Vierte Adventspredigt von P. Raniero Cantalamessa OFMCap

Vom Ursprung des Aufbrechens

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VATIKANSTADT, 24. Dezember 2011 (ZENIT.org). - Am Freitagvormittag hielt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFMCap, im Vatikan die vierte und letzte der traditionellen Adventspredigten für den Papst und die Kurie. Er setzte seine Betrachtung über die Geschichte der Mission fort.

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Vierte Predigt

 „Vom Ursprung des Aufbrechens“

 Die aktuelle Welle der Evangelisierung

1. Ein neuer Adressat der Verkündigung

„Prope est iam Dominus: venite, adoremus“: Der Herr ist nahe; kommt, lasst uns anbeten. Beginnen wir diese Meditation, wie die Liturgie des Stundengebets in diesen Tagen vor Weihnachten beginnt, so dass auch sie zu einem Teil unserer Vorbereitung auf das Hochfest wird.

In den vorausgehenden Meditationen habe ich versucht, drei große Wellen der Evangelisierung in der Geschichte der Kirche nachzuzeichnen. Man könnte sicherlich an weitere große Missionsunternehmungen erinnern, wie die, die der heilige Franz Xaver im sechzehnten Jahrhundert im Orient, in Indien, China und Japan begonnen hat, und wie die Evangelisierung des afrikanischen Kontinents durch Daniele Comboni, Kardinal Guglielmo Massaia und und viele andere. Es gibt dennoch einen Grund für die getroffene Auswahl, der – so hoffe ich – aus den dargestellten Überlegungen klar geworden ist.

Was die verschiedenen, in Erinnerung gerufenen Wellen der Evangelisierung verändert und unterscheidet, ist nicht der Gegenstand der Verkündigung – „der an die Heiligen ein für alle Mal weitergegebene Glaube“ , wie ihn der Judasbrief nennt, sondern es sind seine Adressaten, also die griechisch-römische Welt, die Welt der Barbaren und die Neue Welt, das heißt der amerikanische Kontinent.

Wir fragen uns daher: Wer ist der neue Adressat, der uns von der heutigen Welle als vierter Welle der Neu-Evangelisierung zu sprechen erlaubt? Die Antwort lautet: Die westliche, säkularisierte und in mancher Hinsicht post-christliche Welt. Diese Kennzeichnung, die schon in den Schriften des seligen Johannes Paul II. auftauchte, wurde  ausdrücklich im Lehramt des Heiligen Vaters Benedikt XVI. vorgenommen. Im Motu Proprio, mit dem er den „Päpstlichen Rat zur Förderung der Neu-Evangelisierung“ eingerichtet hat, spricht er von „vielen Ländern der alten christlichen Tradition, die für die Botschaft des Evangeliums unempfindlich geworden sind“. [1]

Im Advent des letzten Jahres habe ich versucht aufzuzeigen, was diesen neuen Adressaten der Verkündigung kennzeichnet, indem ich ihn in drei Wesenszügen zusammengefasst habe: Szientismus, Säkularismus, Rationalismus. Drei Tendenzen, die zu einem gemeinsamen Ergebnis führen, dem Relativismus.

Parallel zum Aufscheinen einer neuen Welt, die zu evangelisieren ist,  haben wir auch jedes Mal eine neue Kategorie von Verkündigern hervortreten lassen. Die Bischöfe in den ersten drei Jahrhunderten (vor allem im dritten), die Mönche bei der zweiten Welle und die Fratres bei der dritten. Auch heute lassen wir eine neue Kategorie von Protagonisten der Evangelisierung hervortreten: die Laien. Es geht natürlich nicht darum, eine Kategorie durch eine andere zu ersetzen, sondern es geht  um eine neue Komponente des Volkes Gottes, die sich zu den anderen hinzufügt, während die Bischöfe mit ihrem Haupt, dem Papst, immer die Bevollmächtigten und Letztverantwortlichen der missionarischen Aufgabe der Kirche bleiben.

