Vierter Advent

Ohne Kirche kein Weihnachten

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Von Msgr.Dr. Peter von Steinitz

MÜNSTER, 16. Dezember 2011 (ZENIT.org). - Im Evangelium des 4. Adventssonntags wird von den wenigen Perikopen, die von Maria handeln, die vornehmste und für unser Heil so wichtige vorgelegt: „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft“ (Lk  1,26-38). Bei allen vorbereitenden Impulsen, die die Liturgie der Kirche im Advent präsentiert, ist dieser die entscheidende Voraussetzung für das Weihnachtsfest. Hätte Maria, die genauso frei war wie alle Menschen, zu der Botschaft nein gesagt, wäre der Gottessohn nicht in unsere Welt gekommen, wir wären nicht erlöst.

Die Worte des Erzengels Gabriel gaben der Kirche sehr bald Anlass, ihr Gebet – nächst dem trinitarischen Gott – auch an Maria zu richten, um ihre Fürsprache anzurufen, zu der uns der Herr selbst auffordert, wenn er am Kreuz sagt: „Siehe da deine Mutter!“

Nach dem Vaterunser ist das Gegrüßet seist du, Maria das beliebteste Gebet, das Christen sprechen. Zu allen Zeiten, in allen Religionen, haben Menschen den Zugang zu Gott im Gebet gesucht, und es gibt wunderbare Gebete aus allen Sprachen und Religionen.

Um uns nun aber die Sicherheit zu geben, dass unser Gebet überhaupt bei Gott ankommt, wollte Jesus selbst uns ein Gebet schenken, von dem wir mit Sicherheit sagen können: das hört Gott gern. Das gleiche lässt sich vom Avemaria sagen, enthält es doch im ersten Teil Worte vom Himmel und im zweiten Teil Worte der Demut und des Vertrauens vonseiten des Beters.

Dieser Umstand, wie auch die Art und Weise, wie Jesus uns zu beten empfiehlt, nämlich mit Beharrlichkeit, ist für unsere Zeit besonders wichtig, denn viele Christen sind in ihrem Denken und Handeln dem Irrtum des sog. Modernismus aufgesessen, jener schon von Pius X. abgelehnten Lehre, die in der Praxis dazu führt, dass man nicht Gott sucht, wie er unabhängig von mir selber wirklich ist, sondern dass ich mir letztlich „meinen Herrgott selber mache“. In dieser Haltung baut man dann die Kirchen nicht mehr zur Ehre Gottes, sondern für die „religiösen Bedürfnisse" der Menschen, wobei es dann auch nicht so wichtig ist, ob man Kirchen, Moscheen oder Tempel baut.

Aufgrund der von Christus angezeigten Vorgaben versucht die Kirche seit nunmehr zweitausend Jahren den Menschen zu vermitteln, worauf es ankommt, damit der einzelne Mensch zum ewigen Leben findet. Dass er sich außerdem hier auf Erden wohlfühlt, kann nur begrüßt werden, aber es wäre nicht im Sinne Christi, wenn das die Hauptsache wäre. „Suchet zuerst das Reich Gottes, und alles andere wird euch dazu gegeben werden!"

Oft genug ist es dem Herrn selbst passiert, dass die Leute etwas anderes wollten als er, aber er konnte ihnen nicht immer zu willen sein, denn wir Menschen sind da manchmal wie kleine Kinder, die auch oft Wünsche haben nach etwas, das ihnen gar nicht gut tut. Gott ist der „je ganz andere", er ist nicht der gute Onkel, der immer tun muss, was wir gerade wünschen. Wenn wir so beten, werden wir häufig enttäuscht, denn wir sind seine Geschöpfe, während wir oft – unbewusst – so tun, als wäre er unser Geschöpf. Das heißt Gotteskindschaft nicht, dass wir über Gott verfügen können.

In den letzten Monaten ist im Zusammenhang mit einigen Skandalen in der Kirche eine Unterschriftensammlung entstanden – ausgehend von Lehrern der katholischen Religion –, die  wieder einmal versucht, die Fragen der Kirche, die bei vielen Gläubigen Verdrossenheit hervorrufen, demokratisch anzugehen und zu lösen. Anhänger dieser Richtung meinen, dass das Volk darüber abstimmen sollte, wie bestimmte Probleme zu lösen sind, einschließlich all der Fragen, die schon gelöst sind, die nur nicht immer leicht zu leben sind. Der Zölibat kommt manchen, vor allem denen, die nichts damit zu tun haben, als schwer erträglich vor. Also soll man diskutieren und beschließen, dass er abgeschafft wird. Gerade in dieser Frage hat Jesus selbst gesagt „Wer es fassen kann, der fasse es": im Klartext: nicht jeder kann es verstehen, vor allem nicht derjenige, der keine Berufung zur Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen" hat. Da das die Mehrheit ist, wäre eine solche Frage, wenn sie mehrheitlich entschieden würde, bereits anders beantwortet, als Christus selbst sie gesehen hat. Wenn der Herr nicht so feinfühlig wäre, hätte er vielleicht hinzugefügt: „Und wer es nicht fassen kann, der halte sich da heraus“.

