastfreundschaft und die Nächstenliebe in die Praxis umsetzen“, fährt die Volontärin fort, „wir müssen im Alltagsleben wie wahre Christen leben und die Bedeutung des Glaubens im Alltag deutlich machen. Der Glaube, der uns vermittelt wird, darf nicht reine Theorie bleiben.“

Der Heilige Vater ist bereits eingetroffen, als wir mit einer jungen türkischen Studentin der Päpstlichen Universität Gregoriana sprechen: „Wir alle sind Geschöpfe Gottes“, bemerkt sie, „wir sind alle wichtig, und zwar unabhängig von unserer Religionszugehörigkeit oder Nationalität. Werte wie die Würde der Menschen und die Menschenrechte sind grundlegend für ein Leben in Frieden.“

Auf die Frage zur Stellung der Frau in den Ländern mit islamischer Mehrheit antwortet unsere befragte Studentin, „Das ist eines der am häufigsten geäußerten Vorurteile gegenüber dem Islam. Auf theologischer Ebene sehe ich keinen Widerspruch.“

In Japan ist die Zahl der Gläubigen vor allem unter den jungen Leuten sehr niedrig. „Jedoch haben viele Menschen nach dem tragischen Tsunami, der sich am 11. März 2010 ereignete, den Glauben und die Spiritualität wiederentdeckt“, wie uns ein junger Japaner berichtet. Er sei, wie er weiter ausführt, als Mitarbeiter der japanischen Glaubensdelegation in Assisi.

Eine hinduistische Nonne, die in einen orangefarbenen Sari gewandet ist, erläutert uns: „Ich fühle mich Papst Benedikt sehr verbunden. Der heutige Tag ist eine wundervolle Geste des Papstes und eine Botschaft der Hoffnung und des Friedens. Von den vielen schönen Worten, die ich hörte, hat mich nachhaltig der Gedanke an einen Gott beeindruckt, der Liebe bedeutet. Das Wort „Liebe“ vereint alle Menschen“.

Sie stimmt mit der Ansprache ihres Glaubensführers Acharya Shri Shrivatsa Goswami überein: „Ich schätze seine Worte“, äußert sie, „ethische Normen sind für die Wirtschaft, für eine gerechte Arbeitsverteilung, eine gerechte Verteilung der Güter und Ressourcen erforderlich. Die Religionen müssen sich zum Fürsprecher dieser Ideale machen. Der heutige Tag ist ein weiterer Schritt in diese Richtung. Die Unantastbarkeit des Lebens ist ein Wert, der von jeder Glaubensrichtung geteilt wird.“