2. Wie die Fahrspur eines großen Schiffes

Ich sagte, dass sich im Verlauf der Jahrhunderte die Adressaten der Verkündigung verändert haben, aber nicht die Verkündigung selbst. Ich muss jedoch die letzte Aussage präzisieren. Es ist wahr, dass man das Wesentliche der Verkündigung nicht verändern kann, aber man kann und muss die Art ihrer Darstellung, die Prioritäten, den Ausgangspunkt für die Verkündigung verändern.

Fassen wir den Weg zusammen, den die Verkündigung des Evangeliums gemacht hat, um heute bei uns anzukommen. Da ist vor allem die von Jesus vorgenommene Verkündigung, die diese Nachricht zum zentralen Gegenstand hat: „Das Reich Gottes ist zu euch gekommen“. Auf diese einzigartige und unwiederholbare Phase, die wir „die Zeit Jesu“ nennen, folgt nach Ostern „die Zeit der Kirche“. In ihr ist Jesus nicht mehr der Verkündiger, sondern der Verkündigte: das Wort „Evangelium“ bedeutet nicht mehr „die gute, von Jesus ausgesprochene Nachricht“, sondern die gute Nachricht über Jesus, das heißt, sie hat Jesus und insbesondere seinen Tod und seine Auferstehung zum Gegenstand. Das meint Paulus immer mit dem Wort „Evangelium“.

Man muss dennoch aufpassen, die beiden Zeiten und die beiden Verkündigungen, die von Jesus und die der Kirche, - oder wie man seit langem zu sagen pflegt: den „historischen Jesus“ und den „Jesus des Glaubens“ - nicht zu sehr voneinander zu trennen. Jesus ist nicht nur der Gegenstand der Verkündigung der Kirche, die verkündigte Sache. Wehe, wenn er nur darauf reduziert wird! Es würde bedeuten, die Auferstehung zu vergessen. In der Verkündigung der Kirche ist es der auferstandene Christus, der durch seinen Geist noch immer spricht. Er ist auch das Subjekt, das verkündigt. Wie ein Konzilstext sagt: „Christus ist gegenwärtig in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden“. [2]

Ausgehend von der ursprünglichen Verkündigung der Kirche, das heißt vom Kerygma, können wir die schrittweise Entfaltung der Predigttätigkeit der Kirche durch ein Bild zusammenfassen. Denken wir an die Fahrspur eines Schiffes. Sie beginnt an einer Spitze, der Schiffsspitze, aber sie breitet sich immer weiter aus, bis sie sich am Horizont verliert und die beiden entgegengesetzten Ufer des Meeres berührt. Das ist es, was bei der Verkündigung der Kirche geschehen ist. Sie beginnt an einer Spitze: dem Kerygma „Christus ist für unsere Sünden gestorben und ist für unsere Gerechtmachung auferweckt worden“ (vgl. Röm 4,25; 1 Kor 15,1-3). Und noch prägnanter und knapper: „Jesus ist der Herr!“ (Apg 2,36; Röm 10,9).

Eine erste Ausweitung dieser Spitze erfolgt durch die Entstehung der vier Evangelien, die zur Erklärung dieses ursprünglichen Kerns geschrieben wurden, und durch das übrige Neue Testament. Danach kommt die Tradition der Kirche mit ihrem Lehramt, ihrer Theologie, ihren Institutionen, ihren Gesetzen und ihrer Spiritualität. Das Endresultat ist ein immenses Erbe, das geradezu an die Fahrspur des Schiffes in seiner größten Ausdehnung denken lässt.

Wenn man die säkularisierte Welt re-evangelisieren will, muss man an diesem Punkt eine Entscheidung treffen. Von wo soll man ausgehen? Von irgendeinem Punkt der Fahrspur oder von der Spitze? Der ungeheure Reichtum der Lehre und der Institutionen kann zum Handicap werden, wenn wir versuchen, uns durch ihn dem Menschen zu präsentieren, der jeden Kontakt zur Kirche verloren hat und nicht mehr weiß, wer Jesus ist. Es wäre, als wenn wir einen jener enormen und schweren Chormäntel aus Brokat von früher einem Kind umlegen würden.

