Vom ewigen Kampf um die Wahrheit: Kardinal-Staatssekretär Tarcio Bertone predigte in Rimini

Eröffnung des 28. Treffens „für die Freundschaft der Völker“ in Rimini (Italien)

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ROM, 20. August 2007 (ZENIT.org).- Am Sonntagvormittag eröffnete Kardinal-Staatsekretär Tarcisio Bertone mit einem feierlichen Gottesdienst das Meeting 2007 „für die Freundschaft der Völker“. Die alljährlich stattfindenden Meetings werden von der Bewegung „Comunione e liberazione“ organisiert und gehören in Italien zu den großen kirchlichen, sozialen und kulturellen Ereignissen der ausgehenden Ferienzeit. Die von „Comunione e Liberazione“ veranstalteten Meetings dienen nicht nur der inneren Auseinandersetzungen der kirchlichen Bewegung. Sie beabsichtigen in erster Linie eine Auseinadersetzung mit den großen Problemen und Herausforderungen in Kirche und Gesellschaft. Davon ausgehend können die Treffen zum einen als kritische Bestandaufnahme und zum anderen als programmatische Vorgabe für die Zukunft in kurz- und mittelfristiger Perspektive betrachtet werden.



Das diesjährige Meeting steht unter dem Thema: „Die Wahrheit ist die Bestimmung, für die wir geschaffen sind“. In seiner Predigt erinnerte Kardinal Bertone an die Wertschätzung, die Papst Benedikt XVI. für die Bemühungen der Veranstalter der Meetings in Vergangenheit und Gegenwart hegt.

Diese Wertschätzung kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass es in diesem Jahr der Kardinal-Staatsekretär ist, der zur Eröffnung des Treffens geladen war. Bereits nach dem Gebet des „Engel des Herrn“ am gestrigen Sonntag hatte der Papst die Hoffnungen erkennen lassen, die er in die Arbeit der Begegnung setzt.

Der Staatsekretär erinnerte an die Thematiken der Treffen der vergangenen Jahre, mit denen in mehreren Anläufen eine vertiefte Reflexion über all das geführt wurde, was den Menschen an seine Bestimmung und an sein ununterdrückbares Verlangen nach dem Unendlichen bindet.

Das diesjährige Thema konzentriere sich auf die Wahrheitsfrage. „Der Durst nach Wahrheit bildet von jeher ein tiefes Streben und eine anspruchsvolle Herausforderung für jeden Menschen“, so Kardinal Bertone. Der Mensch fühle sich dazu hingezogen, „auf die vielen Warum des Lebens Antworten zu geben, die Wahrheit zu suchen“. Der Mensch suche mit den Worten Papst Johannes Pauls II. „von Natur aus nach der Wahrheit. Diese Suche ist nicht allein zur Aneignung von partiellen, faktischen oder wissenschaftlichen Wahrheiten bestimmt… Seine Suche strebt nach einer jenseitigen Wahrheit, die in der Lage sein soll, den Sinn des Lebens zu erklären; es handelt sich daher um eine Suche, die nur im Absoluten Antwort finden kann“ (Fides et ratio, 33).

Kardinal Bertone wies darauf hin, dass im aktuellen soziokulturellen Kontext die Wahrheit „nicht selten ihren universalen Wert verliert“. Sie werde zu einem „relativen“ Bezugspunkt und oft mit dem Begriff der Meinung gleichgestellt. „Manchmal hat man den Eindruck, dass man in der Atmosphäre des Relativismus und des Skeptizismus, welche unsere Zivilisation durchdringt, sogar dazu kommt, ein radikales Misstrauen gegenüber der Erkenntnismöglichkeit der Wahrheit zu proklamieren.“ Bertone fragte sich: „Ist es vielleicht nicht wahr, dass wir in dieser modernen Haltung gegenüber der Wahrheit auf eindringlichste Weise den ganzen hintergründigen Skeptizismus wahrnehmen, der in der beunruhigenden Frage des Pilatus vor Christus enthalten ist: ‚Was ist die Wahrheit?‘“

Bereits Kardinal Ratzinger habe in einem Essay zum Werk „Dienstanweisung für einen Unterteufel“ („Screwtape Letters“) von C.S. Lewis bemerkt, dass die Aufgabe der Annahme und der Suche nach der Wahrheit einer Immunisierung gegenüber der Sinnhaftigkeit der Wahrheitsfrage bedeute, was einem wesentlichen Charakterzug der Moderne entspreche. Als Benedikt XVI., so der Kardinal-Staatsekretär weiter, habe er erneut dieses Thema in seiner Ansprache während einer Begegnung mit den Studenten der Lateranuniversität angeschnitten: „Wenn man nämlich die Frage nach der Wahrheit fallen lässt sowie die konkrete Möglichkeit für jeden Menschen, sie erreichen zu können, wird das Leben am Ende auf eine Reihe von Hypothesen ohne sichere Bezugspunkte reduziert“ (Besuch der Päpstlichen Lateranuniversität, 21. Oktober 2006). Auf diese Weise werde das Leben „blass, sinnlos und ist letztlich jeder möglichen Form der Gewalt und des Machtmissbrauchs ausgesetzt, wie uns die Chronik aller Tage leider festzustellen zwingt“.

