\"Viele psychisch Kranke sind insgesamt zufriedener als so mancher \'gesunder\' Oberarzt\"

Dr. Margarita Seiwald erklärt, wie man psychisch und geistig Kranken helfen kann

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SALZBURG, 17. Februar 2006 (Zenit.org).- In seiner Botschaft zum Welttag der Kranken 2006 ruft Benedikt XVI. dazu auf, besonders den psychisch Kranken und geistig Behinderten \"das liebevolle Erbarmen und die Fürsorge des Herrn zu bezeugen\". Wie das konkret aussehen kann, schildert die Salzburger Ärztin Dr. Margarita Seiwald.



Die Assistenzärztin für Psychiatrie am Krankenhaus Schwarzach wies im Gespräch gegenüber ZENIT zunächst einmal darauf hin, dass psychische und geistige Leiden eine herausfordernde Eigenschaft besäßen: Sie sind nicht sichtbar. \"Wenn einer ein gebrochenes Bein hat, dann sehen wir das, und er hat sofort unsere Sympathie. Zusätzlich zu ihrem unsichtbaren Leiden haben die psychisch Kranken aber auch noch ein großes Stigma in unseren Breiten, und ich glaube, im Grunde eben deshalb, weil ihre Beschwerden nicht sichtbar sind. Diese liebliche Barmherzigkeit, zu der uns der Heilige Vater aufruft, die soll sich darin zeigen, dass wir diese Menschen auch echt bemitleiden, dass wir geduldig sind und ihr Leiden auch tatsächlich als Krankheit sehen.\"

Vielfältige Ursachen

Die Ursachen für psychische Erkrankungen, an denen rund ein Fünftel aller Menschen leiden, seien äußerst vielfältig. Eindeutig lasse sich nicht feststellen, ob sich solche Krankheitsfälle häuften, \"oder ob man sie häufiger diagnostiziert – wahrscheinlich beides\", vermutet die Ärztin. \"Es hängt sicher auch mit einer Enttabuisierung zusammen; die Leute gehen mit psychischen Problemen heute eher zum Arzt.\"

In Bezug auf die Krankheitsentstehung wisse man, dass die Gründe vielfältig seien. Das sei auch beim prozentuellen Anteil der Fall: \"Zum Beispiel weiß man bei Schizophrenie, dass ein ganz hoher Anteil genetisch bedingt ist. Man weiß zum Beispiel, dass jemand höchstwahrscheinlich schizophren sein wird, wenn sein Zwilling schizophren ist. Und wenn ein Elternteil schizophren ist, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass man an Schizophrenie erkrankt, bei 50 bis 70 Prozent, ist also sehr hoch. Natürlich gibt es auch unaufgearbeitete Probleme, die einfach verdrängt werden und sich dann im Rahmen einer psychischen Erkrankung melden.\" Auch bei Gehirnschäden, die durch Unfälle oder Medikamentenindikationen entstehen, könne es zu psychischen Erkrankungen kommen, so Seiwald.

Die verschiedenen Arten von Depressionen \"haben auch die unterschiedlichsten Ursachen\", bekräftigte die Ärztin. Bei Hormonschwankungen nach der Geburt käme es bei Frauen häufig zu Depressionen, obwohl gar kein Anlass vorhanden sei. Eine Depression \"kann also hormonell bedingt sein, aber natürlich auch durch eine besondere Belastung verursacht werden\". Diesbezüglich erinnerte die Ärztin an Menschen, die einen Krieg miterlebt haben, aber auch an jene Personen, \"die einfach nie in ihrem Leben Probleme angeschaut haben. Das heißt, es kann sehr, sehr viele Unterschiede geben, und deswegen ist es wichtig, da wirklich gut hinzuschauen und alles abzuklären, was der Patient hat; mit ihm gemeinsam die Ursache herauszufiltern.\"

Priester und Psychiater

Zur Frage, in welchen Fällen der Priester und in welchen der Psychiater die bessere Ansprechperson sei, brachte die Ärztin ein Beispiel: \"Ich hab eine Patientin gehabt, die von sich gesagt hat, sie sei die Muttergottes, und ihr Sohn, der sich umgebracht hat, sei Jesus gewesen. Und es war so, dass der Sohn am Tag, bevor er sich umgebracht hat, noch bei ihr war. Sie hat einfach nicht gemerkt, wie schlecht es ihm geht. Und sie macht sich deswegen so große Vorwürfe und hat sich dieses Konstrukt bauen müssen, weil sie sonst nicht überleben könnte. Sie hat so große Schmerzen im Herzen, so dass sie glauben muss, es wäre gut, dass ihr Sohn gestorben ist. Aber sie ist geistig krank, nicht von einem Dämon besessen.\"

Um wirklich von Fall zu Fall unterscheiden zu können, rät die Ärztin zum innerlichen Gebet. Das tue sie, \"und dann merkt man auch, ob jemand zum Beispiel aggressiv wird\".