Man muss dem Menschen helfen, eine Beziehung zu Jesus aufzubauen. Man muss das mit ihm tun, was Petrus am Pfingsttag mit den dreitausend anwesenden Menschen gemacht hat: zu ihm von Jesus sprechen, den wir gekreuzigt haben und den Gott auferweckt hat; ihn bis zu dem Punkt führen, an dem auch er – im Herzen berührt – fragt: „Was sollen wir tun, Brüder?“. Und wir werden antworten, wie Petrus geantwortet hat: „Bekehrt euch, lasst euch taufen, wenn ihr noch nicht getauft  seid, oder geht beichten, wenn ihr es schon seid“.

Jene, die auf die Verkündigung antworten werden, werden sich auch heute – wie damals –der Gemeinschaft der Gläubigen anschließen, den Unterweisungen der Apostel zuhören und am Brotbrechen teilnehmen. Gemäß dem Ruf und der Antwort des einzelnen werden sie sich das aus dem Kerygma entstandene Erbe Stück für Stück zu eigen machen können. Man nimmt nicht Jesus auf das Wort der Kirche hin an, sondern man akzeptiert die Kirche auf Jesu Wort hin.

Wir haben bei diesem Bemühen einen Verbündeten: den Misserfolg aller von der säkularisierten Welt unternommenen Versuche, das christliche Kerygma durch andere „Rufe“ und „Manifeste“ zu ersetzen. Ich bringe oft das Beispiel von dem berühmten Bild des norwegischen Malers Edvard Munch, das den Titel trägt: „Der Schrei“. Ein Mann auf einer Brücke, vor einem rötlichen Hintergrund, die Hände um den aufgerissenen Mund gelegt, stößt einen Schrei aus, der – das versteht man sofort – ein Angstschrei ist, ein leerer Ruf, ohne Worte, nur ein Laut. Dies scheint mir die treffendste Beschreibung der Situation des modernen Menschen zu sein, der den inhaltsreichen Ruf des Kerygmas vergessen hat und seine Existenzangst ins Leere schreien muss. Wenn es stimmt, wie jemand gesagt hat: „Gott ist die Richtung, in die der Mensch seinen Schrei ausstößt“, dann ist „Der Schrei“ von Munch auf seine Weise ein Gebet.

3. Christus, unser Zeitgenosse

Ich möchte nun versuchen zu erklären, warum es im Christentum möglich ist, zu jedem Zeitpunkt wieder von der Schiffsspitze aus aufzubrechen, ohne dass dies eine geistige Fiktion oder eine einfache archäologische Operation wäre. Der Grund ist einfach: Jenes Schiff durchquert noch immer das Meer, und die Fahrspur beginnt noch immer durch eine Spitze.

Über einen Punkt bin ich nicht mit dem Philosophen Kierkegaard einverstanden, der ja sehr schöne Dinge über den Glauben und über Jesus gesagt hat. Eines seiner Lieblingsthemen ist das der Gleichzeitigkeit Christi. Aber er versteht diese Gleichzeitigkeit in dem Sinne, dass wir uns zu Zeitgenossen Jesu machen. Er schreibt: „Wer an Christus glaubt, ist verpflichtet, sich zu seinem Zeitgenossen in der Erniedrigung zu machen“ [3]. Die Idee ist: Um wahrhaft glauben zu können mit demselben Glauben, der von den Aposteln gefordert war, muss man von zweitausend Jahren Geschichte und Bestätigung Jesu absehen und in die Fußstapfen derer treten, an die Jesus sein Wort gerichtet hat: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich werde euch Ruhe verschaffen“ (Mt 11,28). Gerade er, der nicht einmal einen Stein besaß, auf den er sein Haupt legen konnte!

Die wahre Gleichzeitigkeit Christi ist anders: Er ist es, der sich zu unserem Zeitgenossen macht, weil er, nachdem er auferstanden ist, im Heiligen Geist und in der Kirche lebt. Wenn wir es wären, die sich zu Zeitgenossen Christi machten, wäre es eine rein intentionale Gleichzeitigkeit; wenn Christus sich zu unserem Zeitgenossen macht, ist es eine reale Gleichzeitigkeit. Nach einem etwas gewagten Gedanken der Orthodoxie „ist die Anamnese eine freudige Erinnerung, welche die Vergangenheit noch gegenwärtiger setzt, als sie es zum Zeitpunkt des Erlebens war“. Das ist keine Übertreibung. In der liturgischen Feier der Messe wird das Ereignis des Todes und der Auferstehung Christi für mich noch wirklicher, als es für diejenigen war, die wirklich und leiblich bei dem Ereignis dabei waren, weil es damals eine Gegenwart „dem Fleisch nach“ war; jetzt handelt es sich um eine Gegenwart „dem Geist nach“.