Ausgehend von den Lesungen des Tages (20. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C) hob Kardinal Bertone hervor, dass der Prophet Jeremias so wie Jesus keine „bequeme Kompromisswahrheit verkündet, keine opportunistische Wahrheit, sondern die Wahrheit in ihrer Ganzheit; eine Wahrheit, die dem genauen Willen Gottes entspricht, auch wenn sie unbequem ist. Wer dazu entschlossen ist, der Wahrheit zu dienen, wer Gott treu bleiben will, muss sich darauf vorbereiten, am eigenen Leib die Situation des Jeremias zu erfahren, dasselbe Schicksal wie Christus.“

Wer mit Christus sei und ihm nachfolge, müsse mit Verfolgung rechnen. Der Christ aber erschrecke nicht über ungerechtfertigten Tadel und Verlachung. Die Kraft, mit der Christus „dem Tod entgegentrat, soll uns zum Anreiz gereichen, um den Prüfungen des Lebens mutig entgegenzutreten“.

Christus fordert uns nach Worten des Kardinals dazu auf, Kompromissen nicht nachzugeben, wenn die Wahrheit unserer Beziehung mit Gott auf dem Spiel steht. Jesus sei gekommen, um – mit dem Wort des Evangeliums gesprochen – die „Spaltung“ zu bringen (vgl. Lk 12,51). Diese Spaltung bedeute: „heilige“ Zwietracht, Widerstand gegen den Bösen, gegen Satan, „dessen Ziel in der Zerstörung des Werkes Gottes und in der Abkehr des Menschen von der Freundschaft mit ihm besteht“. Es handle sich um den Kampf „zwischen dem Allmächtigen und Satan, seinem wahren Gegner“.

Satan stehe seit den Anfängen der Menschheit, seit dem tragischen Ereignis der Ursünde gegen Gott. Sein Ziel sei es – wäre es ihm nur möglich –, ihn zu vernichten, „um das Reich des Chaos, des Hasses und des Unglückes zu errichten. Sein Ziel ist es, den Menschen an sich zu ziehen und ihn sich zu unterwerfen. Um das zu tun, muss er ihn auf alle erdenkliche Weise von Gott trennen.“

Kardinal Bertone verwies darauf, dass die Geschichte zeige, dass viele Menschen dem Satan ins Netz gegangen seien und noch immer auf ihn reinfielen – Menschen, die den Fortschritt suchten und bestrebt sein, glücklich zu werden, „indem sie den trügerischen Ratschlägen des Bösen folgen, der den Menschen dazu drängt, sich selbst aus sich selbst heraus zu verwirklichen, unter Ausschluss Gottes oder gar gegen Gott“. Das Ergebnis ist nach Bertone „Misserfolg und Verderbnis, Unglück und Tod“.

Jesus sei gekommen, „um die listige und geschickte Strategie des Teufel zu entlarven. Er hat allen Satan als den einzigen wahren Feind Gottes und des Menschen gezeigt und hat gegen ihn den großen Kampf des Heils entfacht.“ Christus bringe das „Feuer der Spaltung vom Teufel, das Feuer der Wahrheit, das das wahre Gesicht Satans als das des Vaters der Lüge erhellt; das Feuer, das das Gute vom Bösen, die Wahrheit vom Irrtum klar unterscheiden lässt; ein Feuer mithin der ‚heiligen‘ Zwietracht, das einen jeden von uns in die Pflicht nimmt, Stellung zu beziehen, eindeutig zu entscheiden, ob man mit Gott oder gegen ihn ist“.

Kardinal Bertone beschloss: „Die Wahrheit erkennen und wählen heißt, mit Christus sein.“ Christus sei der einzige, der „die Wahrheit als Person verkörpern kann. Er ist die Person gewordene Wahrheit, die Mensch gewordene Wahrheit, und wer ihn sucht und ihm nachfolgt, verwirklicht sich selbst vollkommen“.