Vielleicht wäre es doch kleineres Übel...?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 360 klicks

Wir lernten uns im Kirchenchor bei den Proben kennen. Sehr bald fingen wir an, miteinander zu „gehen“. Es wäre vielleicht alles gut gegangen, wenn wir nicht angefangen hätten, uns mit Küssen herumzuwerfen. Am Anfang waren es gewöhnliche, kurze, und mit der Zeit wurden sie immer länger und tiefer. Wir waren uns nicht bewusst, wohin uns das führte. Intime Küsse erregten mich sehr, und durch mich auch ihn. Danach schlug er mir intime Verhältnisse vor.

Ich will mich nicht verteidigen, denn in mir war der gleiche Wunsch angeheizt. Nur der Gedanke an die Folgen hielt mich davor zurück. Und schließlich, konnte er das nicht mehr ertragen. Er ging weg und verlies alles: die Kirche, den Gott, den Kirchenchor, mich. Er war enttäuscht. Er landete in einer schlechten Gesellschaft. Und er war Christ.

Habe ich in diesem Fall falsch gehandelt? Vielleicht wäre es doch besser gewesen, mich für intime Verhältnisse zu entscheiden, und dann, was immer kommen mag?

dankbare Verona

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An sich ist es ein Geschenk, wenn ein Mädchen und ein junger Mann sich im Kirchenchor, beim Religionsunterricht, in der Gebetsgruppe, in der Kirche oder bei der Kommunion kennen lernen. Heutzutage herrschen solche Verhältnisse, dass es an sich ideal wäre, wenn sich katholische junge Menschen in der Nähe des Altares kennen lernen würden. Das könnte wenigstens zum Teil Garantie für ihr einwandfreies bisheriges Leben sein, wie auch für die zukünftige Treue und Stabilität der Ehe. Damit möchte ich nicht negieren, dass sich auch „um Altar herum“ schlechte Personen finden können.

Du sagst, ihr „habt bald angefangen, ernsthaft miteinander zu gehen“. Was verstehst du unter diesem Ausdruck „ernsthaft“? Ihr habt es vor gehabt, mit der Zeit eine Ehe einzugehen?

Aber, ihr habt Fehler gemacht, den auch Tausende von anderen, leider, auch katholische junge Menschen, tun: zu schnell lassen sie sich auf die niedrige Ebene sexueller Erregungen, wo der eine für den anderen zum Verführer anstatt zum Retter wird. Gab es unter euch überhaupt eine echte Liebe? Die Liebe ist erlösend und rettend. Verliebte müssen füreinander wachsen in jedem Sinne der menschlichen und christlichen Werte, und nicht fallen. Und, wenn sie fallen, das bedeutet, dass etwas falsch angesetzt worden ist. In diesem Wachstum bereiten sie sich begeisternd vor, gemeinsam die Last des Lebens zu tragen; für die Treue, für Kinder und ihre Erziehung, und überhaupt für Aufgaben, die auf sie zukommen. Als bewusste Christen, vor Christus übernehmen sie Lebensverantwortungen.

Du sagst aber, ihr habt angefangen, euch „mit Küssen herumzuwerfen“. Und du unterscheidest: „gewöhnliche“, „kurze“, „längere“, „tiefere“. Du gibst zu, dass der intime Kuss dich „sehr erregte“, und durch dich auch „ihn“. Junge Menschen wissen oft nicht, dass längere Berührung von Lippen in beiden Partnern starke nervliche Erregungen der sexuellen Zentren im Großhirn schafft. Sie wissen nicht, dass mit dem ersten Kuss die erste körperliche Berührung beginnt und die Phase der Annährung aufhört. Danach treten weiter alle anderen Sinne in den Hintergrund, während Berührung entscheidende Rolle spielt. „Man kann sagen, dass Frau, die dem Mann einen Kuss erlaubt, zur gleichen Zeit stillschweigend ihm erlaubt, sie auch zu besitzen“ (I. Bloch). Gewiss, heutzutage ist der erotische Kuss zur Gewohnheit bei verschiedenen Anlässen geworden. Die Menschen kennen die Gesetze des Leibes nicht, und denken auch nicht an sie. In Wirklichkeit ist das ein Spiel mit dem Feuer.

