Vom Familienvater zum christlichen Helden

Anlässlich der Seligsprechung von Odoardo Focherini erzählt sein Enkel von der Tugendhaftig- und Heiligkeit seines Großvaters

Rom, (ZENIT.org) Luca Marcolivio | 406 klicks

Am morgigen Samstag wird Odoardo Focherini (1907-1944), Mitglied bei der Azione Cattolica, der der Gewalt des Faschismus zum Opfer fiel, selig gesprochen werden. Für die Rettung von hundert Juden erhielt Focherini vom israelischen Staat den Ehrentitel des „Gerechten unter den Völkern“.

Während einer Pressekonferenz in der letzten Woche in Rom traf ZENIT Francesco Manicardi, den Sohn von Gianna, der fünften Tochter Focherinis. Manicardi, der genau wie sein Großvater Journalist ist, erläuterte verschiedene Aspekte aus dem Leben der Menschlichkeit des zukünftigen Seligen. Er sei ein Mann gewesen, der sich im normalen Alltagsleben mit Familie und Arbeit ein Beispiel an Jesus genommen habe.

Sie selbst haben Ihren Großvater Odoardo nie persönlich kennengelernt. Welches Bild haben Ihnen Ihre Verwandten von seiner Persönlichkeit und Lehre vermittelt?

Francesco Manicardi: Alle Enkel (insgesamt sind wir 15!) und Kinder von Odoardo Focherini haben Odoardo kennengelernt: zum einen durch die vielen Fotos meiner ältesten Tante Olga und durch die Erzählungen meiner Großmutter Maria, die wir sehr gut kannten: eine zwar sehr kleine und zierliche, aber sehr starke Frau. Sie war immer schwarz gekleidet und 45 Jahre lang in Trauer. Ihr Leben teilte sie zwischen Haus, Kindern, Enkeln und der Kirche auf, in der sie täglich die Eucharistie empfing. Uns wurde ein Bild von Odoardo vermittelt, in dem er als lebendig, herzlich, gesellig und offen für andere Personen beschrieben wurde. Sein Haus war nicht nur offen für seine Freunde (aus Carpi, Trient und anderen Teilen Italiens), sondern auch für andere Menschen, die Hilfe benötigten: sei es der arme Nachbar oder ein hilfsbedürftiges Mädchen. Odoardo und Maria Focherini empfanden eine Väter- und Mütterlichkeit auch gegenüber den Söhnen und Töchtern anderer. Dies war sicherlich auch Grund dafür, dass Focherini den Verfolgten half und sie als seine Brüder und Kinder betrachtete. Seine Großmutter Maria sagte ihm stets:„Unsere Kinder leben in Sicherheit und haben ein Dach über dem Kopf, sie aber nicht: Geh, und hilf ihnen!“

Odoardo Focherini ist der Titel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen worden.Wie aktuell ist seine Person in der heutigen Zeit, in der der interreligiöse Dialog manchmal immer noch schwierig scheint?

Ende der sechziger Jahre wurde Odoardo Focherini die Auszeichnung des „Gerechten unter den Völkern“ verliehen. Ein Christ, der sein eigenes Leben in Gefahr gebracht hatte, um Juden zu retten. Nun wird er selig gesprochen. Bereits Im Jahre 2007 hatte Staatspräsident Napolitano ihm die Goldene Medaille für zivile Dienste verliehen.

Odoardo ist sowohl auf menschlicher Ebene als auch weltkirchlich und in Israel bekannt. Meiner Meinung nach ist das wirklich ein Beispiel für den interreligiösen Dialog sein. Diesen Dialog führte mein Großvater vor allem durch die Aufnahme der Armen, des Jüngeren, dem es an Ausbildung fehlt, und auch Juden. Diese Offenheit und Aufnahme der Mitmenschen lebte er persönlich, erst innerhalb der kleinen Gemeinde von Carpi, und so wie es später auch Don Zeno Saltini aus Nomadelfia und andere Personen mit Rang und im Dienste Gottes taten.

Noch eine andere wichtige Sache: In Carpi wurde eine Schule nach meinem Großvater benannt. Diese Schule führte einmal eine Komödie auf, die über das Leben meines Großvaters erzählt. Die Hauptrolle wurde mit einem Moslem besetzt: das ist doch ein wirklich sehr schönes Beispiel für den interreligiösen Dialog.

Was für eine Art Journalist war Odoardo Focherini? Inwieweit lebte er seinen Beruf als Christ aus?

Als Junge erlernte mein Großvater gemeinsam mit Zeno Saltini, der später zum Priester geweiht wurde, die Bedienung von Druckmaschinen und veröffentlichte eine Zeitung für katholische Jugendliche in Italien. Später wurde er lokaler Korrespondent für den Avvenire d’Italia und den Osservatore Romano. Schließlich wurde er Leiter des Avvenire d’Italia undverlor nie sein Interesse an der Kommunikation und den Medien, obwohl diese zu dieser Zeit vom Regime kontrolliert wurden.

In seinen Artikeln behandelte keine Themen wie Religion und Glaube, betonte jedoch stets die große Menschlichkeit der Personen, denen er begegnete: einen Bischof, die Teilnehmern bei den Eucharistischen Kongressen, ein Priester wie z.B. Pfarrer Agostino Gemelli. Focherini war kein herausragender Journalist, jedoch sehr direkt und konkret. Als Direktor der Zeitung sprach er sich gegen die Gewalt des Regimes aus, bis er nach dem 8. September schließlich die Veröffentlichungen einstellten musste.

Ihr Großvater war auch Versicherungsvertreter ...

Wenn ich von der Lebensgeschichte meines Großvaters an Schulen erzählen, sage ich immer: „Wenn ein Versicherungsvertreter selig werden kann, dann können wir das auch…“ Über Versicherungsvertreter wird meist behauptet, dass sie mit allen Mitteln Geld verdienen. Odoardo fasste seine Arbeitsmoral und Ethik in einem kleinen Buch zusammen, um diese seinen Angestellten weiterzugeben. In seinem Büchlein sagte er, dass Angestellte von Versicherungen Respekt vor anderen Firmen und Konkurrentenüben sollten, diese jedoch auch gut kennen müssten. Außerdem sollten sie stets ehrgeizig bleiben. Die Aufgabe eines Versicherungsangestellten sei wie eine Mission. Eine Mission, die am Ende der Familie ihre Ersparnisse gibt, mit Lebensversicherung und dem Blick in die Zukunft.

Mit Frau und sieben Kindern blickte Odoardo sicherlich in die Zukunft. Wenige wissen, dass er im Jahre 1936 sein Testament verfasste, in dem er vor allem alle Angestellten und Vorgesetzten um Verzeihung bat, die er eventuell ungerecht behandelt hatte, sich zu seinem Glauben bekannte und die Menschen, die ihm nahe standen, nannte: unter ihnen die Armen aus Trient, zu denen auch er selbst und seine Frau gehörten, die Zeitung Avvenire d’Italia, die Azione Cattolica, das San Vincenzo, ein Institut des geweihten Lebens, und Unitalsi. All diesen Institutionen war er beim Aufbau behilflich.