Dr. Seiwald ist davon überzeugt, dass ein Priester nie schlecht ist: \"Für jeden psychisch Kranken ist es gut, auch mit einem Priester zu sprechen. Wir fragen jeden, wie es ihm mit Gott geht, was für ein Gottesbild er hat, ob er eine geistige Begleitung haben oder mit einem Priester sprechen möchte. Wir fragen unsere Patientin, ob sie gläubig sind oder nicht, einfach, um sie dort treffen zu können. Ich denk mir, diese Ergänzung mit einem Priester ist immer gut. Gerade in meinem Krankenhaus gibt es viele in der Psychiatrie, die beispielsweise das Angebot der Heiligen Messe regelmäßig annehmen.\"

Hilfe in Anspruch nehmen

Der Dienst an psychisch und geistig Kranken sei eine \"ganz große Herausforderung\". Den betroffenen Eltern rät die Ärztin, \"dass sie wirklich Hilfe in Anspruch nehmen sollen. Es gibt viele Einrichtungen, wo man stundenweise jemanden hingeben kann.\" Diese Hilfe müsse man unbedingt in Anspruch nehmen, um sich nicht \"selbst zu verlieren und unglücklich zu sein. Es gibt wirklich viele gute Organisationen, die einem in so einer Situation helfen können. Und es ist auch für den Betroffenen selbst gut, einmal hinauszukommen aus der Familie und eine andere Umgebung kennen zu lernen.

Das ist einmal wichtig. Und dann sehe ich es immer wieder: Leute, die gläubig sind, gehen mit psychisch Kranken und geistig Behinderten ganz anders um. Der liebe Gott, also das regelmäßige Gebet, schenkt einfach eine Kraft, die man sonst nirgends bekommen kann, da bin ich mir ganz sicher.\" Man müsse die Menschen verstärkt dazu ermutigen, \"wirklich Hilfe anzunehmen und zu sagen: \'Gut, ich bin keine Rabenmutter, wenn ich meinen Sohn für drei Stunden in die Lebenshilfe gib.\'\"

\"Wir alle sind nur unvollständige Abbilder Gottes\"

Zum manchmal geäußerten Vorurteil, psychisch Kranke oder geistig Behinderte seien nicht ganz vollwertige Menschen, stellte Dr. Seiwald fest: \"In unserer Sündigkeit und unserer Schwachheit sind wir alle nur unvollständige Abbilder Gottes. Was mich sehr berührt ist, dass wir diese Krankheiten in der Medizin jetzt auch visualisiert können: Es ist möglich, mittels funktioneller Magnetresonanztomographie zu zeigen, dass zum Beispiel ein schwer depressiver Mensch eine verminderte Hirnaktivität aufweist, oder dass ein Schizophrener eine ganz anderes Hirnaktivitätsmuster besitzt als ein – unter Anführungszeichen – \'gesunder\' Mensch. Wir sehen also, dass es in diesem Gehirn nicht alles so läuft, wie es sollte, aber das macht keine Aussage über die Würde dieses Menschen. Das ist für mich eine so grundlegende Unterscheidung. Keiner von uns darf sich anmaßen, über lebenswert und lebensunwert zu reden, und ich kenne viele psychisch Kranke, die zwar an ihrer Erkrankung leiden, die aber insgesamt zufriedener sind als so mancher – unter Anführungszeichen – \'gesunder\' Oberarzt.\"

Es sei entscheidend, \"zwischen gesund und lebenswert zu unterscheiden. Überhaupt: Was ist wirklich \'gesund\' oder \'normal\'?\" Wenn man Menschen mit psychischen Problemen die volle Menschenwürde aberkennen würde, \"müsste man eigentlich auch einen Krebskranken oder einen Magenkranken hinterfragen und überlegen: \'Ist der noch normal?\'\"