„Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ - Sieger des Europäischen Filmpreises 2007

Von José García

| 1370 klicks

WÜRZBURG, 3. Dezember 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Vergangenheitsbewältigung gehört zu den Grundthemen des Kinos. Dass darin das Medium Film seine Stärken voll ausspielen kann, stellte etwa auch Florian Henckel von Donnersmarcks mit sieben „Lolas“ sowie mit dem Oscar ausgezeichnetes Spielfilmdebüt „Das Leben der Anderen“ unter Beweis, der einen beklemmenden Blick auf die unmenschlichen Stasi-Methoden in der DDR Mitte der achtziger Jahre wirft.



Der rumänische Regisseur Cristian Mungiu blickt auf die Ceausescu-Ära mit einem Spielfilm zurück, der bei den 60. Internationalen Filmfestspielen Cannes 2007 als erster rumänischer Film überhaupt die Goldene Palme gewann, und der nun im regulären Kinoprogramm anläuft.

„Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ („4 luni, 3 saptamini si 2 zile“) ist im Rumänien des Jahres 1987 angesiedelt, als auf heruntergekommenen Straßen einige wenige Zweitakt-Autos fahren, und etliche Waren wie ausländische Zigaretten oder Kosmetika nur auf dem Schwarzmarkt zu haben sind.

Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage ist bereits die Studentin Gabita (Laura Vasiliu) schwanger. Sie will abtreiben, aber seit 1966 ist in Rumänien die Abtreibung verboten und unter Strafe gestellt. Otilia (Anamaria Marinca), die mit ihr ein Zimmer im abgewirtschafteten Studentenwohnheim teilt, übernimmt den „Freundschaftsdienst“, das Nötige zu organisieren: Sie muss Geld auftreiben, ein Hotelzimmer reservieren sowie den illegal arbeitenden Arzt treffen.

Die Unerfahrenheit der jungen Frauen bereitet ihnen jedoch Schwierigkeiten: Otilia kann im vorgesehenen Hotel kein Zimmer mieten. Das Hotel, in das sie ausweichen muss, verlangt aber, dass an der Rezeption die Ausweise abgegeben werden. Was den Arzt Dr. Bebe (Vlad Ivanov) rasend macht. Dies stellt ein so hohes Risiko für ihn dar, dass er von den Mädchen skrupellos einen Aufpreis erpresst: Dr. Bebe verlangt von den beiden jungen Frauen Geschlechtsverkehr. Nach der Abtreibung muss Gabita stundenlang still liegen, während Otilia zu der Geburtstagsfeier der Mutter ihres Freundes Adi fährt. Als sie zurückkommt, findet sie den Fötus auf dem blutverschmierten Boden im Badezimmer liegend. Otilia übernimmt wiederum die Aufgabe, ihn in der Nacht irgendwo loszuwerden.

Lakonisch erzählt Regisseur Mungiu die Ereignisse aus diesem einen Tag, der das Leben der zwei jungen Frauen verändern wird. Dass sie den Zusammenhalt verloren haben, setzt Kameramann Oleg Mutu in nervöse, mit der Handkamera aufgenommene Bilder um. Diese kontrastieren mit den sonst überwiegenden langen Einstellungen, die vor allem eins vermitteln: Tristesse. Diese Grau-in-Grau-Bilder verleihen dem Film einen quasi dokumentarischen Charakter. Erstaunlicherweise setzt „Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ nicht Gabita in den Mittelpunkt, sondern ihre Freundin Otilia. Durch diesen Kunstgriff wird es deutlich, dass der Regisseur in erster Linie kein gängiges Abtreibungsdrama drehen, sondern eher das Leben seiner Figuren unter Ceausescus Regime schildern wollte. Dafür spricht auch, dass der Film zu einer Trilogie mit dem Titel „Erzählungen aus dem goldenen Zeitalter“ gehört. Sie soll anhand von Alltags-Geschichten den Kommunismus in Rumänien darstellen.

So führt die Jury der Evangelischen Filmarbeit bei der Verleihung des Prädikats „Film des Monats“ aus: „Der Film plädiert nicht für oder gegen die Abtreibung, sondern zeigt die individuelle Bedrängnis zweier Frauen in einer verwahrlosten und unbarmherzigen Gesellschaft.“ Ähnlich äußert sich Christine Stark von „Medientipp – Katholischer Mediendienst/Reformierte Medien“ aus der Schweiz: „Der Film besticht, indem er das Brutale ausblendet und gerade dadurch ins Zentrum rückt. Es kommt sexuelle Nötigung, eher noch Vergewaltigung vor, ohne dass ein Ton zu hören, geschweige denn etwas zu sehen wäre. Auch die Abtreibung geschieht im Off. Keine Tränen, keine Qual, kein Blut. Umso brutaler der Anblick des leblosen roten Bündels auf dem Badezimmerboden.“

Der langanhaltende, kaum zu ertragende Anblick des toten Fötus zeigt freilich mit aller Deutlichkeit, worum es sich bei diesem Eingriff handelt: Die erkennbaren Gesichtszüge eines Kindes berühren nicht nur den Zuschauer zutiefst: „Beerdige ihn“, ruft Gabita ihrer Freundin Otilia zu. Obwohl sich Cristian Mungiu alle Mühe gibt, nicht Stellung zu beziehen, sprechen diese Bilder und dieser Verzweifelungsruf Bände.

[„Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ ist der große Sieger des diesjährigen Europäischen Filmpreises, der am 1. Dezember in Berlin vergeben wurde. Neben dem Preis „Bester Film“ wurde Cristian Mungiu auch als „bester Regisseur“ ausgezeichnet; © Die Tagespost vom 24. November 2007]