Virgo Potens: Eine geistliche Bildbetrachtung zum Hochfest der Unbefleckten Empfängnis

Peter Paul Rubens, Immaculata Conceptio

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Von Nicki Schaepen*

TÜBINGEN, 7. Dezember 2011 (ZENIT.org). - Peter Paul Rubens, Immaculata Conceptio, 1628‑1629, Öl auf Leinwand, 198x135cm, Museo del Prado, Madrid.

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In seinem Kommentar zum Lukasevangelium spricht der hl. Bonaventura einen entscheidenden Gedanken aus, der die Marienfrömmigkeit nicht nur des Mittelalters, sondern auch der Frühneuzeit und dann wieder spätestens ab der Verkündigung des Dogmas 1854 bis in unsere heutige Zeit geprägt hat. Der Heilige sagt, dass keiner in den Himmel eintreten könne, der nicht durch Maria hindurchgehe, die dessen Zugang sei. Wie Gott durch sie zu uns gekommen sei, müssten wir durch sie zu Gott zurückgehen. Weil der Aufstieg zu Gott über sie hingehe, werde sie auch „Leiter“ genannt (cf. S. Bonaventura, Comment. In Evang. Lucae c. 1 n.70, Opera omnia, ed. Quaracchi, Tom. VII 27a). Ganz in diesem Sinne nennt der hl. Anselm Maria „die Tür zum Leben, den Eingang zum Heil, den Weg zur Versöhnung, die uns gegebene Möglichkeit zur Wiedererlangung des Lebens“ (S. Anselmus Cant., Oratio 52, PL 158, 954‑955) [1].

Peter Paul Rubens (1577-1640) hat in seiner Darstellung der Immaculata diese Elemente miteinander vereint. In seiner Komposition verdichtet der flämische Barockmaler die wesentlichen Elemente des Glaubensgeheimnisses durch Attribute und Gesten. Der Blick Mariens, die sich über der Mondkugel erhebt, ist gesenkt; ihre Rechte deutet nach oben, während ihre Linke nach unten weist und dabei von ihrem blauen Mantel hinterfangen wird. Ihre Gestalt wird umstrahlt von einem mandelförmigen Nimbus, in dessen Schein hinein sich ihr transparenter Schleier zu weben scheint und in der über ihrem Haupte schwebenden Sternenkrone kulminiert. Mit ihrem baren rechten Fuß zertritt die Immaculata eine sich windende Schlange, die mit ihren Giftzähnen den Stängel eines verschorften Apfels umschließt. Ein Putto, der sich auf einer v-förmigen Wolke links neben der Immaculata befindet, ärgert die Schlange mit Hilfe eines Palmzweiges, während ein anderer rechts einen Lorbeerkranz zum Haupt der Gottesmutter emporhebt.

Dem theologisch geschulten Auge ist es eine wahre Freude, diese Vielzahl an Hinweisen in ihrem raffinierten Miteinander auf unterschiedliche Weise zu betrachten. Ähnlich wie in der geistlichen Meditatio erscheint der erste grobe Blick auf das Bild wie eine Vorüberlegung, der sich im weiteren Zusehen einige Betrachtungspunkte anschließen und die durch die zentralen Gesten und Attribute der Gottesmutter gegeben sind. In der weiteren Meditation wird dann die Vielschichtigkeit der Betrachtungspunkte und ihre wechselseitige Steigerung in immer tieferer Weise geschaut.