Im Augenblick befinden sich die meisten angesprochenen Probleme noch auf der Ebene des menschlichen Rechtes, d.h. in Zusammenhängen, zu denen Christus nicht direkt Verbindliches gesagt hat. Aber mit Sicherheit würden die Promotoren dieser Bewegung nicht bei Fragen des Zölibats und des Frauendiakonats stehen bleiben. Bei dem heutigen Stil der öffentlich gelenkten Diskussion - es wird in der Regel in der Woche das in Deutschland diskutiert, was am Montag der „Spiegel“ zu diskutieren vorschreibt - ist damit zu rechnen, dass im Rahmen eines kirchlichen Volksbegehrens dann auch Probleme der chemischen und mechanischen Geburtenbeschränkung und dann der Abtreibung „positiv“ entschieden werden. Später würde man in einer demokratischen Beratung auch die Glaubenssätze in Frage stellen können, die Dogmen. Es dürfte nicht schwer sein, einer Mehrheit plausibel zu machen, dass man die Theologie von mythischen und legendären Elementen freimachen müsse, dass Wunder dem modernen („gesunden“?) Volksempfinden nicht mehr entsprechen, und man viele Dinge neu interpretieren muss. Aber verlieren wir uns nicht in Einzelheiten! Es genügt sich grundsätzlich zu fragen: hat Christus die Kirche so gewollt?

Auch im Altertum gab es Demokratie, er hätte die Kirche demokratisch einrichten können. Er hat es aber nicht getan. Er hat das Lehramt, die Aufgabe, das Reich Gottes in seinem Auftrag zu richtig zu deuten, nicht den Schriftgelehrten, sprich Theologen, Spezialisten, Ausschussvorsitzenden etc. anvertraut, sondern nur den Aposteln. Nur zu ihnen und ihren Nachfolgern, den Bischöfen hat er gesagt: „Wer euch hört, der hört mich, wer euch verwirft, der verwirft mich“ (Lk 10,16). An der Spitze der Apostel Petrus, an der Spitze des Bischofskollegiums der Nachfolger Petri, der Bischof von Rom.

Liegt die viel herbei geredete Verdrossenheit nicht vielleicht ganz woanders als daran, dass es die Bischöfe sind, die das Wort Gottes verwalten? Hat es nicht mit einer penetranten Propaganda zu tun, die tagtäglich über uns ausgegossen wird, und die sehr oft im Stil des „Stürmers" und ähnlicher ideologischer Pamphlete unseligen Angedenkens das Denken der Menschen manipuliert?

Im Vaterunser beten wir nicht nur: gib uns täglich das Brot, das wir brauchen - gegen diese Bitte hat ganz gewiss niemand etwas einzuwenden. Aber wir beten auch: dein Name werde geheiligt, dein Wille geschehe! Wenn Gott wirklich der Herr ist und nicht wir selber, dann müssen wir auch dahinterstehen: Herr, es kann sein, dass du etwas anderes willst als wir - dann müssen wir uns fügen nicht umgekehrt.

Wir müssen uns auch dieser Frage stellen: will ich überhaupt, dass der Name Gottes geheiligt werde, dass sein Reich komme? Wir leben in einer Welt, die sich fast perfekt ohne Gott eingerichtet hat. Man hat ihn aus allem herauskomplimentiert, oft sogar aus der Kirche. Das ist wahrscheinlich die größte Sünde unserer Zeit: eine Gesellschaft ohne Gott, eine Umwelt ohne Schöpfer, eine Kirche des sozial-karitativen Engagements. Wo wird der Name Gottes denn geheiligt?

Das bevorstehende Weihnachtsfest gibt uns einen guten Anlass, dafür dankbar zu sein, dass Gott die Menschwerdung seines Sohnes in Demut und Armut keinem demokratisch gewählten Gremium vorgelegt hat. Demokratie ist im Prinzip gut, aber das Beispiel zeigt, dass auch gut meinende Parlamentarier diesem Plan Gottes wohl nicht zugestimmt hätten. Denn so hätte sich kaum einer den Erlöser der Welt vorgestellt: in einem Stall geboren, in einer Futterkrippe liegend. Oder gar wie ein Verbrecher hingerichtet. Maria steht für die (letztlich doch vielen) Menschen, die, mit einem Wort von Papst Benedikt, ein „hörendes Herz“ haben. Mit einer solchen Grundeinstellung können große Dinge geschehen.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt" und „Leo - Allah mahabba“.