Dasselbe gilt, wenn jemand gläubig bekennt: „Christus ist für meine Sünden gestorben und ist für meine Gerechtmachung auferstanden; er ist der Herr“. Ein Autor des vierten Jahrhunderts schreibt: „Für jeden Menschen nimmt das Leben seinen Beginn ausgehend davon, dass Christus für ihn geopfert wurde. Aber Christus ist für ihn in dem Augenblick geopfert worden, in dem er die Gnade anerkennt und sich des Lebens bewusst wird, das ihm durch dieses Opfer bereitet wurde“. [4]

Mir ist klar, dass es weder einfach noch möglich ist, diese Dinge den Menschen zu sagen und noch weniger der säkularisierten Welt von heute. Aber wir Evangelisatoren müssen das ganz klar haben, um daraus den Mut zu schöpfen und an das Wort des Evangelisten Johannes zu glauben, der sagt: "Er, der in euch ist, ist stärker als der, der in der Welt ist" (1 Joh 4,4).

4. Die Laien als Protagonisten der Evangelisierung

Ich habe anfangs gesagt, dass im Hinblick auf die Protagonisten die Laien das Neue in der heutigen Phase der Evangelisierung sind. Ihre Rolle bei der Evangelisierung haben das Konzil in „Apostolicam actuositatem“, Paul VI. in „Evangelii nuntiandi“ und Johannes Paul II. in „Christifideles laici“ behandelt.

Die Voraussetzungen für diese universale Berufung zur Mission finden sich schon im Evangelium. Nach der ersten Aussendung der Apostel zur Mission, „wählte Jesus“ - so liest man im Lukasevangelium - "andere zweiundsiebzig Jünger aus und sandte sie zu zweit vor sich her in jede Stadt und jeden Ort, wohin er gehen wollte" (Lk 10,1). Diese zweiundsiebzig Jünger waren wahrscheinlich all jene, die er bis zu diesem Zeitpunkt gesammelt hatte, oder zumindest all jene, die bereit waren, sich ernsthaft für ihn einzusetzen. Jesus sendet daher „alle“ seine Jünger.

Ich kannte einen Laien aus den Vereinigten Staaten, einen Familienvater, der neben seinem Beruf auch eine intensive Evangelisationsarbeit betrieb. Er ist ein humorvoller Typ und evangelisiert unter schallendem Gelächter, was nur die Amerikaner zu tun verstehen. Wenn er an einen neuen Ort geht, beginnt er damit, ganz ernst zu sagen: „Zweitausendfünfhundert im Vatikan versammelte Bischöfe haben mich gebeten zu kommen und das Evangelium zu verkündigen“. Die Leute werden natürlich neugierig. Er erklärt dann, dass die zweitausendfünfhundert Bischöfe diejenigen sind, die am Zweiten Vatikanischen Konzil teilgenommen und das Dekret über das Apostolat der Laien (Apostolicam actuositatem) geschrieben haben. Darin wird jeder christliche Laie dazu ermahnt, an der kirchlichen Sendung zur Evangelisierung teilzunehmen. Er hatte vollkommen Recht zu sagen: „Sie haben mich gebeten“. Diese Worte wurden nicht in den Wind gesprochen, zu allen und niemandem. Sie richten sich an jeden katholischen Laien persönlich.