Maria erscheint uns zunächst als Mittlerin der Gnaden, als Mediatrix [2]. Schon durch ihre Position und Handhaltung gibt uns die Immaculata diese Rolle zu verstehen. Sie schwebt zwischen Himmel und Erde, erhebt sich als Inbegriff der Tugend der Constantia über die Wechselhaftigkeit des Mondes, ihr Blick reicht über die Schlange zu uns Menschen, den Betrachtern, die zu ihr aufschauen. Im Verein ihres Blickes, der, gleichwohl gesenkt, doch ihre „barmherzigen Augen“ (Salve Regina) erkennen lässt, und ihrer nach oben weisenden Rechten mag sie uns jenes Geheimnis bedeuten, das in der Sekret der alten Vigil von Mariä Himmelfahrt folgendermaßen ausgedrückt wird: „Deshalb nämlich hast du, Gott, sie [Maria] aus dieser Daseinswelt hinübergeholt, damit sie zuversichtlich für unsere Sünden bei ihm [Christus] eintrete“. Maria ist dort Mittlerin der Gnaden. Sie ist es, weil sie durch die Erbsünde unbefleckt, gleichsam als „neue Eva“ nicht nur als vollendete Vertreterin ihres Geschlechtes, sondern mehr noch, des ganzen Menschengeschlechtes aufstrahlt („Ecce enim ex hoc beatam me dicent omnes generationes“, Magnificat) [3]. In der Marienmesse vom Samstag beten wir in der Collecta, dass wir durch die Fürsprache der Jungfrau von der gegenwärtigen Trübsal befreit und die ewige Freude genießen mögen. Durch ihre vollkommende Treue und ihr schmerzhaftes Mitleiden unter dem Kreuz wird diese hervorragende Mittlerschaft Mariens bestätigt. Da sie auch Königin der Märtyrer ist, trägt einer der sie begleitenden Putti den Palmzweig, der als ein allgemeines Attribut der Blutzeugen Christi gilt. Mit ihm plagt er die zertretene Schlange und bestätigt durch sein schelmisches Lächeln, wie ungefährlich sein Spiel in Begleitung der so mächtigen Himmelskönigin ist. Der Putto auf der rechten Bildseite hebt daher auch den triumphierenden Lorbeer empor.

Lassen wir uns durch die Betrachtung des Bildes anregen, mit den Worten der Lauretanischen Litanei, diese „virgo potens“, die in ihrer Mittlerschaft uns wahrlich „Leiterin“ zum Himmel ist, um ihre Fürsprache anzurufen, und schließen wir unsere Bildbetrachtung mit dem Gebet: „Großer und heiliger Gott, im Hinblick auf den Erlösertod Christi hast du die selige Jungfrau Maria schon im ersten Augenblick ihres Daseins vor jeder Sünde bewahrt, um deinem Sohn eine würdige Wohnung zu bereiten. Höre auf ihre Fürsprache: Mache uns frei von Sünden und erhalte uns in deiner Gnade, damit wir mit reinem Herzen zu dir gelangen. Darum bitten wir durch Jesus Christus…“

[1] Für die Bedeutung der Immaculata Conceptio in der Konziliengeschichte vgl. Konzil von Basel (Entscheidung vom 17.09.1439); Bemühungen Papst Sixtus‘ IV. (Cum praeexcelsa, 1476; Libenter ad ea, 1480; Grave nimis, 1482); Konzil von Trient (Dekret vom 17.06.1546) und schließlich Pius IX. (Ineffabilis Deus, 08.12.1854).

[2] Zur Art der Gnadenvermittlung Mariens vgl.: Anselm Stolz, Die Mittlerin aller Gnaden, in: Katholische Marienkunde. Band II: Maria in der Glaubenswissenschaft, hrsg. von Paul Sträter unter Mitarbeit von Johannes Beumer, Carl Feckes und Anselm Stolz. Paderborn ²1952, 241‑271.

[3] Vgl. dazu die Anschauung Mariens als des „Weibes“ in Gn 3,15 und folgende Bibelstellen: Gn 28.17; Est 15.13; HL 2.2; 4.4,7,12; 6.10; Weish 7.26; Is 11.1; Ez 44.1; Lk 1,28.

*Nicki Schaepen, 1977 in Hechingen geboren, studierte Kunstgeschichte und neuere Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin und der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und schloss sein Studium mit einer Arbeit über Anton van Dycks Selbstbildnis mit der Sonnenblume ab. Im Jahr 2007 trat er in das Bischöfliche Theologenkonvikt in Tübingen ein, wo er zurzeit seine Priesterausbildung vollendet, in deren Rahmen er sich auch für längere Zeit in Rom aufhielt.