Junge Menschen, die materialistisch orientiert sind, wollen gerade solche Erregungen, die sie bis zur Finalität führen. Katholische Christen müssten darüber unterrichtet sein, dass es da um etwas geht, was logischerweise zur Tat führt, und dass man sich mit den Küssen nicht „herumwerfen“ darf. Aber auch unsere Jugend wirft sich oft mit solchen Küssen herum, nicht selten deshalb, weil sie es bei den anderen abgucken. Auf diese Weise fallen sie unvorsichtig in die Falle, was du selber zugibst:  „Es war uns nicht bewusst, wohin uns das führt.“ Und es hat euch zum definitiven Fall geführt. Nach solchen Erregungen „schlug er intime Verhältnisse vor“, und in dir war der „gleiche Wunsch angeheizt“, bekennst du weiter. Gerade so. Du siehst also, dass Zusammentreffen auf diesem Niveau eigentlich gegenseitige Verführungen sind. Und wenn man einmal diesen Steilhang hinunterläuft, wer kann das noch aufhalten? (Übrigens, über Küsse kannst du in meinem Buch Voreheliche Liebe, S. 77-80 lesen) Du sagst, dass nur der Gedanke an die Folgen, dich davon abgehalten hat. Welche? Du könntest später nicht einen anderen heiraten? Die Möglichkeit, Kind zu kriegen? Schande vor den Menschen? Hast du als Christin nicht an Gott gedacht und an den Plan Gottes mit dem Menschen durch eine rechtmäßige Ehe? Hattet ihr gar keine christliche Motivation, die euch hätte erheben können?  - Verantwortung vor dem Gewissen? - Verantwortung vor dem Volk Gottes?  - Verantwortung vor Gott? - Spiel mit dem Leben als dem höchsten menschlichen Wert auf der Erde? Mit den „intimen Verhältnissen“ vor der Ehe „sichert“ man sich nichts: weder Liebe, noch Treue, noch zukünftiges Glück, noch Wachstum in der Selbstlosigkeit in der Formation, sondern , es wird nur der Egoismus der augenblicklichen Schwäche befriedigt. Und wenn das noch als Liebe bezeichnet wird, handelt es sich um schweren Missbrauch dieses Wortes.

 „Und schließlich konnte er das nicht mehr ertragen. Er ging weg und verlies alles: die Kirche, den Gott, den Kirchenchor, mich.“ Vielleicht hat er in deiner, obwohl wankelmütigen und schwachen, und doch definitiven Entschiedenheit, Gott, die Kirche, kirchliche Gemeinschaft als zu fordernd begriffen? Er war „Christ“, sagst du. Aber, hat er überhaupt christliche Moral gekannt? Hat er einmal versucht danach zu leben? Jeder katholische junge Mann und jedes Mädchen, die beten, Sakramente empfangen, können mit Gottes Hilfe aushalten, wenn sie wollen, um sich nicht auf dieses rutschige und gefährliche Terrain zu begeben. Sie werden nicht enttäuscht weder von Gott, noch von der Kirche, sondern sie erleben die Schönheit des Lebens nach dem Evangelium, und sie sind bereit, es weiter anderen zu geben. Sie werden nur von sich selber und von der eigenen Schwäche enttäuscht. Sie verlassen das Christentum nicht, das erhaben in seiner Moral und richtig in seinen Grundsätzen ist, sie landen nicht in schlechter Gesellschaft, sie bleiben tapfer am Bollwerk und am Zeugnis der authentischen christlichen Werte. Und deshalb eine neue Frage: war er in Wirklichkeit ein überzeugter Christ, oder Christ aus Tradition, ohne persönliche Überzeugung? So wie er aufgetreten ist, tritt ein Christusgläubiger nicht auf.

Hast du falsch gehandelt? „Vielleicht wäre es doch besser gewesen, mich für intime Verhältnisse zu entscheiden, und dann, was immer kommen mag?“, fragst du dich. Ich antworte: es ist nie erlaubt, Böses zu tun, um etwas Gutes zu erreichen. In euerem Fall war das „Gute“, d.h. euere zukünftige Beziehung, noch sehr fraglich. Du sprichst selber davon bloß als einer  Möglichkeit: „Es wäre vielleicht alles gut gegangen, wenn wir nicht angefangen hätten...“ Du sagst „vielleicht wäre alles gut“. Aber, nachdem ihr euch auf rutschiges Terrain begeben habt, hat sich dieses „vielleicht“ zum „sicher“ gewandelt, d.h. sicher war es nicht gut. Man kann nie mit einem schlechten Mittel einen guten Zweck erreichen. Die Absicht heiligt das Mittel nämlich nicht.

Lass dich von diesem Fall belehren! Wäret ihr in Reinheit miteinander gegangen, hättet ihr mit der Zeit wahrscheinlich begriffen, ob sich zwischen euch eine echte Liebe entwickelt, oder ist es nur eine Freundschaft, es wäre dir wahrscheinlich gelungen, den jungen Mann für das Schöne und Edele zu gewinnen, euere Liebe wäre rein und rettend; Christus wäre unter euch und mit euch gewesen, und eine Enttäuschung wäre nicht eingetreten.  

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 308-310)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.