Wir kennen heute die Kernenergie, die sich von der „Fixierung“ des Atoms befreit. Ein Atom Uran wird bombardiert und durch den Schlag eines Partikelchens zweigeteilt, das Neutron genannt wird und in diesem Prozess Energie frei setzt. Davon ausgehend beginnt eine Kettenreaktion. Die beiden neuen Elemente „fixieren“, dass heißt zerhauen, ihrerseits zwei weitere Atome, diese weitere vier und so geht es bei Milliarden von Atomen, so dass die „frei gesetzte“ Energie am Ende ungeheuer groß ist. Es ist keine notwendigerweise zerstörerische Energie, da die Kernenergie auch für friedliche Zwecke zugunsten des Menschen genutzt werden kann. In diesem Sinne können wir sagen, dass die Laien eine Art Kernenergie der Kirche auf geistlicher Ebene sind. Ein Laie, der vom Evangelium erreicht wurde und an der Seite der anderen lebt, kann zwei andere "anstecken", diese weitere vier; und da die christlichen Laien nicht nur einige Zehntausend wie der Klerus sind, sondern Hunderte  Millionen, können sie wirklich eine entscheidende Rolle dabei spielen, in der Welt das wohltuende Licht des Evangeliums zu verbreiten.

Über das Laien-Apostolat hat man nicht erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil angefangen zu sprechen, man sprach darüber schon lange vorher. Das Neue, das das Konzil jedoch auf diesem Gebiet beigetragen hat, betrifft den Titel, unter dem die Laien am Apostolat der Hierarchie teilnehmen. Sie werden nicht als einfache Mitarbeiter bezeichnet, die berufen sind, ihren beruflichen Beitrag, ihre Zeit und ihre Kräfte zu geben. Sie sind Träger von Charismen, die sie, sagt Lumen gentium, "geeignet und bereit machen, für die Erneuerung und den vollen Aufbau der Kirche verschiedene Werke und Dienste zu übernehmen". [5]

Jesus wollte, dass seine Apostel Hirten der Schafe und Menschenfischer seien. Für uns Kleriker ist es einfacher, Hirten zu sein als Menschenfischer. Das heißt, durch das Wort und durch die Sakramente jene zu ernähren, die in die Kirche kommen, als in den verschiedensten Bereichen des Lebens auf die Suche nach den Fernstehenden zu gehen. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf stellt sich heute in umgekehrter Weise dar: Neunundneunzig Schafe haben sich entfernt und eines ist im Schafstall geblieben. Es besteht die Gefahr, die ganze Zeit damit zu verbringen, das eine übrig Gebliebene zu versorgen und keine Zeit zu haben – auch wegen des Priestermangels -, auf die Suche nach den Verlorenen zu gehen. Darin offenbart sich der Beitrag der Laien als providentiell.

Die in diesem Sinne am weitesten fortgeschrittene  Verwirklichung sind die kirchlichen Bewegungen. Ihr spezifischer Beitrag zur Evangelisierung besteht darin, den Erwachsenen die Gelegenheit zu bieten, ihre Taufe wiederzuentdecken und aktive und engagierte Mitglieder der Kirche zu werden. Viele Bekehrungen von Erwachsenen und die Rückkehr  vieler nomineller Christen zur christlichen Praxis ereignen sich im Umfeld dieser Bewegungen. Eine der Zielsetzungen der im vergangenen Oktober abgehaltenen Tagung über die Evangelisierung war es gerade, so scheint mir, die verschiedenen und originellen Formen der von ihnen erfahrenen Evangelisierung zu sammeln.

Der Heilige Vater Benedikt XVI. ist erst kürzlich auf die Bedeutung der Familie in Hinblick auf die Evangelisierung zurückgekommen. Er sprach von einem „Protagonismus der christlichen Familien“ auf diesem Gebiet. Er sagte: "Wie die Gottesfinsternis und die Krise der Familie in Beziehung zueinander stehen, so ist die Neuevangelisation nicht von der christlichen Familie zu trennen“ [6].

Der heilige Gregor der Große schreibt, als er den Text von Lukas kommentiert, wo es heißt, dass Jesus „weitere zweiundsiebzig Jünger auswählte und sie zu zweit vor sich her in jede Stadt und jeden Ort sandte, wohin er gehen wollte“ (Lk 10,1), dass er sie zu zweit aussendet, „weil unter weniger als zweien keine Liebe existieren kann“, und die Liebe ist das, woran die Menschen erkennen können, dass wir Jünger Jesu sind. Das gilt für alle, aber in ganz besonderer Weise für die Eltern. Wenn sie nichts mehr tun können, um ihren Kindern im Glauben zu helfen, würden sie schon viel tun, wenn diese bei ihrem Anblick sagen könnten: "Seht, wie Mama und Papa sich lieben". "Die Liebe stammt von Gott", sagt die Heilige Schrift (1 Joh 4,7); und das erklärt, warum überall dort, wo ein wenig wahre Liebe ist, immer Gott verkündet wird.

Die erste Evangelisierung beginnt in den Mauern des Hauses.  Einem jungen Mann, der ihn fragte, was er tun müsse, um gerettet zu werden, gab Jesus eines Tages zur Antwort: „Geh, verkaufe, was du hast, und gib das Geld den Armen ..., dann komm und folge mir“ (Mk 10,21). Aber einem anderen jungen Mann, der alles verlassen und ihm folgen wollte, erlaubte er es nicht, sondern sagte zu ihm: „Geh nach Hause zu den Deinen; verkünde ihnen das, was der Herr an dir getan und die Barmherzigkeit, die er dir erwiesen hat“ (Mk 5,19).

Es gibt einen berühmten Negro-Spiritual mit dem Titel „There is a balm in Gilead“, „Das ist ein Balsam in Gilead“. Einige seiner Worte können die Laien – und nicht nur sie – bei der Aufgabe der Evangelisierung von Mensch zu Mensch, von Tür zu Tür ermutigen. Er sagt:

„If you cannot preach like Peter, if you cannot preach like Paul, go home and tell your neighbor that Jesus died for all“.

„Wenn du nicht wie Petrus predigen kannst; wenn du nicht wie Paulus predigen kannst, dann geh’ zu dir nach Hause und sage den Deinen: Jesus ist für uns gestorben!“

In zwei Tagen ist Jesu Weihnachten. Es ist tröstlich für unsere Geschwister, die Laien, daran zu erinnern, dass um die Wiege herum außer Maria und Josef ihre Repräsentanten standen, die Hirten und die Magier.

Weihnachten bringt uns zurück zur Spitze der Spitze der Fahrspur des Schiffes, weil alles dort bei dem Kind in der Krippe angefangen hat. In der Liturgie werden wir den Ausruf hören: „Hodie Christus natus est, hodie Salvator apparuit“; „Heute ist Christus geboren, heute ist der Retter erschienen“. Wenn wir dies hören, dann denken wir daran zurück, was wir über die Anamnese gesagt haben, die ein Ereignis gegenwärtiger setzt, als es bei seinem ersten Geschehen war. Ja, Christus wird heute geboren, weil er für mich wahrhaft in dem Augenblick geboren wird, in dem ich das Geheimnis anerkenne und daran glaube. „Was nützt es mir, dass Christus einst in Betlehem geboren wurde, wenn er nicht erneut durch den Glauben in meinem Herzen geboren wird“: Diese Worte wurden von Origenes ausgesprochen, und sie wurden vom heiligen Augustinus und vom heiligen Bernhard wiederholt. [7]

Machen wir uns die Anrufung zu eigen, die unser Heiliger Vater für seine Weihnachtsgrüße in diesem Jahr ausgewählt hat und wiederholen wir sie mit der ganzen Sehnsucht des Herzens: „Veni ad salvandum nos“. Komm, Herr, und rette uns!

[Übersetzung aus dem Italienischen von Dr. Edith Olk © Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana]

[1] Benedikt XVI., Motu Proprio „Ubicunque et semper“

[2] Sacrosanctum Concilium, Nr. 7

[3] S. Kierkegaard, Übung des Christentums I, E (Der Arrest) (in: Werke, hrsg. von C. Fabro, Florenz 1972, S. 708)

[4] Osterpredigt im Jahr 387 (Sch. 36, S. 59f.)

[5] Lumen Gentium, Nr. 12

[6] Benedikt XVI., Ansprache an die Vollversammlung des Päpstlichen Rates für die Familie, in „L’Osservatore Romano“, 2. Dezember 2011, S. 8

[7] Origenes, Kommentar zum Lukasevangelium, 22,3 (Sch. 87, S. 302)